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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-08-23 · Heft 34 (23.8.1918) · p. Seite 400

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 34 (23.8.1918)
Date
1918-08-23
Page
Seite 400 (sequence 4)
Language
German
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400 Stellung im, Welthandel wiederzuerhalten hoffe. Diese Völkerbundsrage kann für die Wahlen eine besondere Bedeutung erlangen. Im ganzen betrachtet müßte man sagen, daß Lloyd George in schwieriger Situation in die Wahlen hineingehen dürfte und daß die Chancen der Liberalen sehr günstig ständen, wenn nicht die militärischen Ereignisse Lloyd George, im Augenblick wenigstens, gestatten würden, alsdenerfolgreichen, großen „war minister" aufzutreten. All diese in unpolitischen Gegensätze aber kommen, oft nach außen hin nicht gleich erkennbar, in den englischen Ministerreden zum Ausdruck, und wenn ein englischer Minister jetzt für oder gegen den Völkerbund spricht oder scheinbare „Friedensoffensiven" unternimmt, so beabsichtigt er damit eine Wirkung bald auf diese und bald auf jene Partei. * Im ungarisch en Abgeordnetenha us e ist am 8. August von jüdischen Dingen die Rede gewesen. Darüber gibt das „Neue Pester Journal" folgenden Bericht: Graf Stefan T i s z a widmete einen Teil seiner Ausführungen der Judenfrage. Er verurteilte es, daß dieses Thema jetzt überhaupt angeschlagen wurde, da es aber schon geschehen fei, warnt er davor, daß man das ganze heimische Judentum in einen Kessel werfe; gegen die der verschiedentlichen wirtschaftlichen Umtriebe schuldigen Elemente müsse mit größter Energie — aber ohne Unterschied der Konfession .vorgegangen werden, und an dieser Arbeit müsse auch die heimische Judenschaft tätig Mitwirken. In derselben Tonart behandelte dies Problem noch Ministerpräsident Dr.-W ekerle, der bei dieser Gelegenheit die Rücketablieru-ng der galizischen Flüchtlinge in ihre .Heimat für die allernächste Ankunft in Aussicht stellte. Nach der Rede des Ministerpräsidenten wurde die Debatte geschlossen; die Abstimmung über die Vorlage erfolgt aber erst morgen, da vorher noch Honvedminister Baron S z u r m a y auf alle vorgebrachten Wünsche reflektieren wird. * Im Anschluß daran schreibt dieselbe Zeitung nachfolgendes: Hilf dir selbst! Zwei unserer Herren Gesetzgeber, einer besseren Einsicht zielbewußt ledig, haben dem dumpfen, rollenden Instinkt der Massen in frevelhafter, gefahrdrohender Weise ein Ventil geöffnet' und, geschützt durch die Maske der Immunität, gegen die jüdische Bevölkerung Ungarns einen heimtückischen, giftigen Gasangriff geführt. Ministerpräsident Wekerle und Graf Stefan Tisza haben es für ihre staatsmännische und patriotische, ethische und gesellschaftliche Pflicht erachtet, diese Angriffe mit voller rhetorischer Energie zurückzuweisen. Sie fanden sich bereit, unseren jüdischen Mitbürgern gegen die gewissenlose Verhetzung einen ideellen Schutz zu leihen, aber ihre Abwehr gipfelte in dem sonderbaren Argument, daß dem Judentum die Pflicht erwachse, selbst für seinen Schutz einzutreten. Also: hilf dir selbst, dann wird dir auch die Regierung helfen. Es wäre für das patriotische Judentum Ungarns wertvoll zu erfahren, wie Graf Tisza seinen Rat verstanden wissen will. Sicherlich nicht im Sinne des Lehrsatzes für praktische Abwehr, nach welchem auf einen groben Klotz ein grober Keil gehört. Denn der groben Klötze gibt es zu viele. Oder will Graf Tisza der gesamten Judenschaft raten, daß es sich in Zukunft eines durchaus kettenhandellosen Lebenswandels befleiße? Gesetzt auch, daß über Nacht auch der dunkelste jüdische Warenhamsterer sich zu einem Ritter Bayard läutern würde, meint Graf Tisza, daß damit nun auch aller Preiswucher, alle Drückebergerei, aller Schleichhandel im Lande aufhören werde? Oder soll etwa die intellektuelle Selbsthilfe in dem Nachweise in Erscheinung treten, wie viele arme rechtschaffene, tapfere Juden es in Ungarn gibt, wie viele unter ihnen für das Vaterland Gut und Blut geopfert, den Helderftpd erlitten haben? Sollten die Juden etwa durch statistische Daten erhärten, eine wie große Anzahl von Vertretern nichtjüdischer Konfessionen wegen Preistreiberei, Lebensmittelwuchers und all der anderen Verbrechen des Kriegsparasitentums verurteilt worden sind; statistisches Material darüber sammeln, wie viele noch verurteilt werden könnten und sollten? Die Parade der Juden kann nicht im Angriff liegen, durch den ja in die von gewissenlosen Hetzern geschürten Gluten des Klassen- und Rassenhasses nur noch Oel gegossen würde. Will die Regierung verhüten, daß diese latenten Gluten zu verheerenden Flammen emporschlagen, so hat sie die Pflicht, selbst