Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1918)
- Date
- 1918-08-23
- Page
- Seite 398 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Grundes wären auch die Konservativen sür Leichenverbrennung. Ein anderes Beispiel soll zeigen, welche tiefe Kluft in vielen Fällen zwischen Konservativen und Orthodoxen gähnt. Das Beispiel bildet die Chailizah. Die 'Aufhebung der Schwagerehe war eine große Tat der Rabbiner. Die Thora fordert die Schwagerehe, und nur wenn der Schwager sich weigert, die Ehe mit der kinderlosen Witwe des verstorbenen Bruders einzugehen, tritt dafür die Chalizah ein. Die Rabbiner setzten an Stelle dieser Notchalizah die obligatorische, sie hoben die Schwagerehe gänzlich auf und retteten dadurch alle kinderlosen Witwen, die der Schwager aus irgendeinem Grunde als Gattin verschmähte, vor Schmach und Schande. Das ist konservativ, nicht orthodox. Der Orthodoxe hätte gesagt: Die Vorschrift muß rücksichtslos und genau eingehalten werden. Die Konservativen siegten und sie hoben den durch das Alter geheiligten Gebrauch auf, weil ein zwingender Grund für die Aufhebung sprach. Sie hoben den Gebrauch auf, aber nicht das Gesetz, denn dieses soll nicht aufgehoben, es soll ausgelegt werden. Die Konservativen machen es Heute mit der Chalizah ganz so, wie es die Konservativen von damals mit der Schwagerehe gemacht haben. Die Bewahrer des Gesetzes dürfen die Chalizah nicht aufheben, sie müssen aber das Gesetz auslegen, um es richtig anwenden zu können, und sie ändern die Gebräuche bei der Chalizah, wenn wichtige Gründe für die Abänderung sprechen, z. B. wenn der betreffende Schwager nicht mehr dem Judentum angehört und die Chalizah in der alten Form nicht vollziehen will. Oder, wenn der betreffende Schwager aus einem anderen Grunde nicht dazu zu haben ist, die Vorschrift in der alten Form zu vollziehen. Die Beispiele können vermehrt werden: Der Verkauf des Chamez vor Pessach, die Erubvorschriften am Sabbat und fast alle Vorschriften beweisen, daß das religiöse Gesetz dem Rabbiner zur Anwendung so übergeben ist, wie dem Richter das bürgerliche. Er darf das Gesetz nicht aufheben, er hat aber das Recht und die Pflicht, es auszulegen. Das ist konservativ. Orthodox wieder heißt, das Gesetz nur so anwenden, wie es andere ausgelegt haben und anstatt es als Prinzip gelten zu lassen. „Wir sollen den Gebrauch unserer Väter kennen und bewahren", um ihn dort anzuwenden, wo nicht gewichtige Gründe gegen ihn sprechen, sagen die Orthodoxen, wir dürfen unter allen Umständen nur den Gebrauch unserer Väter kennen und müssen ihn immer anwenden. Die Konservativen wollen kein Gesetz aufheben, aber jedes selbst auslegen und gelangen auf diesem Wege wieder zum schöpferischen Geiste der Tanaim und Amoraim. Ist aber der Willkür nicht dadurch,Tür und Tor geöffnet? Geht das Judentum nicht dabei zugrunde? Muß man nicht dagegen den Charakter der Orthodoxen bewundern, die rücksichtslos, auch gegen sich, voll Entsagung der ganzen Tradition treu bleiben und das traditionelle Judentum bewahren und durch den Sturm der Zeiten tragen? Eins nach dem anderen! Werfen wir zunächst mit dem Begriff Willkür nicht wild um uns herum. Da wir das religiöse Gesetz Hochhalten und es nur nach einsichtigem Ermessen aller Verhältnisse auslegen, bleibt ja das Gesetz die Grenze und das Band, die alles Zusammenhalten. Nur eine die Entwicklung hemmende enge Fessel meiden wir, weil die enge hemmende Fessel 'das Leben verkümmern läßt. Früher war das nur Band, was heute Fessel wäre, denn alles wächst, alles entwickelt sich, und was früher uns zusammengehalten hat, preßt heute zusammen. Ich wüßte auch nicht, wie etwas, das eine Betätigung des Judentums ist, das Judentum zugrunde richten