Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1918)
- Date
- 1918-08-23
- Page
- Seite 402 (sequence 6)
- Language
- German
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402 der Bäuerin, der ein Verbrechen, das Anzünden einer großen Schmiede, auf der Seele fühlend, durch ein robustes Trinterleben sein Verbrechen betäuben will, aber durch eine Andeutung eben jenes Mädchens ergriffen, die bisher, weil sie wähnte, die Tochter eines Mordbrenners zu sein, sich still und unerkannt durch das Leben schleicht, seinem Leben Plötzlich ein Ende macht. Ein solcher Verbrecher, dessen ganzes Leben Roheit und Gemeinheit, Auflehnung gegen das Recht war, läßt sich nicht so leicht überwältigen. Gegenüber solchen großen Fehlern, die in dem Stücke Vorkommen, sind freilich manche Vorzüge zu rühmen: der Pfarrer ist würdig gezeichnet, einzelne Bauerntypen, z. B. die alte Bauernmagd Creszenz, sind gut aufgesaßt, aber das Gänze bekundet mehr geschickte Theatermache als wirkliche Poesie. Kann man daher Mosenthal nicht als Dichter hohen Ranges preisen, so rühren manche Werke von ihm her, die ihm einen bleibenden Platz unter den bedeutenden Schriftstellern gewähren. Er hat während seines Lebens außerordentliche Anerkennung erfahren und darf noch heute als ein geschickter Erzähler, als ein stimmungsreicher Lyriker und als ein wirksamer Bühnenschriftsteller bezeichnet werden. Was ihn uns aber besonders wert macht, das ist sein edles Menschentum, sein inniger Zusammenhang mit seinen Eltern und Geschwistern, sein herzliches und tHrständnisvolles Zusammenleben mit seiner Gattin, sein unerschütterliches Anhänglichkeitsgefühl an sein Vaterland und seine Treue zu seiner Religion. Ser Motte! Kaulus und leine Srziehungen?um Judentum (?mn„Geletz"). Von Dr. Pick, Rabbiner (Strasburg, Westpr.). er Apostel Paulus zählt zu den interessantesten Persönlichkeiten. Schon wegen seines Uebergangs von dem einen Radikalismus zu dem entgegengesetzten. Um ihn in seinen Beziehungen zum Judentum kennen zu lernen, müssen wir die vier Hauptbriefe (den Römerbrief, die zwei Korintherbriefe und den Galaterbrief, der als der zeitlich erste gilt) befragen. Ihre Echtheit wird von Männern wie Harnack, Deißmann, Bernhard und Johannes Weiß, Holsten, Lüdemann, Holtzmann, Lietzmann, Bousset, Gunkel, Staerk, Weinet, Wernle, Pfleiderer, Weizsäcker, Jülicher, Wrede, Wendland und anderen aufrechterhalten. Diese Hauptbriefe sind auch sozusagen ein Selbstporträt des Mannes, den wir uns unter Paulus vorzustellen haben, als des von seinem Temperament Erfaßten. Sie enthalten vielfach „Stimmungen". Doch unser Urteil lalltet: Nicht ein wissenschaftliches System, wohl aber gewisse „systematische" Anschauungen treten bei Paulus hervor. Es gilt, verschlungenen Pfaden nachzuspüren. Die Frage, die uns beschäftigt, wäre so zu formulieren: Bekämpft Paulus nur das Zeremonialgesetz oder auch das Sittengesetz? Wissenschaftlich gefordert wird die Antwort: beides und wiederum nicht beides. Bei Paulus gibt es ein doppeltes Gesetz: erstens das für die Juden, das alttestamentliche, zweitens das für die Heiden, das — Paulus bedient sich eines stoischen Terminus — Pön „von Natur" in jedes Menschenherz geschriebene. Dieses natürliche Gesetz hat beim Apostel dem alttestamentlichen gegenüber etwa den Wert eines Surrogats. Das alttestamentliche, welches das Zeremonial- und Sittengesetz umspannt, es katexochen bezeichnet, hat Paulus im Auge. Dafür bildet einen zwingenden Beweis schon das „natürliche" Gesetz, das ja ausschließlich das Sittengesetz sein muß. Und zur Bestätigung der herrschenden Sündhaftigkeit zitiert Paulus alttestamentliche Verse, die nicht das Zeremonielle berühren, vielmehr Gottesfurcht und vor allem Ethisches. Das gegen das „Gesetz" (den