Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1918)
- Date
- 1918-08-16
- Page
- Seite 393 (sequence 9)
- Language
- German
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über den vierten in ihrer Mitte, der einst das Denken verboten hatte und wieder verbieten würde, wenn er am Leben bliebe. Der eine erhebt die Anklage, der zweite spricht den Urteilsspruch und-der dritte vollstreckt das Urteil- Die Rollen sind verteilt und werden ohne Wimperzucken durchgeführt — —, und der Steppenwind stützt dem Gerichteten ein winselndes Grablied. Und doch scheint das teuflich verzerrte Profil des „blutigen Zaren" nur die eine Hälfte seines psychischen Angesichts darzubieten; doch scheint er zwei Seelen in seiner Brust beherbergt zu haben, deren eine das lichte Widerfpiel zum blutig-schwarzen Mörderäntlitz war. War er es doch, der in jenem unauslöschlichen Manifeste dem 18. Mai 189.8 die Schaffung eines zwischenstaatlichen Schiedsgerichtes anregte, um dem Blutvergießen, der Kriege ein Ende zu setzen. War er es doch, der gelegentlich eines russischenglischen Zwischenfalles vor übereiltem Vorgehen warnte und einen europäischen Krieg hierdurch vermied. War ex es doch, der noch den österreichisch-serbischen Konflikt vor rund vier Jahren vor das Haager Schiedsgerichts bringen und den Krieg verhindern wollte. Und war er es doch, der, entgegen seinem besseren Wollen, durch die betrügerischen Machenschaften seiner Generäle in das Verhängnis dieses Krieges hineingestohen wurde, der ihm und ihnen zum Verhängnis wurde! Wahrlich, der Ewige richtet nach Gerechtigkeit! Und doch war er es auch wieder, der die volle Anteilnahme der Juden am Weltkriege herbeisührte, eine innere Anteilnahme, die weit über das Maß desten hinausging, was Vaterlandsliebe und Wehrpflicht den jüdischen Jünglingen in Oesterreich und Deutschland zur Pflicht machte. Den Zaren wollten sie treffen, den Judenfeind bestrafen, den Peiniger ihres Volkes vernichten, wenn die jüdischen Jünglingp vorstürmten mit jugendlichem Heldenmute, sich mit Selbstaufopferung dem Höllenfeuer^ entgegenwarfen und den eigenen Tod nicht scheuten, um den Sturz und Tod des Erzfeindes ihres Volkes herbeizuführen. Manch einer unter den Juden, der im Frieden wohl den Schreckensmethoden des Krieges ein „non po88umu5" entgegengerufen hätte, begrüßte Krieg und Kriegsgefahr, mit Jubelruf und Erlösungsschrei, um dem stillen Würger auf dem Zarenchrone den Boden unter den Füßen zu lockern, um diesen Thron zu untergraben und seinen Einsturz herbeizuführen. Der Zarenhaß war es, der aus geborenen Friedenskämpfern, die wir Juden seit unserer Zerstreuung sind, kriegsbegeisterte Heldensöhne und Heldenväter, kanipfesmutige Streiter, tollkühne Flieger und klaglose Märtyrer der Kriegesleiden gemacht hatte; der Krieg war „unser Krieg", soweit er gegen den Zaren, ging. Meine eigenen Hoffnungen waren anderer Art gewesen. Ich hatte gemeint, daß derselbe Zar, der das Friedensmanifcst unterschrieben hatte — das ja wohl freilich auch wieder nur von einer anderen Art von Ratgebern für ihn versaßt worden , sein mochte —, es unter guten Einflüssen auch zu einer gerechteren Beurteilung des jüdischen Volkes gebracht und daß die schmale Fahrtrinne zwischen Böse und Gut, aus welcher die Entschließungen des Zaren sich bewegten, nach der guten und friedlichen Seite hin zu erweitern und auszubauen sein möchte. Ja, , ich richtete meine Hoffnungen, falls sie an ihm selbst scheitern sollten, auf seinen jungen Sohn, der nicht nur den Sohn eines zwischen Böse und Gut schwankenden Vaters, sondern auch der Sohn einer guten, klugen und mutigen Mutter ist. Wer in der Weltgeschichte war es anders beschlossen, und der Ewige richtet nach Gerechtigkeit! Denker und Dichter Milchen Glaubens. Von Ludwi g Geiger. . 