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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-08-23 · Heft 34 (23.8.1918) · p. Seite 404

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 34 (23.8.1918)
Date
1918-08-23
Page
Seite 404 (sequence 8)
Language
German
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404 die Rede) ist Gottes". Offenbar schwebt dem Apostel jenes Wort aus den alttestamentlichen Sprüchen vor Augen: „Fürchte, mein Sohn, Gott und den König, usw." Paulus freilich meint die heidnische Obrigkeit. Hierfür nun bieten sich Parallelen im Talmud'): B'rachot 58 a; Abot 3, 2 b; noch schärfer Abodah zarah 4 a; Sukkah 30 a (ein für das Königtum überaus ehrender Vergleich zwischen Gott und einem König); Sukkah a. a. O. Baba kamma 113 a: Verbot der Steuerhinterziehung. Dieses Verbot wiederum hängt mit Wl smsS»“! XI'N „das Staatsgesetz hat bindende Kraft" zusammen, Baba kamma a. a. O.: dem bekannten Ausspruch, dev mit seiner epigrammatischen Wucht ein Prinzip (Baba kamma a. a. O.; Baba batra 54 b, 55 a; Gittin 10 b, N'darim 28 a) in der talmudischen Literatur geworden ist. Die moralische Verpflichtung, für die Obrigkeit zu beten (sie ging in die religiöse Praxis über und zeichnet das Verhältnis zur Obrigkeit als ein innerliches), ist im Talmud erplizite ausgesprochen (Abot 3,2 a); bei Paulus implizite, eine Schlußfolgerung aus Römer 13, 1—5 einschließlich. Jetzt sei ein Harrassprung gestattet: zur Sexualethik. Die Pauilinische verrät ihre Verwandtschaft mit der jüdischen. 1. Die sexuelle Sünde (Tatsünde) erscheint dem Talmud als so groß, daß er sie nicht selten als NN'Iv „Sünde" schlechthin charakterisiert; z. B. N'darim 20 a, Mischnah Sotah 1,7, Sotah 10 a, M'gillah 12 a, Kidduschin 81 a, Gittin 56 b. Den heiligen Krieg, den das Alte Testament gegen die Unzucht führt (loci classisi sind 3. Buch Mose Kapitel 18 und 20), hat der Talmud mit unentwegtem Eifer fortgesetzt. Er brandmarkt unkeusche Worte und erst recht unkeusche Handlungen. Nicht minder die feineren Aeußerungen der Unkeuschhcit: unkeusche Blicke u. dgl., selbst unkeusche Regungen. In solchem Geiste unternimmt der Apostel seinen Feldzug gegen die Unzuchtssünde. Er ist entrüstet und erschüttert. Unermüdlich warnt er. So gern er, wenn er vom Geschlechtsverkehr redet, diskrete Wendungen wählt (z. B. nh ir.o’jrzpt'-z dix^ous „entzieht euch einander nicht": vergleiche M'gillah 25 b), muß er doch da und dort das Kind beim rechten Namen nennen, um auf die Gemüter Eindruck zu machen. Daher in jenem sogenannten Lasterkatalog die Häufung verschiedener Bezeichnungen von Unzüchtigen. (1. Korinther 6,9). 2. Die E h e. Interessant ist eine Parallele zwischen dem Apostel Paulus und dem Gesetzeslehrer Ben Afai: beide sind Mystiker, beide sind Zölibatäre. Die Uebereinstimmung läßt die Verschiedenheit desto plastischer heraustreten: Ben Asai ist ein prinzipieller Gegner der Ehelosigkeit. Paulus ein prinzipieller Gegner der Ehe. Obgleich nun zwei einander entgegengesetzte Weltanschauungen aufeinanderplatzen, die Paulinische: Trapc^ei xtX „Denn am Vergehen ist die Gestalt dieser Welt" und die jüdische: '121 1N71 X*? „Nicht zur Einöde hat er (Gott) sie (die Erbe) geschaffen; damit sie bewohnt werde, hat er sie gebildet" — trifft dennoch Paulus, der sein eigenes Prinzip durchbricht und aus echtjüdischer, tief eth ischer Angst vor der Unzucht die Institution der Ehe befürwortet, mit dem Judentum zusammen. Die Ehegemeinschaft wird von Paulus mehr implizite, vom Judentum explizite zur seelischen geadelt: a) Paulus: Der Mann ist zwar des Weibes „Haupt". Aber die Frau