zugespitzte Paulinische Argument, das zunächst in Betracht kommt. Präzisieren wir dahin: Den Menschen hilft das Gesetz gang und gar nicht, denn sie sind und bleiben doch Sünder. Sie, d. h., wie Paulus es ausdrückt, die Griechen und die Juden. Selbst die Juden. Trotz des alttestamentlichen Gesetzes. Sogar, so paradox es klingt, infolge des alttestamentlichen Gesetzes. Mißachtet es Paulus? Einem solchen Vorwurf, den er. im Geiste hört, begegnet er mit dem stereotypen und dennoch aus dem Innersten hervorgestoßenen m yivoito, einem Schreckens^ rufe, der dem talmudischen 1"N entspricht und, in freier Uebersetzung, durch „bewahre Gott!" wiederzugeben wäre. Der Apostel ist von der Herrlichkeit und Göttlichkeit dieses Gesetzes tief überzeugt. Aber er hält es für eine psychologische Tatsache, daß erst das Gebot »Du sollst nicht begehren" die Begierde im Menschen wecke und fördere; was nur in gewissem Sinne zutriffll). Wir brauchen freilich nicht anzunehmen, Paulus wähne den Menschen völlig in Sünde getaucht. Er kennt wohl den „guten Trieb", den er als voü? (Denken) und als den „inneren Menschen" bezeichnet. Den vouc, der keine Substanz, sondern nur eine Kraft bedeutet, läßt er im siebenten Kapitel des Römerbriefes mit der <«<ps (dem „Fleisch", das heißt, um in der Kirchensprache zu reden, dem „natürlichen" Menschen, im Gegensatz zum „geistlichen" Menschen), die wohl substantieller Natur ist, in erbittertem Hader liegen. Wenn er die <s«p£ für unüberwindlich erklärt, so dürfte dies hyperbolisch zu deuten sein^). Immerhin erscheint ihm die Allgewalt der s»pS unheimlich. Beachte die leidenschaftlichen Wiederholungen: Römer 7, 15, 16 a, 17 a, 18 b, 19, 20 a, 21b! Weil mithin nach paulinischer Anschauung die «<ps, genauer die Begierden der ®«p? dem voO« ununterbrochen und nur zu erfolgreich trotzen, darum erfolgt die Sixaiooivr, (Gerechtigkeit — Rechtfertigung) nicht durch den sondern durch die tootic, den „Glauben". Diese Art „Gerechtigkeit" — und hiermit tritt ein neues Argument aus den Plan — ist schon deshalb ein Erfordernis, weil die (die göttliche „Gnade") es verlangt. Also — die Sünde muß, zugunsten der Gnade, möglichst üppig emporschießen! Aber, so fragen wir, ist dies für einen ernst Denkenden, und wäre es selbst ein Heide, ein vollziehbarer Gedanke? Und Paulus, der als Jude Geborene und Erzogene, hat ihn vollzogen! Der Mann, dem die Sünde die grellste Disharmonie war und ist! Nun, die Sünde ist ihm nach wie vor die Macht, vor der seine Seele zittert^). Und die Sünde ist ihm, wie wir erwähnten, die Macht, aus der die Gnade entsteht. Denmach ist ihm die Sünde die Macht, die das Böse will und das Gute schafft. Das ist für ihn die geradlinige Konsequenz: Wenn beziehungsweise soweit es „Werke" (religiössittliche Handlungen) gäbe, sie würden die Gnade verdrängen. In diesem Sinne handelt es sich für Paulus um ein Entweder — Oder: entweder Gesetz oder Gnade. Die Swaioiüvi] ix -ü-zu<k die „Glaubensgerechtigkeit" siegt. (Siehe Galater 2, 16; 3, 6, 8, 11; Römer 1, 17; 3, 22, 25 s., 30; 4, 3, 5, 9, 11, h Sofern das — wir möchten es so ausdrücken — laute „Du sollst nicht begehren" die im Verborgensten schlummernde Begierde leicht wachrufen kann. Doch unbedingt gültig ist ein solches Urteil nicht. Das Triebleben entwickelt sich auch da, wo „Du sollst nicht begehren" nicht hineintönt. *) So entschieden zum Beispiel Cremer in R.-E? und R.-E? es leugnet. *) Unmittelbar nachdem er den Ueberreichtum der Gnade in den brennendsten Farben gezeichnet hat, fragt er erschrocken: „Wollen wir bei der Sünde!beharren, damit die Gnade desto größer werde?" Cs laßt ihm keine Ruhe. Nochmals entringt sich ihm: „Wollen wir sündigen, weil wir . . . unter der Gnade sind?" Beide Male folgt: „Bewahre Gott!"