3. H. S. M o s e n t h a l'). ermann Salomon Mosenthal, geboren in Kassel am '13. Januar 1821 als Sohn eines angesehenen Kaufmannes Herz Mosenthal und seiner zweiten Gattin, der, Schwester des Dr. Jakob Weil in Frankfurt, verlebte eine dürftige, doch freudenreiche Jugend: dürftig, weil der Vater fast an demselben Tage, an dem der Sohn zur Welt kam, ‘ sein Vermögen verlor, freudenreich, weil sich der Vater in einer kleinen Stellung ehrlich durchschlug'und die liebreiche für Poesie empfängliche Willensstärke Mutter, die ihre Stiefkinder ebenso wie ihre eigenen mit gleicher Liebe umfaßte und erzog, den Sonnenschein in Herz und Geist der Kinder zu bringen verstand. Mosenthal wurde zuerst von seiner Mutter, dann von Dr. Büdinger, dom Vater des berühmten Historikers, erzogen, kam dann nach eifriger Fürbitte der Mutter in das Gymnasium zu Kassel, das sonst jüdischen Kindern den Eintritt nicht gestattete, wo z. B. Franz Dingelstedt sein Lehrer war. Dieser nahm Poesien des Knaben, der schon in seiner. Kindheit zu dichten begonnen hatte, in seinem „Salon" aus, Rückert erfreute Eden angehenden Dichter mit ermunternden Worten. Aus den Rat seines Onkels Weil, in dessen Enkelin Lina er sich verliebte, die er später zu seiner Gattin machte, ging er auf das Technikum zu Karlsruhe 1840. Dort brachte er es in der wissenschaftlichen Vorbereitung ziemlich weit. Da aber die praktische Ausbildung ihm unerträglich, ja unmöglich war, war er entschlossen, eine Hau sieh r erste ll u n g in Sibirien anzunehmen, als ihm eine ähnliche bei Moritz Goldschmidt, dem Prokuristen des Rotschildschen Hauses in Wien, angeboten wurde, die er mit Freuden annähm (30. November 1840). Er war ein guter Erzieher, der von seinen Zöglingen lebenslang geehrt wurde, trat erfolgreich als Lyriker und Dramatiker auf. Der erste große Wurf gelang ihm in seinem Drama „Deborah", dem ein außerordentlicher Erfolg in Wien, in ganz Deutschland, Italien und England -beschioden war. Er verlobte sich mit der genannten Lina Weil, verheiratete sich 1857, nachdem er eine bescheidene Stellung in einem Ministerium gefunden hatte. Am 1. März 1862 starb seine innig geliebte Frau, nachdem sie mehrere allerdings nicht lebenskräftige Kinder geboren hatte. Er hat seine 'Gattin in unzähligen Gedichten gefeiert, ihrem Tode und ihrem Andenken stimmungsvolle Lieder gewidmet. Auch seinem Vater, der 1850, und seiner Mutter, die 1868 starb, weihte er tiefgefühlte Verse. Aus diesen Poesien mag zur Charakteristik der Gesinnung und Sprache des Dichters die der Mutter geweihte Grabschrift hier eine Stelle finden: Ein reichstes Herz trug diese Erde nicht. Im Dulden nicht und unbegrenzt im Lieben Verklärte es zur Liebe jede Pflicht h Das gesamte Material liegt vor in der Ausgabe Josef Weilens: S. H. Mosenthals gesammelte Werke mit dem Porträt Mosenthals durch Stahlstich, sechs Bände, Stuttgart und Leipzig bei Hallberger. Dem sechsten Bande ist .eine Biographie aus der Feder des Herausgebers vorangestellt, der ich in der kurzen Lebensskizze, aber auch nur in dieser, lgefolgt bin. Eine kurz« Zusammenstellung der biographischen Daten und eine in: ganzen gerechte Würdigung des Dichters findet sich in dem Artikel Anton Schönibachs in der „Allgemeinen deutschen Biographie, Band 22, Seite 368 bis 371. Die sonstige biographische Literatur über Mosenthal ist gering. Mir kam es in der nachfolgenden Skizze im wesentlichen darauf an, das speziell Jüdische hervorzuheben. Darum habe ich die nichtjüdischen Dramen nnd Erzählungen verhältnismäßig wenig berührt und mußte es auch vermeiden, auf die mir wohlbekannten teilweise sehr bissigen und gehässigen Spöttereien Spitzers auf Mosenthal in den ersten „Wiener Spaziergängen" nähereinzugehen. — (Das Bild Mosenthails wird, demnächst nachgeliefert.)