Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1918)
- Date
- 1918-08-16
- Page
- Seite 389 (sequence 5)
- Language
- German
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389 Den Mitteilungen des Indischen Preßbureaus in Stockholm entnehmen wir folgende Ausführungen: G r e n z f p e r r e ge ge n di e Juden in Den t sch l a n d. Die „Jüdische Rundschau" in Berlin, das Organ der Zionisten Deutschlands, befaßte sich -in seiner Nummer vom 26. Juli an leitender Stelle ausführlich, mit den Maßnahmen der deutschen Behörden gegen die Zuwanderung jüdischer Arbeiter aus den okkupierten Gebieten des Ostens. Die Zeitung konstatiert, daß in letzter Zeit eine vollständige Grenzsperre gegen die Ostjuden eingeführt worden ist. Bisher seien 10 000 bis 15 000 Juden als Arbeiter nach Deutschland gekommen. „Diese Einwanderun'g",ffchreibt die ZeiLung, „hat man jetzt unterbunden. Aus verschiedenen Notizen in deutschen Zeitungen und aus zahllosen Berichten und Beschwerden, die an uns gelangen, ergibt sich einwandfrei die Tatsache, daß zwar eine sehr intensive Anwerb'U.ng von Arbeitskräften inganzPolen, Litauen und der Ukraine für Deutschland betrieben wird, daß aber Juden, ausdrücklich und ausschließlich Juden, von dieser Anwerbung ausgeschlossen sind. Es scheint eine ganz eindeutige Verfügung zu bestehen, die die Einlassung. von jüdischen Arbeitern nach Deutschland verbiegt: Ja sogar diejenigen jüdischen, nur jüdischen, Arbeiter, die mit Urlaub ihrer Arbeitgeber zum Besuch ihrer Angehörigen nach dem besetzten Gebiete zurückkehren, werden an der Rückreise nach Deutschland verhindert. In diesem letzteren Falle liegen die Umstande besonders -. man muß fast sagen —■ grotesk. Diese selben Arbeiter erhalten nämlich mir dann die behördliche Einreiseerlaubnis nach Polen, lvenn sie vorher in Deutschland eine hohe Kaution — 100 bis •200 Mark — Hinterleger!, -die verfällt, wenn sie nicht nach Deutschland zurückkehren. Man kann sich vorstellen, welche Begriffe von deutscher Auffassung von Recht und Redlichkeit in den Köpfen von Menschen entstehen, die auf diese Weise behördlich gehindert werden, ihren vertraglichen Verpflichtungen nachzukommen und sie so kraft obrigkeitlicher Gewalt sowohl ihre Kaution verlieren wie außerstande sind, wieder zu ihrem Geld, ihren HabMigkeiten, ja zu ihrer Familie zu kommen, die viele von ihnen in Deutschland hinterlassen haben ..." „Es obliegt für uns keinem Zweifel, daß das preußische Miniftertnm des Innern hinter diesen Anordnungen steht, dessen langjährig, erprobter und den deutschen Juden recht vertrauter geheimrötlicher Antisemitismus jeder Neuorientierung standhält." Die „Jüdische Rundschau" erklärt, daß alle Gründe, die für den Grenzschluh angeführt werden, heuchlerisch! seien; die wahren Gründe seien Judenhaß und mittelalterliche Beschränktheit. Die Zeitung schreibt dann weiter 7 „Das soll hier deutlich gesagt werden: Wenn es wahr ist und lvenn es dabei bleibt, daß in Deutschland Verfügungen' erlassen werden oder bestehen, die jüdische Menschen unter Sondergesetze stellen, nur weil sie und wenn sie Juden sind, so müssen, wir deutsche .stiden das als eine Kampfansage gegen uns betrachten. Es spielt dabei gar keine Rolle — und auch das sioll von vornherein eindeutig festgestellt werden —, ob sich der Antisemitismus der Behörden nur gegen Ostjuden richtet. Es genügt die Tatsache, daß es in Deutschland möglich ist, daß für Juden, gleichviel welcher Herkunft, Ausnahmebestimmungen bestehen, daß für Juden, gleichviel aus welchen Gründen, Verordnungen erlassen werden, die für andere Menschen keine Geltung. haben. Das heißt die Tatfache leugnen, daß Juden Menschen - gleichen Rechtes sind mit allen anderen Menschen, das heißt uns den Krieg erklären um einer Forderung willen, in der wir kein Nachgeben kennen und um die wir känrpsen werden mit der gleichen Entschlossenheit gegen wo immer, sei es nun russischer Zar oder sei es preußisches Ministerium. Die ganze Welt soll nach Deutschland und wird zmn Eintritt aufgesordert, der geringste ruthenffche Analphabet ist willkommen, wir Juiden -- wir Juden, nicht die Ostjuden sind es —, wir sind gefährlich für das Land oder für seine Hygiene oder für seine Moral. Wir sind aufs äußerste entschlossen, diese Beleidigung nicht zuzulassen." Nach einem Hinweis auf den Eindruck, den