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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-08-16 · Heft 33 (16.8.1918) · p. Seite 394

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 33 (16.8.1918)
Date
1918-08-16
Page
Seite 394 (sequence 10)
Language
German
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394 —- * Und bis es brach, ist es sich treu geblieben. Sie war des Gatten Stab, des Hauses Licht, Der Kinder Glück, der Enkel Schutz und Lehre, Der Menschheit Trost, der Heimat Stolz und Ehre; Ein reich'res Herz trug diese Erde nicht. , Nach dem Tode seiner Frau führte er ein einsames Schriftstellerleben, das auch durch mannigfache gemeinnützige Tätigkeit, vielfach auch durch Wirksamkeit für jüdische Anstalten reich ausgefüllt war. Fast alljährlich veröffentlichte er ein Drama, Texte zu Opern, unter denen sich auch manche jüdischen In- Halts befinden, viele Gedichte. In der letzten Zeit seines Lebens wandte er sich der jüdischen Novellistik zu. Er starb am 17. Februar 1877. Wollte man Mosenthals gesamtes literarisches Schaffen würdigen, so müßte man allen Dramen und Operntexten eine Betrachtung schenken. Für unsere Zwecke kommen im wesentlichen die Erzählungen aus dem jüdischen Familienleben, einige Miniaturbilder, unter den Dramen seine „Debora" und einzelne lyrische Gedichte in Betracht. Das Erscheinen seiner Erzählungen hat Mosenchal nicht erlebt. Er erwartete ihr Erscheinen, als er vom Tode überrascht wurde. Die Geschichten sind ungleichmäßig. In den meisten herrscht ein etwas sentimentaler Ton: Verklärung der Armut, eine gewisse Voreingenommenheit gegen den Reichtum, obgleich zwei hervorragende jüdische Persönlichkeiten, der alte Reinach und eine Frau Büding, herzgewinnend geschildert werden. „Tante Gertraud" ist die etwas unwahrscheinliche Geschichte einer Märtyrerin, „Schlemielchen" die ziemlich gewöhnliche Erzählung eines ungeschickten und herzensguten Mädchens, das schließlich sein Glück macht, „Raafs Minchen" nicht mehr «18 ein Kulturbild einer ältlichen Frau, die, da sie selbst chr Glück nicht zu begründen vermochte, das Wohl anderer fördert und erhöht. Aus dieser Anzahl naiver und unbedeutender Geschichten heben sich aber zwei hervor „Jephtas Tochter" und „Raschelchen". Die erste hat von der biblischen Erzählung nur das Motiv: ein Vater, der infolge eines Gelübdes seine Tochter einem älteren Mann verspricht, ähnelt dem biblischen Helden und seine Tochter, ein tüchtiges, hübsches Mädchen (während die Heldinnen der ersten drei Geschichten durch besondere Häßlichkeit sich hervortun), hat das Glück, ihren Jugendgespielen, der aus einem Schneider sich zu einem tüchtigen Kantor entwickelt, zu ehelichen. Eine ganz besonders anmutige Novelle ist „Raschelchen". Es ist die Geschichte einer aus Metz stammenden Frau, die gegen den Willen des Vaters einem leichtsinnigen jüdischen Soldaten gefolgt ist und die in ihrer Tochter Reinchen ihr Glück findet. Diese liebt ihren Lehrer, einen jungen Musiker Engelbert, der ihr Talent entdeckt, ste zu dem Meister Spohr gebracht und durch Vermittlung anderer durchgesetzt hat, daß sie dessen Schülerin wird. Aber sie wagt es nicht, die Mutter zu verlassen und als Künstlerin und Gattin ihrem Geliebten zu folgen, und welkt dahin. Das ist alles trefflich ersaßt, Plastisch erzähl^ streng motiviert und ganz ausgezeichnet durchgeführt. Die Künstlerin in chrem Selbstbewußtsein und in ihrer Bescheidenheit, die Mutter in ihrer stillen Entsagung und doch in ihrem Verlangen, die Tochter nicht in die schiefen Verhältnisse zu stoßen, unter denen sie selbst gelitten hat, schwer büßend, das sind Prachtgestalten, die sich dem Gedächtnis einprägen und in dem Herzen der Leser eine sichere Stätte finden. Die „Miniaturbilder" sind Skizzen über Musiker und Schauspieler. Es sind ausschließlich