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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-08-16 · Heft 33 (16.8.1918) · p. Seite 395

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 33 (16.8.1918)
Date
1918-08-16
Page
Seite 395 (sequence 11)
Language
German
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-- 398 Am übrigen möchte ich doch betonen, daß es bei einer Betrachtung der Tätigkeit von 207 Vereinen — soviel gibt es „im Reich" — zuviel verlangt ist, ausgerechnet an den einen Verein in Berlin zu denken und diesen als Maßstab anzulegen. Auch hier gilt das Wort der Schrift: jilBfi*? nrix „man hat sich nach der Majorität zu richten". Ikvrm das Lrimgk. (7. Farff.) Roman von M. Pulvermann. 3ch kann nichts dazu sagen, da ich das Mädchen noch nie gesehen", erwiderte er. 0 Sie schüttelte mißbilligend den Kopf. „Ist es nicht genug, wenn ich dir sage,'daß sie für dich paßt? Du hast sie noch nicht gesehen.' Weißt du, daß dies gerade die Ursache ist, daß ich mich fast jeden Tag ärgern und so viele Vorwürfe »er mich ergehen lassen muß? Alle Landsleute halten es mir vor, daß du dich so stolz ihnen gegenüber zeigst und jeden Verkehr mit ihnen meidest. Neulich erst hörte ich, wie einer sagte: „Wer ist er denn eigentlich, daß er gar sv vornehm tut? Moische Mendels und C-Haje Rachels Sohn! Eine große Wichtigkeit! Awromele, du kannst dir ja denken, wie ich ihm heimgeleuchtet! Er ist gelaufen, daß er beinah die Socken verloren, und wenn er mich jetzt erblickt, macht er noch immer einen großen Bogen, nm mir nicht wieder zu begegnen. Von diesem habe ich nun Ruhe, aber die andern denken auch so, wenn sie es auch nicht allssprechen. Soll ich mit Chawe reden?" Klaßner atmete schwer, bevor er sprach. „Mutter, ich habe bereits eine Wahl getroffen." Ihre Augen öffneten sich weit und sie blickte ihn durchdringend an. „Wer ist es denn? Ach, ich errate es schon/ Es ist gewiß das schwarze Mädchen, die Tochter der feinen Dame mit der goldenen Brille. Ich hatte mir das Mädchen schon damals genau angesehen, als sie mit ihrer Mutter hier war. Sie hat mir nicht mißfallen. Es hätte ja auch noch schlimmer sein können. Sie hat wenigstens jüdisches Blut in ihren Adern." „Du irrst dich doppelt,' Mutter. Es ist nicht das schwarze Mädchen und — — und-es ist auch keine Jüdin." „Awromele, mein Kind, hast du vielleicht zu viel Wein getrunken oder willst du mit deiner alten Mutter einen Scherz machen? Das solltest du doch nicht in einer so ernsten 'Sache." „Es ist auch mein vollster Ernst, Mutter. Ich will dir deshalb wiederholen, daß das Mädchen, 'das ich ins Herz geschlossen, keine Jüdin ist, aber ich gebe dir das Versprechen, daß ich sie nicht vorher heiraten werde, bis sie Jüdin geivorden ist. Das muß dir genügen." Die alte Frau saß mit starrem Blick und bebenden Lippen, ohne einen Laut von sich zu geben, „Du wirst sehen, Mutter, es wird nicht halb so schlimm sein, wie du dir denkst," fuhr er mit schwerem Herzen fort, als er ihr tiefes, stilles Weh wahrnahm. „Ich bin überzeugt, daß du sie auch liebhaben wirst. Du kennst doch die Geschichte von Ruth und Naemi, und Ruths Liebe für Naemi wird ein Kinderspiel sein gegen die Liebe meiner Frau für dich." Ein wildes Lachen brach über die Lippen der Alten, das dem Sohne durch Mark und Bein ging. „Ruth, Ruth! Was sprichst du fortwährend von dieser heiligen Frau, du Gotteslästerer, du Abtrünniger! Damals wandelte die heilige Gottheit noch auf Erden, und alles war erlaubt, sogar die Heirat mit einer Heidin. Ruth hatte ja, auch schon zehn Jahre lang vorher im Hause ihrer frommen jüdischen Schwiegermutter gelebt; jetzt