Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1918)
- Date
- 1918-08-23
- Page
- Seite 407 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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407 hatte. Die Bestätigung dafür erlangte sie auch noch durch einen krampfhaften Druck von Ellens fieberhaft heißen Händen und durch deren leidenschaftlichen Ausruf: „Gott sei Dank, daß du endlich kommst!" „Deine Bitte schien gar nicht so dringend zu sein, sonst wäre ich schon eher gekommen", sprach Alice, als wäre dies der wahre Grund ihres späten Kommens. „Ich weiß es — ich weiß es," fuhr Ellen aufgeregt fort. „Aber erst nachdem der Brief fort war, erst in der letzten halben Stunde kam es mir zum Bewußtsein, wie sehr ich deiner bedarf. Alice, du mußt mir Helsen! Hier, lies diesen Brief!" Mit der gleichen Aufregung, wie sie gesprochen, schob sie der Freundin einen zerknitterten Brief hin. Alice erkannte sofort Klaßners Handschrift und ihr Herz blieb stehen. Nur mit großer Anstrengung konnte sie die Worte hervorbringen: „Es ist nicht nötig. Ich kenne den Inhalt. Klaßner bittet dich um deine Hand." „Du weißt es?" fragte Ellen gespannt. „Hat er sich dir anvertraut?" Ein wehes Lächeln umspielte Alices Lippen, als sie Ellens Wange sanft streichelte. „Du närrisches Kind, glaubst du denn, daß man es nicht gemerkt, was sich zwischen euch beiden abspielt?" „Du hast es gemerkt und hast mich nicht gewarnt?" „Ellen, sei wahr, wolltest du denn gewarnt sein?" Diese schlug die-Augen nieder. „Du hast recht. Meine Bemerkung war ganz und gar unangebracht." „Und hast du einen anderen Ausgang erwartet?" fuhr Alice fort, auf den Brief hindeutend, den sie die ganze Zeit über zu glätten versucht, wobei sie nicht umhin konnte, auch den Inhalt zu lesen. „Ich weiß es selbst nicht, was ich erwartet", jammerte Ellen. „Ich hielt es für eine Episode, die sich bald in nichts auflösen werde, wie sie mit nichts begonnen. Ich ahnte nicht, daß sie sich zu einer Katastrophe von ungeheurer Tragweite gestalten könnte. Es war so angenehm, nur für den Augenblick zu lebe», ohne an die Folgen zu denken, und nun ist das Verhängnis über mich hereingebrochen!" Alice wollte etwas entgegnen, doch Ellen fuhr fort, beide Hände der Freundin ergreifend: „Jawohl, ein Verhängnis! Denn groß wie meine UnachtsamVeit ist auch meine Strafe. Als ich heute früh den Brief erhielt, war mir die erste Stunde gnädig. Ich war betäubt, wie vor den Kopf geschlagen, daß ich überhaupt nichts denken, nichts fühlen konnte. Allmählich aber wurde mir der Inhalt klar, da habe ich mich hier eingeschlossen. Mein ganzes Denken ist lahmgelegt, daher mußt du für mich denken, für mich fühlen." „Ellen, höre, was ich dir sagen will! Meine Hilfe wäre nicht erforderlich, du wärest über die Antwort nicht im Zweifel, wenn dein Herz . . ." „Gott im Himmel, muß ich dir erst sagen, daß — daß — ich — daß ich ihn liebe?" Alice hielt den Atem an. Sie wollte nicht sprechen, da ihr eigenes Herz nur Ellens Ausruf hätte wiederholen können, vielleicht in einer anderen Weise, die aber die Hülle von ihrem Innern unbarmherzig heruntergerissen hätte. Und die Versuchung regte sich in ihr, es doch zu tun, um Ellens Zweifel zu vertiefen und dadurch ihren Verzicht zu erleichtern. Aber sie schwieg. Ellen hatte die Freundin die ganze Zeit aufmerksam beobachtet und wartete gespannt, bis sie sprechen würde. Als Alice aber immer noch schwieg, konnte sie einen leisen Seufzer nicht unterdrücken. Alice vernahm es und sie berührte leise Ellens Schulter. „Nein, nein, Alice!" wehrte Ellen. „Ich verzichte. Ich hätte auch deine Hilfe nicht beanspruchen sollen! Ich kenne jetzt die