könnte, und es schadet dem Judentum so wenig, wenn die Betätigung zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Verhältnissen eine verschiedene ist, wie die verschiedenen Minhagim beim öffentlichen Gottesdienst diesem irgendwie Eintrag tun, so wenig, wie die verschiedenen Aussprachen des Hebräischen die Kenntnis der Sprache vermindern. Wer nun den Charakter und die Heftigkeit der Orthodoxen bewundert, steht auf einem Standpunkt, auf den sich nicht jeder zu stellen vermag. Eigensinn ist auch eine Art Charakterstärke und Festigkeit, und doch bewundert ihn selten jemand, weil er nur Schaden verursacht. Ich muß wieder auf den Unterschied von konservativ und orthodox zurückkommen. Der Konservative ist aristokratischer Natur und er wird Neuerungen erst dann geneigt, wenn ihre Notwendigkeit klar ersichtlich ist; der Orthodoxe stemmt sich unterschiedlos gegen jede Neuerung. Er muß sich gegen sie stemmen; denn seine Frömmigkeit ist nutz- und wertlos, wenn nicht die religiöse Uebung genau bis ins kleinste auf der vorgeschriebenen Weise vollzogen wird; sie ist dann erfolg- und wirkungslos, der Zauber, der an ihr hastet, erlischt. Nur an zwei Beispielen soll demonstriert werden, wie die Orthodoxie Schaden bringt. Ein biblisches Gebot lautet: „Du sollst über sie (die Lehre) sinnen Tag und Nacht." Selbstverständlich ist der Sinn der Vorschrift: die Religion bei allen Handlungen als Richtschnur zu nehmen und ein wahrhaft religiöses Leben zu führen. Der Orthodoxe sagt: „Jeder muß das Bibel- und Talmudstudium zu seiner Hauptbeschäftigung machen, der liebe Gott wird ihm schon sein tägliches Brot gewähren." Das heißt, der Mann sitze nach einer eigentlich freudlos verlebten Jugend den ganzen Tag in der Klaus oder im Beth-hamidrasch und sein geplagtes Weib trage für die Erhaltung des Hauses Sorge. Wenn des Weibes Kraft nicht ausreicht, wird der Mann Bettler oder Hausierer oder Luftmensch, denn er hat nichts gelernt, um sich und seine Familie ernähren zu können. So findet man es in Galizien, im klassischen Lande der Orthodoxie, und darum dort die große Not. Nein, diese Leute, die sich von ihrem Weibe ernähren lassen oder vom Bettel leben, flößen uns keinen Respekt ein, auch wenn sie den Talmud auswendig wissen. Nicht einmal Diogenes ist unser Ideal. Eines der höchsten Gebote, dessen Befolgung dem Judentum Kraft und Dauer gegeben hat und gibt, ist das 5. Wort des Dekalogs: „Ehre Vater und Mutter." Wie saßt nun der Orthodoxe, wenn er nicht zufällig ein reicher Mann ist, das Gebot auf? Er gibt seinen Kindern viel 'Gelegenheit, dieses Gebot zu erfüllen. Wenn der Junge 13 oder 14 Jahre alt wird, muß er die Eltern ernähren, seine ganze Jugendkraft wird von den Eltern aufgezehrt in der Zeit, da er für das Mannesalter herangebildet werden soll, und darum sind die Ostjuden so arm und elend und verkümmerten Geistes. Freilich, wer besonders von Gott begabt ist, arbeitet sich durch und wird etwas Hervorragendes, aber kaum einer unter Tausenden erreicht dies. So hemmt die Orthodoxie die Entwicklung und sie bedeutet: Verkümmerung. Und der Beweis: Nicht die fromme Orthodoxie hat uns die Emanzipation gebracht, sondern die religiös-fortschrittlichen Juden haben sie erkämpft. Nicht die fromme Orthodoxie hat uns aus dem Getto zum Selbstbewußtsein geführt, sondern die religiös-fortschrittlichen Juden haben es getan. Nicht die fromme Orthodoxie hat die berühmten jüdischen Namen, die dem Judentum Ehre bringen, in der Zahl ihrer Anhänger, sondern das religiöse fortschrittliche Judentum, und wenn das Judentum einst zur vollen Anerkennung gelangen wird, wird dies nicht das Verdienst der frommen Orthodoxie sein, sondern die religiösfortschrittlichen Juden werden es bewirken.