aber ist es eine Entweihung, den Namen der frommen Ruth in einem Atem zu nennen mit..." Der Sohn hob abwehrend die Hände, um sie den Satz nicht vollenden zu lassen. „Es ist gut, Mutter," sprach er mit unheimlicher Ruhe, „daß du das gräßliche Wort nicht gegen ein Mädchen ausgesprochen hast, das ich zu meiner Frau zu machen fest entschlossen bin. Uns steht überhaupt kein Recht zu, einen Nebenmenschen zu beschimpfen und zu verurteilen, weil man ihn gelehrt, Gott in einer anderen Weise anzubeten. Ich meine, daß es gerade dieser unvernünftige und ungerechtsertigte Glaubenshaß ist, der den göttlichen Zorn herauSfordert. Ich habe dir doch bereits erklärt, daß ich sie nur heiraten werde, wenn sie vorher Jüdin wird. Oder glaubst du eS mir nicht?" „Ach, Moische Mendel! Ich habe dich immer als einen Schlemihl betrachtet; aber du warst doch kein solcher, da du dich aus der Welt geschlichen, ehe dieser Jammer über dich hereinbrach!" klagte sie herzzerreißend. Klaßner biß sich die Lippen wund, ehe er antwortete: „Ich glaube gang bestimmt, daß der Vater die Sache mit anderen Augen angesehen und mit einem anderen Herzen beurteilt hätte." „Und was werden nur die Landsleute sagen?" jammerte sie still vor sich hin, ohne seinen Einwurf weiter zu beachten. „Mit Fingern werden sie nach mir zeigen und mir zurufen: ,Seht ihr, darum hat er sich von uns zurückgezogen, weil er kein reines Gewissen hatte!' Ach, wie ist mir doch! Daß es dazu kommen mußte!" „Bedeutet dir denn das Glück deines Kindes nicht mehr als die verschrobenen Ansichten deiner Landsleute?" Sie sprach kein Wort und ließ den Kopf sinken. Bei diesem Anblick krampfte sich auch das Herz des Sohnes zusammen und die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Er dachte daran, daß die alte Frau auch später still und wortlos leiden werde, und diese stumme Trauer fürchtete er mehr als die lautesten Vorwürfe. Er sprang auf, um sie in seine Arme zu schließen, um sie zu beschwichtigen, doch sie kam ihm zuvor. Flink, mit jugendlicher Behendigkeit, die bei ihrem Alter herzzerreißend wirkte, warf sie sich ihm zu Füßen und umklammerte leidenschaftlich mit beiden Händen seine Knie. „Awromele, mein Kind, mein ganzes Leben, mein alles in der Welt, hier liege ich vor dir und flehe dich an, tue es*mir nicht an, und so wahr ich hoffe, dereinst im lichtigen Paradiese zu ruhen. Du wirst es mir nicht antun! Awromele, bedenke doch, du betrügst dich selbst; nie wirst du mit chr glücklich sein! Du wirst nur eine Schlange am Busen nähren. Sieh, mein süßes Kind, wie ich mich vor dir demütige! Nicht wahr, du versprichst es mir, daß du nicht weiter an sie denken willst?" „Willst du mich denn ganz unglücklich machen, Mutter? Ich kann ohne sie nicht leben." „Und bin ich dir denn gar nichts?" Er schloß verzweifelt die Augen und suchte sich von ihrer Umklammerung zu befreien. Aber es gelang ihm nicht. Sie hielt ihn fest und sah ihn mit ihren traurigen Augen an. Klaßner schien einen Entschluß gefaßt zu haben und mit fester Stimme sprach er: „Mutter, höre, was ich dir jetzt sage. Damit du dich überzeugst, wie sehr ich dich liebe, will ich dir einen Vorschlag machen. Bis jetzt weiß ich nur, daß ich sie liebe; ob sie mich aber wieder liebt, weiß ich nicht; ich habe sie noch nicht gefragt, und die Sache ist noch unentschieden." „Die Sache ist noch nicht enffchieden?" Ein Hoffnungsstrahl blitzte in ihren Augen aus. „Ich hoffe, daß es morgen oder übermorgen geschehen wird, und damit gebe ich dir ein Abwehrmittel, eine Waffe in die Hand, indem ich die Entscheidung Gott selbst anheim-

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