Antwort, die ich ihm geben muß. Zu den vielen anderen Schwierigkeiten, die sich einer Verbindung mit ihm entgegenstellen, ist in diesem Augenblick noch eine neue hinzugekommen. Ja, ich weiß jetzt, welche Antwort ich ihm geben muß," wiederholte sie todesbleich. „Nein, Ellen, das weißt du nicht, daher wollen wir beide sie herauszufinden suchien. Aber wir müssen uns mit dem Kern der Sache befassen. Eigentlich liegt doch zwischen euch nichts anderes als daß ihr eure Glaubenslehren aus verschiedenen Büchern gelernt." „Nichts anderes? Und doch ist dies allein nicht auch schon übergenug?" „Siehe, Ellen," fuhr die andere fort, ohne den Einwand zu beachten. „Um Schwierigkeiten zu überwinden, gibt es zwei Wege: entweder man läßt sie riesengroß anwachsen, daß sie uns überwältigen, so daß wir für die Folgen nicht mehr verantwortlich sind, oder man zermalmt sie zu Nichtigkeiten, daß wir sie beherrschen und mit dem Fuß zertreten. Welchen Weg würdest du vorziehen?" „Ich verstehe deine Frage nicht, darum kann ich sie dir noch nicht beantworten." „Deine Offenheit erleichtert mir meine Aufgabe. Ich bin ja kein Gelehrter, meine theologische Wissenschaft besteht nur darin, daß alle Wege zu Gott führen. Gott hat allen Menschenkindern die Lebenswege geebnet, die Menschen aber geben sich die größte Mühe, überall einen Irrweg, ein Labyrinth daraus zu machen. Am allerwenigsten aber war es sein göttlicher Wille, daß zwei Menfchenherzen, die füreinander geschaffen sind, um den Lebenspfad gemeinsam zu wandeln, sich trennen und auf verschiedenen Wegen gehen sollen, weil man sie gelehrt hat, das Vorhandensein einer Himmelsmacht durch verschiedene Gebete anzuerkennen." „Fahre fort, Alice", flüsterte Ellen. „Ich glaube, daß du dich auf der richtigen Bahn befindest." „Brauche ich denn noch fortzufahren? Muß ich dir denn deine eigenen Worte wiederholen, daß du ihn liebst?" „Das wohl nicht, aber es sind doch noch so viele andere Sachen vorhanden, über die ich nicht hinwegkommen kann. Auch ich kann die Sache nicht von der theologischen Seite behandeln: für mich ist eigentlich nicht das Göttliche, sondern das Reinmenschliche der springende Punkt. Ich denke sehr stark daran, obwohl ich doch nur ein schwaches Weib bin. Ich gestehe dir offen, daß es nicht allein religiöse Skrupel sind, die mich quälen. Glaubst du denn, daß mein Geist müßig und untätig in den letzten drei Monaten verharrt, seit — seit — ich nebelhaft und verschwommen zu ahnen begonnen, daß es leise an mich heranschleicht, um aber bald mit Riesenschritten meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen? Siehe, Alice, vielleicht ist es eine Gotteslästerung, aber ich muß es dennoch aussprechen: ich habe bereits ausgehört, mich vor dem alten Bibelgott zu fürchten, dessen ernste und strenge Anforderungen so verschieden sind von dem menschlich-guten, jungen Gott, mit dem ich doch seit meiner frühesten Kindheit so vertraut bin. Und nachdem ich erst so weit gekommen war, glaubte ich alles andere gar leicht bewerkstelligen zu können. Und dennoch . . ." „Was fürchtest du noch mehr?" fiel ihr die Freundin ins Wort. „Ich weiß nicht, ob ich es überhaupt Furcht nennen soll. Es ist so ein unsicheres, zaghaftes Gefühl, über eine befremdliche, unentwirrbare Sache. Es ist freilich nichts, das in unserem späteren Eheleben eine hervorragende Rolle spielen würde; es ist auch nichts, das durch irgendein Heilmittel, durch eine Anpassung unserer Charaktere beseitigt werden könnte: aber es ist so ein zarter, ganz leiser Unterton, der sich zu einem häßlichen Mißklang gestalten könnte, so sehr wir auch nach einer Seelenharmonie streben möchten. — Alice, ich erinnere