Männer und Frauen, die dem Dichter persönlich bekannt waren; von Juden kommen darunter Dessauer, der ihm 43 Jahre lang persönlich sehr nahe stand, Goldmark, für den er den Operntext der „Königin von Saba" schrieb, und Rubinstein, für den er den Text der Oper „Die Makkabäer" und „Janko" verfaßte, vor. Das jüdische Wesen, aber drei Männer wird hervorgehoben, besonders stark bei dem letztgenannten Rubinstein. Mosenthals Lyrik ist meist unjüdisch. Seine Poesien sind vielfach ^Gelegenheitsgedichte, auch Landschaftliches wird dargestellt, die Liebe wird gefeiert, feine Gattin wird vielfach in innigster Weise verherrlicht. Für unsere Zwecke genügt es, auf einzelnes Jüdische hinzuweisen. Seinen Bruder, als dieser aus Südafrika zurückkehrte, empfängt er mit einem poetischen Willkommengruß, aus dem wenigstens die Schlußstrophe mitgeteilt werden mag: Er kommt, er kehrt zurück, der teure Bruder, Schon durch die Wogen schwimmt der stolze Kahn, ■ Die Liebe und die Treue stehn am' Ruder, Die Hoffnung schwellt die weißen Segel an > Und drüber waltet noch ein Gott, ein guter, ' ' Und führt zum Vaterhaus die sichre Bahn. Das ist ein Hort, wo noch kein Schiss gestrandet: Triumph, Triumph, mein Bruder ist gelandet. (Schluß folgt.) Mach einmal die Lltersturoeremr. Von Rabbiner Dr. Gelles (Lifsa i. P.). n Nr. 22 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" bespricht Herr Benas Levy (Berlin), meinen Artikel „Ein Weg zur Gesundung der Literaturvereine" und kommt zu dem Ergebnis, daß die Voraussetzungen für meine Vorschläge „vielleicht für einige größere und kleinere Literaturvereine im Reich zutreffen, keineswegs aber für den Berliner Verein für jüdische Geschichte und Literatur Geltung" haben. So hoch ich auch den Lokalpatriotismus des Herrn Benas Levy schätzen kann, wir „im Reich" sind dennoch der Meinung, daß die von Herrn Levy angeführten Argumente nicht besonders stark find. „Die Zahl der Mitglieder (in Berlin) ist nicht kleiner geworden, sondern beträgt noch immer zirka 1200 Mitglieder." Herr Benas Levy wolle es mir Nun nicht verübeln, wenn ich ihn darauf aufmerksam mache, daß diese Zahl doch relativ und nicht absolut betrachtet werden darf. Was sind auch 1200 Mitglieder für die große Judenschaft Berlins? Bei zirka 160 000 Seelen, also bei zirka 40 000 Haushaltungen nur 1200 Mitglieder — ist doch eigentlich recht wenig schmeichelhaft für den dortigen Verein. Da können, wir „im Reich" doch mit ganz anderen Zahlen dienen, ohne deshalb in den Verdacht.der Selbstüberhebung geraten zu wollen. Ich erspare mir auch die Frage, ob wie „im Reich" die überwiegende Mehrzahl der Mitglieder die Vorträge besucht, oder ob es nicht immer die gleiche, kleinere Gruppe ist, die man bei den VortragSveranstaltungen sieht. Auch bleibt es dabei — trotzdem sich Herr Benas Levy energisch dagegen wehrt —, daß die Darbietung von Vorträgen, die in keinem Zusammenhang miteinander stehen, „verwirrend" wirken muß, natürlich auf den Zuhörer, der nicht die jüdische Geschichte und Literatur kennt, sondern sich erst aus den Vorträgen ein Bild darüber machen will. Die Ansicht des Herrn Benas Levy widerspricht den Anfangsgründen der Pädagogik. Und ich freue mich, daß ich mit meiner Meinung nicht allein dastehe, sondern in guter Gesellschaft mich befinde: Hat doch Herr Geheimrat Geiger in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" zu Beginn dieses Jahres die gleichen Vorschläge gemacht. Was endlich Herr Benas Levy unter „aktuell" versteht, weiß ich nicht. Doch denke ich, daß für einen Juden das ganze Judentum mit feinen ältesten Problemen und dem wiederholten Versuch ihrer Lösung innerhalb der jüdischen Geschichte ewig „aktuell" bleibt. Vom „Krieg" in Vorträgen und Predigten haben wir nun wahrlich endlich genug!

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