Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1918)
- Date
- 1918-08-23
- Page
- Seite 408 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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408 mich, daß auch er einst diesen Ausdruck gebraucht, den er mir durch eine längere Erläuterung zu erklären suchte: es wäre die Ueberlieferung, oder noch besser die Vererbung, das Kastengefühl. Es könnte sein, daß unsere verschiedenen Rasseninstinkte sich aufrührerisch gebärden, ob wir auch in jeder anderen Hinsicht übereinstimmten. Vergiß es nicht, in seinem Blute regt sich der Osten, in meinem der Westen, zwei Pole, die einander widerstreben. Die ganze Tradition, die historische Atmosphäre haben unsere ganze Denkweise, alle unsere Sympathien verschiedenartig gestaltet, und ich fürchte, dieser historische Geist könnte sich an uns rächen, weil wir ihn aus unserer Mitte auszuschalten uns erkühnten. Ach, Alice, meine Gedanken verlangen so sehr nach Ausdruck.! Aber ich kann sie nicht einmal mir selbst verständlich machen, wieviel weniger erst dir! Ich weiß nur, daß Angst und Furcht in mir wohnen, daß der Gedanke, mich ihm zu eigen zu geben, nicht das süße, selige Unterliegen, sondern einen Sprung in das Dunkel, ein Untertauchen in Finsternis bedeutet." „Was liegt daran, wie tief der Sprung, wie dunkel der Abgrund, wenn seine Liebe dort steht, um dich aufzufangen?" „Ja doch; ich weiß es selbst, daß ich mein Geschick vertrauensvoll mit dem seinigen vereinigen kann. Oder meinst du, ich hätte nicht auch diesen Gedanken in Atome zermalmt, um zu erkennen, wie viel ich verliere, wenn ich mich ihm verweigere? Das ist ja, das mich so bekümmert, daß ein Himmel so voller Licht und Sonnenschein durch einen kleinen Schatten getrübt und verdüstert werden könnte! Ach, Alice, wenn du doch nur meine Empfindungen verstehen könntest, um mir zu raten, um mir zu helfen!" Alice erbebte. Wie anhaltend has Schicksal sie mahnte, fast bettelte, daß sie es doch zu ihrem Vorteil verwende! Sie hatte ja nur nötig, Ellen in ihrer wirklichen oder eingebildeten Furcht zu bestärken, die Gefahr noch ein wenig größer auszumalen, und sie hatte wieder freie Bahn vor sich. Aber schon nach einer Minute wies sie die Versuchung voller Abscheu weit von sich. War denn der Sieg über sich selbst nicht auch ein herrlicher, selbst mit einem Opfer nicht zu teuer erkauft? Sollte sie sich noch einmal auf die Folterbank der Zweifel spannen lassen? Wie eine Erleuchtung kam es jetzt über sie und sie wußte, was die neue Wendung zu bedeuten hatte. Sie hatte bis jetzt schon so viel getan, daß es nur recht und billig war, auch weiter die Hände nicht müßig in den Schoß zu legen. Wollte sie das ausführen, was sie bereits seit einer Stunde begonnen, dann durste sie auch den langen und beschwerlichen Weg nicht scheuen und noch viel weiter gehen. Auch die letzte Kraft durfte sie nicht schonen. Innerlich tat sie ein Gelübde, alles zu tun. „Ich verstehe und würdige deine Aengste durchaus", sprach sie fest. „Freilich begibst du dich auf ein fremdes, unbekanntes Gebiet; fremd sogar auch mir, obwohl ich erröten müßte, dieses einzugestehen. Lächele darum nicht, daß der Blinde sich zum Führer des Blinden machen will. Ich bin doch wenigstens als Jüdin geboren und besitze immerhin die Rasseniustinkte, deren Mangel du zum Anlaß nehmen willst, um dich gegen dein und sein Glück ablehnend zu verhalten. Ich will versuchen, dich mit jenen Eigentümlichkeiten vertraut zu machen, jene Instinkte dir einzuflößen, wenn dieses seiner Liebe nicht gelingen sollte. Ein Frauenherz versteht es doch besser zu einem anderen zu sprechen. Wenn dir diese Zusage genügt, dann will ich dieser Aufgabe mein Leben weihen." „Deine Lebensaufgabe: mich zu behüten?" rief Ellen aufgeregt, „glaubst du denn, daß ich dein hochherziges Anerbieten annehmen werde? Hast du denn nicht selbst ein schweres Kreuz zu tragen und hast du denn keine Pflichten gegen dich selbst zu erfüllen?" (Fortsetzung folgt.) Sprrchlaal. Berlin, 16. August 1918. Sehr geehrter Herr Geh-eimvat! In der letzten Nummer (33) der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" bringt