ist des Mannes „Ehre" (ein Anklingen an Sprüche 12, 4a), wie der Mann „Bild und Ehre Gottes" ist. b) Judentum: Die Propheten verlebendigen den Bund zwischen Gott und Israel unter dem Bilde bräutlicher Liebe (Jesaja 62, 5; Jeremia 2, 1; Hosea 2, 21 ff.). Mit dem Alten Testament wetteifert der Talmud. Herausgehoben sei: Die Identifikation von „Haus" und „Zelt" mit „Weib" ist dem Talmud etwas Selbstverständliches; z. B. Mischneh Joma 1, 1; Gittin 47b; Mo'ed Eaton 7b, 15b; Ehullin 141 a; Sanhedrin 22 a. Das dem lli'2 „sein Haus" analoge 1NN'21 hat geradezu die Bedeutung „sein Weib"; z. B. K'tubot 65 a (viermal). Das Markanteste: J'bamot 62 b, Sanhedrin 76 b. Daselbst ist die Liebe und Berohrung des Mannes seinem Weibe gegenüber offenbar als das Fundament einer religiös-ethischen Erziehung der Kinder gedacht, so daß das häusliche Glück seine Vollendung erlebt. 3. Die Scheidung wird von Paulus fast a limini5), vom Judentum nicht") a limine abgelehnt. Aber den Widerwillen gegen die Scheidung teilt der ApostelmitdemJudentum. Maleachi 2,16 lesen wir. daß Gott die Scheidung „haßt". Das Finale eines Abschnitts, der dl: (r::berechtigte) Scheidung als einen Frevel stigmatisiert. Im Talmud begegnen wir der gleichen Anschauung zu wiederholten Malen und in eindring l i ch st e r Weise; z. B. Mischneh N'darim 9, 5 und 9, 9. In 9, 5 wird dem Manne gegenüber, zugunsten seiner Frau, ein finanzielles Moment geltend gemacht, und so die vom Manne beabsichtigte Scheidung tatsächlich verhindert. In 9, 9 hingegen walten tiefethische Momente, die der Scheidung Vorbeugen sollen. 9, 5 und 9, 9 sind Joreh de'ah hilchot n'darim zu einem Paragraphen vereinigt, wobei 9, 9 mit seinen tiefethischen Momenten vorangeht. In der Mischneh torah hilchot sch'buot ist nur die eine Mischnah rezipiert, und zwar, was wiederum charakteristisch ist, 9, 9. Kurz vorher, im Zusammenhänge damit, betont die Mischneh torah den „Frieden zwischen einem Manne und seinem Weibe". Ein Wort, das aus dem Talmud stammt und dort energisch hervortritt (N'darim 16 b, Schabbat 116 a, Makkot 11a, Sukkah 53 b, Ehullin 141a). Um unsere Ausführungen zu resümieren: Im Kampfe gegen das Judentum (das „Gesetz") hat Paulus das Zeremonialgesetz, das dem Judentume ein dauernder Besitz geblieben ist, für null und nichtig erklärt. Hinsichtlich des Sittepgesetzes wohnten zwei Seelen in seiner Brust: eine gesetzesfreie und eine gesetzestreue. Das Sittengesetz wußte sich zu behaupten. Im Sitten ge setz erkannte der Apostel Ewigkeitswert. 5) Das Hauptmotiv ist für Paulus, ohne daß er es nennt, zweifellos dasselbe wie in puncto Ehe: die — wir möchten unsere Worte wiederholen — echtjüdische, tiefethische Angst vor der Unzucht. Es liegt, um uns eines tälmudschen Terminus zu bedienen, eine Art ^l!21ffl *?p vor, nämlich: Wenn der Apostel die Ehe, deren prinzipieller Gegner er ist, dennoch „wegen der' Unzuchtsverirrungen" gutheißt, dann muß er die Nichtauflösung der Ehe erst recht gutheißen. Denn die Auflösung der Ehe kann leicht solche Verirrungen, wie überhaupt — was wir in des Paulus Sinne hinzufügen dürfen — die Haltlosigkeit der Gatten und der Kinder herbeiführen. Selbst wenn ein Teil der Gatten nicht zu den Gläubigen zählt, selbst dann soll die Ehe fortbestehen. Nur wenn der ungläubige Teil die Lösung der Ehe wünscht, dann freilich soll die Trennung erfolgen. ®) Das Judentum erkennt zwei Scheidungsmotive an: a) Ehebruch, b) tiefe Abneigung: siehe Eben ha'eser 119, 3 (Schluß) und Bet Samuel sowie Chelkat m'chokek zur Stelle. *) Im Geiste des Alten Testaments.

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