Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1918)
- Date
- 1918-08-23
- Page
- Seite 401 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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401 „Einsame Menschen" und Wassermanns „Juden von Zirndorf". Wissenschaftliche Werke sind ziemlich zahlreich übersetzt: Stracks „Talmud", Franks „Kabala", Grätz', „Geschichte der Juden" natürlich, aber auch Ritters „Geschichte des Volkes Israel" und Webers „Weltgeschichte"; dann auch Sombarts neue Schriften über das Judenproblem und die bekannten älteren Hauptwerke (Lazarus, Berliner, Moses Heß) über dasselbe Thema. 'Selbstverständlich sind die Zionistensührer Herzl, Nordau, Zangwill ganz da, aber auch Emerson und Elliot, Zola und Flammarion, Nansen und Hamsun. Daß die althebräische Literatur in den besten Ausgaben vertreten ist, und zwar in ihrer ganzen Breite, versteht sich von selbst, und ebenso, daß die ganze jiddische Dichtung, ins Hebräische übersetzt, vorliegt; und so reichen sich in dieser ältesten und zugleich neuesten Kultursprache das Altüberlieferte und das Jungeschaffene, der Osten und der Westen, brüderlich die Hände; zugleich aber wird die lesende Bevölkerung der einen Stadt Bialystok zum Vertreter für das ganze Judentum des Ostens. Denker und Dichter jüdilchen Glaubens. Von Ludwig Geiger. (Schluß.) in wirklich schönes Gedicht ist dasjenige, das er dem berühmten Wiensr Obexkantor Salzer zu dessen Jubiläum weihte. Auch aus diesem seien hier einige Strophen mitgeteilt: Und wie erlöst aus langer Knechtschaft Banden Erklangen jubelnd sie im Gotteshaus Und zogen als geflügelte Gesandten, Zu fernen Zonen übers Weltmeer aus. Solang' die Stimme aus der Seele Tiefen In Klang verkehrt der Tonkunst Hieroglyphen, So lange leben und erklingen wieder Als Eigentum der Kunst — die Zionslieder. Doch wenn er selbst, von Inbrunst tief erschüttert. Auf Flügeln des Gesangs Hochauswärts schwingt. Wenn seine Stimme durch die Seelen zittert, Seht ihr, wie K u n st die Andacht sanft umschlingt. So stimmt er, jugendfrisch im Greisenalter, Ein. halb Jahrhundert an den heil'gen Psalter, Ein Priester Gottes — mit der Muse Leier. Und ihm gilt dieser Stunde Festesfeier. Für unsere Zwecke ist das anziehendste Gedicht „Heimat in der Fremde". Ein Jüngling reist nach der Fremde und vergißt einigermaßen die Heimat und seinen angestammten Glauben. Da erfährt er den Tod seiner Mutter, trifft eitlen alten Juden, wird von ihm in die Synagoge geführt, wo die Eindrücke seiner Kindheit sich erneuen und die Erinnerung an seinen großen Verlust ihm lebendig wird. Der Dichter schließt mit den Worten: Er lauscht der Sprache, die dem Kind geklungen, In der, wenn er die Sabbatnacht begrüßt. Sein frommer Vater Psalmen einst gesungen. In der die Mutter segnend ihn geküßt. Und wie er hintritt zu dem heil'gen Schrein, Um der Verklärten an des Altars Stufen Den letzten Gruß der Liebe nachzurusen Und tönend stimmet die Gemeinde ein — Da überkommt's ihn, wie in frühern Tagen, Er sieht die Mutter festlich weiß geschmückt, Er sieht sie, gegen Osten fromm gebückt, Amen, jehe schme rabbo sagen, Und tränenvoll hebt sich sein Aug empor. Und wieder hat sein Herz, was es verlor. Die meisten der Dramen Mosenthals, die nach einem kurzen allerdings teilweise rauschenden Beifall von der Bühne verschwanden, brauchen hier nicht erwähnt zu werden, nur bei zweien muß man etwas länger verweilen: „Debora" und „Der Sonnenwendhof". „Debora" ist ein wirksames Bühnenstück, aber eine schlechte Dichtung. Debora, ein flüchtiges Judenmädchen, verliebt sich in einen