Herr Rabbiner Tr. Gelles unter -dem Titel. „Noch einmal -die Literaturvereine" einen Artikel gegen meine früheren Ausführungen. Ich bitte Sie, mir zu.gestatten, iiim* Sprechsaal Herrn Dr. Gelles zu antworten, da ich eine weitere Diskussion über die Literaturverein-e nicht fortsetzen möchte, zumal sie auf das persönliche Gebiet überzugehen scheint. Ich habe bei meinen Ausführungen nur das sachliche Interesse gehabt, die Lit-eraturvereine in ganz Deutschland zu fördern, und wollte die Vereine „i.m Reich" nur anfeuern-, auch im Kriege ihre Wirksamkeit nicht einzustellen. Ich wollte keinen Gegensatz zwischen dom Berliner Verein und ftert anderen Vereinen „im Reich" Hervorrufen, sondern ich habe auf das Beispiel des zweifellos größten und bedeutendsten Literaturvereins hingewiesen. Um festzuftellen, daß der Berliner Verein der größte ist und daß er seine Ausgaben auch im Kriege gut erfüllt hat, dazu gehört kein! -besonderer „Lokalpatriotismus". Wenn Herrn Rabbiner Tr. Gelles die 1200 Mitglieder nicht imponieren, so kennt er eben die Vereinstätigkeit in Berlin nicht. Es gibt keinen zweiten „literarischen Verein -in Berlin", der so viele Mitglieder zählt wie unser Literaturverein. Bei vielleicht 100 jüdischen Vereinen in Berlin werden an jeden einzelnen so große Aufgaben gestellt, daß die Mitgliederzahl von 1200 feh-r stattlich ist. Herr Dr. Gelles schreibt ferner: „Da können wir „im Reich" doch mit ganz anderen Zahlen dienen, ohne deshalbin den Verdacht der Selbstüberhebung geraten zuwollen." Daraufhin habe ich das Verzeichnis der 207 Literaturvereine vom Jahre 1917 durchgesehen und finde keinen einzigen, der mehr als 400 Mitglieder hat. Oder ist Herr Dr. Gelles sostolz aus die 71 Mitglieder in Lissa? Mit Genugtuung ersehe ich aus der Antwort des Herrn Dr. Gelles, daß, er mit den Vereinen „im Reich" jetzt so sehr zufrieden ist und daß dort ,-di-e überwiegende Mehrzahl der Mitglieder die Vorträge besucht". Hat Herr Rabbiner Dr. Gelles vergessen, was er in seinem ersten Artikel „Ein Weg zur Gesundung der Literatur- Vereine" geschrieben hat? Ich lese darin wörtlich folgendes: „Abgesehen davon, daß nur e-in kleiner Teil .der Eemeindemitglieder dem Verein sich anschloß, entsprach der Besuch der Veranstaltungen weder der Größe des Vereins noch der der Gemeinde." Wenn aber die jetzige Behauptung richtig ist, „daß die überwiegende Mehrzahl die Vorträge besucht", dann wärendie Vereine gesund und- -befindten sich nicht im Niedergang-. Wozu hat denn Herr Dr. Gelles einen Weg zur Gesundung der Literaturvereine zeigen wollen? Herr Rabbiner Dr. Gelles weiß nicht, was ich unter „aktuell" verstehe. Ich will ihm einige Bei-sp-iele geben, welche Vorträge ich als „aktuell" bezeichne. Wenn im vorigen Jahre über „Heinrich Gr ätz zum 100jährigen Geburtstage", wenn in diesem Jahre über „Die Philosophie von Hermann Cohen" gesprochen wird, das sind „aktu-elle" Themen, -die allgemeines Interesse finden'. Auch der Krieg, das größte Welterlebnis, ist, solange er andauert, nicht uuszuschalten, und die „Ostjudienfrage" ist wahrlich aktuell genug! Herr Rabbiner Dr. Gelles schreibt, „daß meine Ansicht den Anfangsgründen der Pädagogik widerspricht". Darüber will ich mit Herrn Rabbiner Dr. Gelles nicht streiten. Aber ich weiß, daß die Vorträge, die im Zusammenhang miteinander stehen, in einer jüdischen Volksschule, die wir demnächst begründen wollen, gehalten werden können, nicht aber -in den Litera kurve reinen. Ich gehöre mehr als 20 Jahre dem Vorstand des Berliner Literaturvereins an und ich habe, ohne Pädagogik studiert zu haben, eine bessere Kenntnis vom Wesen und Wirken der Literaturvereine mit verschafft als viele Pädagogen. Mit vorzüglicher Hochachtung Benas Levy. # Quittung. Bobrka, 15. August. Euer Wohlgeboren! In Erledigung Ihrer w. Zuschrift vom- 26. Juli d. I. quittiere ich hiermit den Empfang von 800 (achthundert) Kronen, welche ich im Beisein d-es Herrn Elias Nacht an hiesige jüdische Bedürftige zum Einkäufe von Lebensmitteln verteilt habe. Im Namen der Unterstützten -spreche ich den herzlichen Dank aus. Achtungsvoll Dr. Schrenzel.