Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1918)
- Date
- 1918-08-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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82. Jahrgang. Nr. 34 Berlin, 23. August 1918 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig PHMppfon Unter Leitung des Geheimen Regiervngrrats Professor Vr. Ludwig Seiger Verlag: Rudolf Mosse, Bettln, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße <&-*% zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buch. Handel oder die Post (in Berlin und vor« orten durch unsere Vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 HU — poUcheckkonto 324. Orthodox und konservativ Don Prof. Dr. Simon Stern yUiJuU. (Rabbiner in Saaz). — Die Woche. — Denker und Dichter jüdischen Glaubens. Von Ludwig Geiger. — Der Apostel Paulus und seine Beziehungen zum Judentum (zum „Gesetz"). Von Dr. Pick, Rabbiner sStrasburg, Weftpr.). — Die Verbesserung der Lage der rumänischen Juden. Von Or. Armand Kaminka.— Bild des Rabbiners Dr. L. Baeck (Berlin).— Feuilleton: Jedem das Seinige. Roman von M. Pulvermann. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"), Berlin, Ostrowo, Mogilyo. Krone a. d. Brahe, Breslau, Görlitz, Cöthen. Rothenburg, Frankfurt a. M., Wien. — Von Nah und Fern. VrthodoL und donsrrostjo. Von Prof. Dr. Si mon Stern (Rabbiner in Saaz). onservativ und orthodox sind auch im religiösen Leben feine identischen Begriffe. Dem konservativen Juden ist jüdische Religion so wichtig und heilig wie die jüdische Gemeinschaft und die jüdische Gemeinschaft so wichtig und heilig wie die jüdische Religion; denn ohne jüdische Religion gäbe es keine jüdische Gemeinschaft und ohne jüdische Gemeinschaft keine jüdische Religion. Dem orthodoxen Juden steht die jüdische Gemeinschaft in zweiter Linie. Alle Juden, die die religiösen Vorschriften nicht getreu befolgen, betrachtet er fast nicht als guden. Die Verkümmerung desjüdischen Volkes bereitet ihm lange nicht soviel Schmerz wie die Verminderung der Frömmigkeit. Der orthodoxe Jude sagt nämlich: Die Beobachtung aller gültigen religiösen Vorschriften ist der Juden ivichtigste Sache und Lebensaufgabe; die Entwicklung und das Heil des jüdischen Volkes ist Gottes Sache, und die Juden können nichts dazu tun, als wünschen, hoffen und beten. Es ist auch ein großer Unterschied zwischen religiös und iromm. Der Religiöse tut alles aus Liebe zu Gott, er fühlt sich mit Gott verbunden (religare), er hat Ehrfurcht vor Gott, aber keine Furcht, und weil er Liebe und Ehrfurcht hegt, meidet kr die Sünde. Die Uebung der Gebote ist Herzensdrang und Herzenspflicht, kein Gnaden-, Wunder- oder Zaubermittel, durch das eine äußere Folge eintreten soll. Die äußeren Folgen sind Wirkungen äußerer Ursachen und hängen mit der Uebung religiöser Vorschriften nicht zusammen. So kann z, B. der Fromme an eine Heilung einer Krankheit durch das Gesundbeten glauben, nie aber der Religiöse. Nur dem Frommen sind die religiösen Uebungen Gnaden-, Wunder- oder Zaubermittel, und er glaubt, daß die Uebung einer religiösen Vorschrift Aeußerliches zu bewirken' vermag, nach Ansicht der Anhänger der Kabbalah, der Chafsidim (Fromme), sogar die Entstehung von Engeln. Aber jeder Fromme, im eigentlichen Sinne des Wortes, erwartet, auch wenn er nicht zur Partei der Chafsidim gehört, von der Uebung der religiösen Vorschrift ein Äußeres Heil, wenigstens die Errichtung einer Stufe ins Paradies. Die Uebertretung des Gebotes meidet er aus Furcht vor einem Unheil, wie mir eine sonst gar nicht fromme Frau sagte: heuer müsse sie fromm Pessah halten, weil ihr Sohn im Felde stehe und sie nicht die Schuld tragen wolle, daß ihm etwas geschehe Wer nun die Uebung der religiösen Vorschrift für eine Art Wundermittel hält, wird die Ausführung genau der Vorschrift entsprechend üben und sich hüten, auch nur im geringsten von ihr abzuweichen, sonst könnte die erwünschte Wirkung ausbleiben. Auf die genaue Einhaltung aller religiösen, auch der subtilsten Vorschriften wird auch der sehen, der die religiösen Uebungen für eine Art Hosdienst hält, denn Gott ist Herr und König; wir sind nicht nur die Kinder, sondern auch die Diener Gottes, und je näher man dem Throne steht, desto genauer nimmt man es mit der Würde des Dienstes und mit der vorgeschriebenen Ordnung. Der Fromme wie der Religiöse fühlen sich Gott nahe, denn sie sind vom Bewußtsein durchdrungen, daß sie immer in Gottes Hand sind. Und doch ist hier ein gewaltiger Unterschied: Der Fromme ist der Naive und es kommt bei ihm die Bedeutung irgendeiner religiösen Handlung nicht in Betracht, ihm genügt es, daß sie eben Vorschrift ist, und alle Vorschriften sind ihm gleich. Für den Religiösen geben den Handlungen und Symbolen die Bedeutung und der Grund erst Wert und Schwergewicht und darum unterscheidet der Religiöse zwischen wesentlichen und nebensächlichen Vorschriften: mehr noch: er steht sich oft veranlaßt, religiöse Handlungen zu verändern,'einige zu abrogieren und neue dafür einzusetzen, wenn sie der Würde und dem Zwecke unter neueingetretenen Verhältnissen besser entsprechen. Mit einem Worte: Der Fromme bestreitet, daß die Religion wie alles andere auf Erden dem Gesetze der Entwicklung unterliege, denn die Religion ist eben göttlich und nichts davon ist Irdisches. Selbst jene religiösen Einrichtungen, die bewiesenermaßen Menschen geschaffen haben, geschähen durch Eingebungen des heiligen — göttlichen — Geistes. Dem Religiösen jedoch ist nur die Lehre göttlich, die Betätigung der Religion ist ein menschlicher Ausdruck und eine menschliche Betätigung der Ueberzeugung von der alleinigen vollen Wahrheit dieser göttlichen Lehre. Je reiner und voller die Ueberzeugung durch eine Handlung zum Ausdruck gebracht wird, desto religiöser und wertvoller ist die Handlung. Wenden wir uns nun wieder zum Koservativen. Konservativ ist jeder, der die Ehrfurcht vor Heiligem und Großem besitzt und einen, wenn auch nur durch sein Alter geheiligten Gebrauch erst aufgibt, wenn wichtige Gründe für seine Aufhebung sprechen. Als Beispiel sei die Bestattung der Toten durch Verbrennung angeführt. Weder Bibel noch Talmud verbieten die Leichenverbrennung; der Konservative ist aber gegen die Leichenverbrennung, weil das Begräbnis ein seit Jahrtausenden geübter Gebrauch ist und weil noch kein überzeugender Grund von maßgebenden Personen — z. B. von der Sanitätsbehörde — angegeben wurde, diesen durch das Alter geheiligten Brauch aufzugeben. Bei Angabe eines solchen