rechtzeitig und energisch einzuschreiten. Am sichersten wohl dadurch, daß sie durch eine möglichst strenge, aber gerechte Ahndung der wirtschaftlichen Kriegsverbrechen diese nach Möglichkeit zu eliminieren bestrebt ist. Des weiteren muß die Regierung den Sündenbock, der jetzt .von gewisser Seite hervorgezerrt wird, doch auch ein wenig in Schutz nehmen, schon durch den Hinweis, daß dieser Sündenbock ja viel zu klein ist, um die Last der Verantwortung für alle Sünden der ganzen kriegsverbrecherischen Allgemeinheit Ungarns zu tragen. Die Regierung hat alle Mittel, daher auch die moralische Pflicht, nachzuwersen, was das ungarische Judentum an und hinter der Front geleistet hat, was die jüdischen Enthobenen für Staat und Krieg Ersprießliches, Notwendiges geschaffen haben. Man veröffentliche eine erschöpfende Liste der verwundeten, invaliden, toten und — ausgezeichneten jüdischen Soldaten und Offiziere, man publiziere aber auch die Zahl der enthobenen dienstpflichtigen Juden und das Motiv ihrer Enthebung. Das Judentum Ungarns ist von der Ueberzeugung durchdrungen, daß es das hellste Licht der Oefsentlichkeit nicht zu scheuen hat. ‘ Es muß dann aber auch der Bevölkerung Ungarns, deren gerechte Erbitterung man jetzt gern in dem Brennpunkte konfessioneller Verhetzung zur Explosion bringen möchte, zur vollen Kenntnis gebracht werden, welche Summe von wirtschaftlichen und moralischen Kriegsvergehen auf Rechnung von Mitgliedern anderer Konfessionen zu setzen ist, damit man doch auch in die Liste nichtjüdischer Kettenhändler, Preistreiber und Drückeberger Einsicht nehmen könne. Die patriotische Judenschaft Ungarns hat alle Ursache, diese Flucht in die Oefsentlichkeit anzutreten, denn sie ist sich vollauf dessen bewußt, was die Staatsbürger jüdischer Konfession — bei allen Fehlern, Vergehen, ja selbst Verbrechen einzelner — in ihrer patriotischen Gesamtheit dem Vaterland auch in diesen Tagen schwerster Prüfung an physischer, sittlicher, intellektueller und finanzier Kraft dargeboten haben. Sie waren, wie sie es immer gewesen sind, erst Ungarn und dann Juden, und sie wünschen es am sehnlichsten, daß ihr reines Ungarntmn von allem fremden jüdischen Einschlag ehebaldigst gesäubert werde. Man schaffe die eingewanderten galizischen Kriegsparasiten über die Grenze und die Bilanz der kriegswirtschaftlichen Kriminalität wird zugunsten der ungarischen Judenschaft um eine ausschlaggebende Lastenpost verbeflert werden. Unsere Judenschaft weiß sich mit dem Ungartum so eins im Fühlen, Denken und Streben, daß ein Antisemitismus in diesen Landen keine Berechtigung und auch keinen Boden haben kann. Der Antisemitismus in Ungarn ist nur ein Geschäft in den Händen jener politischen Schleichhändler, die 'sich .selbst einem jüdischen Achilles und Cato gegenüber zu dem Dogma ihrer Menschenliebe bekennen würden: Tut nichts, auch der Jude wird verbrannt! * Nach einer Reutermeldung ist in Palästina mit der Rekrutierung der jüdischen Bevölkerung begonnen worden. * Heber Bialy ft o f e r Bibliotheken plaudert A. Z. im „Tag". Nachdem er wertvolle Mitteilungen über die „Gesellschaftliche Leihbibliothek und Lesehalle" gegeben, in der sich 1600 jüdische Bücher befinden, und von der „Bibliothek des Comustvereins" gesprochen, in der das Jüdische gleichfalls einen großen Raum einnimmt, fährt er fort: Aus einem anderen Gesichtswinkel wieder ist die „Hebräische Bibliothek der Zionistischen Vereinigung" dem deutschen Leser interessant. Sie enthält 500 russische Bücher — die aber nur Literatur über den Zionismus sind —, 500 jiddische und über 2000 hebräische. Und nun zeigt sich, daß auch in dies Hebräische, diese totgeglaubte, aber völlig neubelebte Sprache, ein guter Teil deutscher Werke ausgenommen, d. h. übersetzt worden ist. Schon unter den etwa 500 Schriften für Kinder finden wir Grimms und Hauffs Märchen und Auszüge aus der jüdischen Geschichte von Philippson, aber auch den Don Quixote und den Robinson unserer Kindheit treffen wir hebräisch an; daneben Schriften von Dickens, und Mark Twain, Zola, Hugo und Verne, Tolstoi und Puschkin; und vor allem die hebräischen Originalschriften, unter denen besonders die des großen Dichters Ch. N. Bjalik zu erwähnen sind. Auch zwei Kinderzeitschriften liegen aus: „Leben und Natur" und „Die Heimat". Aus den Büchern für Erwachsene greifen wir die Uebersetzungen aus dem Deutschen heraus und finden neben Schillers Dramen Goethes „Dichtung und Wahrheit", viel Heine, Lessings „Nathan", Hebels „Judith"/Nietzsches „Zarathustra". Bücher von Auerbach, Franzos, Kompert, Heyse, besonders wenn sie jüdische Stoffe behandeln, sind vorhanden, aber anch Hauptmanns

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