reichen Bauernsohn, der sie heiraten will. Dadurch gerät er mit seinem Vater in Zwist, verläßt sie aber, dem Vater und einer Jugendgeliebten zuliebe, um so leichter, da er des Glaubens ist, Debora habe sich durch Geld abfinden lassen. Die Verlassene, Zeugin seiner Trauung, flucht ihm und seiner Nachkommenschaft. Trotzdem wird er glücklich. Debora kehrt nach fünf Jahren zurück, in der Absicht/ sich an den Wirkungen ihres Fluches zu weiden, zieht sich aber verzeihend zurück, nachdem sie erkannt hat, wie in dem Glücke des Paares auch ihr Andenken gesegnet wird. Was ich an dem Stücke schlecht finde, ist der Wankelmut Josefs, des Bauernburschen, der von einer zur anderen Geliebten taumelt und selbst in seinem Eheglück das Andenken an die Verlassene nicht aufgibt. Sodann die falsche Aufklärung, die das ganze Stück durchzieht. Diese steiermärkischen Bauern sind, obwohl sie gelegentlich Judenhaß verkünden und durch Taten beweisen, von einem Humanitätsdusel erfüllt, der in keiner Bauernseele Platz hat. Verfehlt ist ferner die Figur eines Schulmeisters, der, was keiner in seiner Umgebung weiß, ein getaufter Jude ist, der aber von einem flüchtigen Juden erkannt wird und, da sich dessen Mitteilung im Dorfe verbreitet, aus der Stätte seiner früheren Wirksamkeit flüchtet, trotzdeU, was man sich absolut nicht vorstellen kann, zurückkehrt und durch einen frommen Wandel wieder zu allen Ehren kommt, so daß er von neuem in seine Stellung eingesetzt wird. Was aber endlich den dichterischen Gehalt des Stückes vernichtet, ist der Charakter der Debora. Diese leidenschaftliche Jüdin, verzückt in ihrer Liebe und eifervoll in ihrem Haß, müßte, wenn sie wirklich eine lebensfähige Bühnenfigur sein sollte, ihre Eigenschaften bis zuletzt behalten, Gerade, da sie das Glück ihrer Nebenbuhlerin erkannt hat, müßte sie entweder mit neuen Flüchen die alten übertönen oder die Nichterfüllung ihrer Gehässigkeit fühlend, verzweifelnd und unversöhnt von dem bisherigen Geliebten und aus dem Leben scheiden; daß sie geknickt und gerührt, das Kind des von ihr verfluchten Bundes segnend, abzieht, widerspricht ihrem ganzen Wesen und macht aus einer großen Leidenden eine kleine unwahrscheinliche Theaterfigur. Für mich ist nur eine Stelle von großer Bedeutung. Als Debora mit einer Schar Auswanderer sich zum Abzug nach Jerusalem rüstet, nimmt einer ihrer Gefährten ein wenig Erve des Heimatlandes nach Palästina mit und auf den Vorwurf der Debora, daß dies doch nicht die Erde des gelobten Landes Jerusalem sei, hat er zu antworten: „Tot ist für uns die alte Zionsstadt, Und nimmer soll sie wieder auserstehn. Jerusalem ist unsre Heimat nicht! Das Land, das seinen Boden mit uns teilt, Das Land, das seine Sprache mit uns redet, Das Land, das unsrer Kinder Wiegen schützt. Ist unsre Heimat; und das schöne Land, An dessen Grenzstein wir jetzt flüchtig stehn. Das vor mir liegt verklärten Angesichts: Das ist das Land, in dem mein Dasein wurzelt, Es ist mein einziges teures Vaterland. Auch in dem berühmtesten Stück Mosenthals, „Der Sonnenwendhof", wimmelt es von Trivialitäten und Sentimentalitäten; auch in ihm herrscht Verkennung der Bauernnatur. Solche Bäuerinnen wie diese, die, von einem ekelhaften Gatten befreit, ihren ersten Knecht, einen armen hergelaufenen Menschen, heiraten will, gibt es nicht; und die Liebe aus den ersten Blick, von dem dieser Bauernbursche für ein fremdes Mädchen ergriffen wird, so daß er die Hand der Bäuerin ausschlägt, wird sich unter Bauern schwer finden lasten. Trivial und sentimental ist ferner der Schmied Mathias, der Schwager