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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-08-23 · Heft 34 (23.8.1918) · p. Seite 403

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 34 (23.8.1918)
Date
1918-08-23
Page
Seite 403 (sequence 7)
Language
German
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408 13, '21 f., 24; 5,1; 9,30; 10,4, 6, 10. Und was hierbei das Bedeutsamste ist, der Glaubensgerechtigkeit sind ganze Abschnitte gewidmet: Galater 2,16—3,25; Römer 1.17 '(das Thema) bis 4, 25; 9, 30—10, 14. Der v<5(h»s soll sich verabschieden. Das Zeremonialgesetz wird entlassen. Paulus macht tabula rasa. Er greift zwar einiges heraus, meint aber zweifellos das ganze Zeremonialgesetz. Auf die Beschneidung, die als die Eingangspforte zum Judentum zu charakterisieren wäre, hat er seine lebhafteste Aufmerksamkeit gerichtet. Er hat sie mit unerbittlicher Heftigkeit angeklagt und andrerseits mit einer gewissen Liebe verteidigt. Woher kommt dies? Der Apostel ist in den Bund Abrahams ausgenommen. Soll er eine Institution, die tief verwurzelt ist, entwurzeln? Daher zeigt ihn der Römerbrief (2,25—3,1 f.) in seelischem Konflikt. Aber in praxi hat er die Zirku mz is io n abge s chafft. Das beweist der Galaterbrief, der chronologisch erste. Seine Genugtuung darüber, daß sein Begleiter Titus, ein Grieche, nicht zur Beschneidung gezwungen wurde, unterdrückt Paulus keineswegs. Er setzt eS durch, daß er und Barnabas für die Heiden wirken, das heißt, ohne sie der Beschneidung zu unterwerfen. Wie ein Protest gegen Paulus gibt sich Mischnah N'darim 3,11, wo sechs Aussprüche stehen, die alle mit nSYn „etwas Großes ist die Beschneidung" anfangen. In der betreffenden G'mara begegnen wir dem gleichfalls mit r6’tt beginnenden Ausspruch, daß die Beschneidung sämtliche Gebote aufwiege. Jetzt bemächtigt sich unser die Frage: Teilt das Sittengesetz bei Paulus das Schicksal des Zeremonialgesetzes? Nun, so heftig er es — um der niarit, deS „Glaubens", willen — bekämpft, es zu beseitigen gewinnt er nicht über s i ch. Wie sollte er dies auch! Er, der Heidenapostel, vor den Heiden! Dann wären sie ja, um mit dem Talmud zu reden, m&Hpb mittn rwnpö "von einer, selbst bei ihnen strengeren Sittlichkeit zu einer nicht strengen" degradiert. Das ethische Gesetz freilich gefällt dem Apostel insofern nicht, als es eben ein Gesetz ist, d. h. nach des Paulus Meinung, ein Zwang, eine Knechtschaft. So prägt Paulus den Gegensatz ydw* — irvet»,u.« „Buchstabe — Geist". Was ist -veü(j.a? Wir sehen Paulus im Kampfe, wie Holsten es nennt, zwischen Theorie und Wirklichkeit, besser zwischen Ideal und Wirklichkeit. Der Apostel wünscht und denkt, die dpi sei der Vergangenheit verfallen, die Unheilstifterin sei vom -ve5|xcc . endgültig abgelöst. In der Wirklichkeit stößt er auf die Härte, daß die „nur ideell tote dpi " mit ihren Begierden noch am Leben ist, sich noch, sozusagen, blühender Gesundheit erfreut und gegen das -wpa rebelliert. Solches ist göttlichen Wesens. Daher befähigt und bestimmt, die dpi tatsächlich niederzuringen. So verherrlicht Paulus das dem TPWa gegenüber: Das Ethisch-Gute ist nicht deshalb zu verehren und zu vollsühren, weil es „geschrieben" steht sondern deshalb, weil das rveOfjwc (der Kindschaft) dazu treibt, nämlich die inner st e Freudigkeit. Als Resultat ergibt sich: Wo das^eüp», dort die Freiheit. Paulus will das „Gesetz", als die Legalität, entthronen und die „Freiheit", als die Moralität, auf den Thron emporheben. Ihm ist dies des „neuen Bundes" tiefster Sinn. Er verdeutlicht es in einer Allegorie: Hagar, das Nebenweib — „Gesetz"; Sara, das Eheweib „Freiheit". Was also, um zu präzisieren, bedeutet ihm diese „Freiheit"? Das ethische Gesetz