diese Maßnahme aus die Kuliurwelt machen muß, schließt die Zeitung mit den Worten: „Wir verlangen, daß diese Schmach — keine Schmach für uns — sofort beseitigt und daß dieser Skandal — kein Skandal für uns — sofort abgestellt wird." So selten wir sonst mit dem zionistischen Blatte übereinstimmen können, so möchten wir den vorstehenden Artikel völlig unterschreiben und fordern in gleicher Weise eine Erklärung für dieses unbegreifliche Vorgehen, wenn die Berichte wirklich, was wir nicht zu kontrollieren, vermögen, den Tatsachen entsprechen. * Daß das Ostjudentum den Deutschen« keineswegs überall freundlich gegenübersteht, ist in diesen Blättern oft gezeigt worden. Speziell über das „Judentum in der Ukraine" handelt F. Jenny im „Tag". Er führt drei Quellen für den Deutschenhaß der russischen Juden an. (Ich gebe aus dem ausführlichen Artikel nur einige Hauptstellen wieder.) D>er -erste Ursprung des Deutschenhasses ist der Umstand, daß poli tischer Druck stets einen verbissenen Radikalismus erzeugt. Vergessen wir nicht, daß feine Gesellschaftsschicht vom Zarismus so fürchterlich geknechtet und entrechtet ward wie die Juden. Als Antwort darauf entstammen wohl «drei Viertel der revolutionären Führer und Hetzer dem Judentum, wiewohl dieses kaum 5 v. H. der russischen Bevölkerung ausmacht! Allen russischen Radikalen ist aber das Deutschtum als reaktionärer Popanz hingestellt. Die radikalen Kreise der Juden hassen daher „im Namen der Freiheit" alles Deutsche als den Inbegriff aller rückschrittlichen Gewalten. Die zweite Quelle der Abneigung gegen die Deutschen entspringt härterem, realerem Gestein. Nicht angelernten Freiheitsphraserr, sondern — dem Geschäft. Sie träufelt daher ihre Giftstoffe nicht sowohl in die Gehirne der unsteten Halbgebildeten und gärenden Freiheitsschwärmer unter der russischen Judenschaft, sondern bestimmt die wohlberechnete Haltung der jüdischen Geschäftswelt. Das große Geschäft mit den groben Gewinnen liegt für das jüdische Geldkapital und den jüdischen Warenhandel in Rußland, wo überdies in einem noch unentwickelten Lande mit unerfahrener Bevölkerung die von der Revolution ausgesprochene Gleichstellung der Juden mit den settesten Ködern winkt ... Zum dritten endlich schürt den Deutschenhaß der ukrainischen Juden die Scheu vor der strengen Ordnung, die der Deutsche ins Land bringt. Die Judenschaft ist im Osten von jeher eine streng abgeschlossene Gemeinschaft gMieben, «die nichts gemein hat und haben will mit dem von ihr bewohnten politischen Lande. So hat die Geschichte es gestaltet, die zarische Brutalität es bestärkt. Das Judentum spielt daher eine Sonderrolle, führt sein streng von der Umwelt abgeschiedenes Eigenleben, kennt keinen russischen Patriotismus im Sinne der Erstrebung einer speziell russischen Wohlfahrt — wie käme es auch dazu! ... Wüßten die. Juden der Ukraine ihren wirklichen« Vorteil zu bedenken, so würden sie ihren Deutschenhaß aufgeben. Gewiß steht es auch in Deutschland nicht allzu gut; aber Ordnung und Sicherheit herrscht. Wie es dagegen in der Ukraine aussieht, lehrt folgende -erst kürzlich dekannkgewordene Notiz: Neue Pogrome in der ukraine. Aus Slveningorodka wird dem Jüdischen Preßbureau in Stockholm Zufolge der „Wiener Morgenzeitung" gemeldet: „Am 5. und 6. Juli sielen Scharen bewaffneter Bauern über die Juden des Städtchens Lisinka (Gouvernement Kiew) her und schleppten eine große Anzahl von ihnen ins freie Feld, wo sie sie in der grausamsten Weise mißhandelten und mordeten. Nach dem Pogrome wurden 27 Juden getötet und 50 schwer v e r w u n d e t auf gesunden. Auch aus anderen Städten der Ukraine kommen beunruhigende Nachrichten von neuen Pogromen. * Die Mitteilungen des Komitees für Palästina melden: Verhandlungen z w i s ch e n d e r T ü r k e iu nd j ü d i s ch e u Organisationen über die Bildung eines jüdischen ZentrumsinPalästina. Auf Einladung der türkischen Regierung haben sich Vertreter des Zionistischen Aktionskomitees, der Vereinigung Indischer Organisationen Deutschlands und der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums nach Konstantinopel begeben, um in Ver- . Handlungen über die jüdischen Palästinawünsche einzutreten. Es läßt sich noch nicht übersehen, zu welchem Resultat diese Verhandlungen führen werden; man darf hoffen, daß die Türkei in richtiger Wnrdi-