ohneGesetz. Paulus verkennt, daß auch das im Alten Testament „geschriebene" Gesetz durchaus der Berwirklichung zu inner st er Freudigkeit fähig ist. Es bedarf nur des Hinweises auf '131 ronxi „Lieben sollst du den Ewigen usw." (5. Buch Moses 6,5), ein Schriftwort, das die Synoptiker (Matthäus 22,37; Markus 12,30; Lukas 10,27) als einen Hauptgrundsatz der Thora betonen. Und die Anschauung, die reine Liebe zu Gott solle bei Vollführung der Gebote das allein Herrschende sein, gelangt in der Mischneh torah hilchot t'schubah zu vollster Würdigung: alles Eudärnonistische, mag es negativ (auf die Vermeidung göttlicher Strafe) oder positiv (auf die Erlangung göttlichen Segens), mag es auf das Diesseits oder auf das Jenseits gerichtet sein — es ist und bleibt eine niedere Stufe. Die höhere, die höchste ist und bleibt mW r6l*U mrtK die „übermächtige Liebe" zu Gott. Jedenfalls fordert der Apostel das Ethische. Aber die Huldigungen, die er der „Freiheit", dem ethischen Gesetz ohne Gesetz, darbringt, wurden mißdeutet. Er ist genötigt, mit seiner Mahnung zur „Freiheit" seine Warnung vor der Freiheit zu verbinden. Vor derjenigen Freiheit, die mit der dpi alliiert ist. Galater 5,13. Sofort kehrt Paulus in optima forma zum vo[.ios zurück. Z u m alt t e st a m e n tltche n Si 1 te n - gese tz. Galater 5,14. Wenn er daselbst apodiktisch erklärt, das „ganze Gesetz" lasse sich in das Gebot der Nächstenliebe zusammenfassen, so erinnert dies an den Ausspruch des Gesetzeslehrers Hillel: nb’D mim KYI 1? „Das ist die ganze Torah". (Schabbat 31a). Und Römer 13 führen die Verse 8 bis 10 — die wie eine Erläuterung zu unserer Stelle, zu Galater 5, 14, zu betrachten sind — die zweite Tafel des Dekalogs („und alle anderen Gebote", Vers 9) auf das Gebot der Nächstenliebe zurück. Hier gibt Paulus der Nächstenliebe ebenso eine negative Fassung wie Hillel. Beiden jedoch involviert das Negative sicherlich das Positive. Denn wer keine positive Liebe ausübt, ist eben lieblos. Das ist selbstverständlich. Wirklich sehen wir Paulus und Hillel aus seiten der positiven Liebe: a) Paulus in demselben Römerbriese, innerhalb desselben Gedankenkreises, in Kapitel 12, wo das Positive das Negative übertönt. b) Hillel dringt in den älttestamentlichen Geist der Menschenliebe (5. Buch Mose 15,7—11 einschließlich) tief ein. Daher verordnet er den Prosbul, mittels dessen zinslose Darlehen der Reichen an die Armen ermöglicht werden (Mischneh Sch'bi'it 10, 3; Gittin 36a, b). Hillel selbst wird nachgerühmt, daß er sich bis zur weitestgehenden Selbstverleugnung menschenfreundlich betätigte (K'tubot 67 b). Wie überhaupt das alttestamentliche und das talmudisckze Schrifttum für die Armen usw. zartsinnig und zugleich energisch eintreten. In dem eben erwähnten Kapitel 12, gegen Schluß, gebietet der Apostel die hilfreiche Feindesliebe. Wem entlöhnt er sie? Wie er selbst bekennt, dem Älttestamentlichen: „Wenn deinen Feind hungert, usw." (Sprüche 25,21). Ein Seitenstück hierzu bietet die Talmudstelle Baba m'zia 32 b. Man bedenke, daß im Römerbrief die Kapitel 12 und 13 die „christlichen Lebensregeln" predigen! Das glutvolle Kapitel aber, das die Liebe besingt, das dreizehnte des 1. Korintherbriefes, ist nichts als die Detaillierung dessen, was wir über die Liebe bereits aus des Paulus Munde vernahmen. Zwischen die Gebote der Feindes- und der Nächstenliebe hat Paulus die Pflichten gegen die Obrigkeit eingebettet. Eine neue Anerkennung des älttestamentlichen Sittengesetzes. Nicht nur in dem Sinne, daß die Torah die Einsetzung der Obrigkeit wünscht, Gehorsam gegen die Obrigkeit befiehlt und den Grundsatz aufstellt: „Denn das Gericht (vom irdischen ist

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