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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-08-16 · Heft 33 (16.8.1918) · p. Seite 388

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 33 (16.8.1918)
Date
1918-08-16
Page
Seite 388 (sequence 4)
Language
German
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388 Wie arg es mit dem Antisemitisms in Oesterreich bestellt ist, 'hat dem tapfere Aufruf des Vor stände s der Wiener Gemeinde gezeigt, den wir in der vorigen Nummer veröffentlichten. Teile dieser Kundgebung werden auch von der „Frankfurter Zeitung" abgedruckt und mit folgender treffenden Bemerkung begleitet: Es wäre entschieden besser, wenn man die judenfeindlichen Erscheinungen mit anderen kriegspshchotischen Erinnerungen vor der Welt verbergen könnte. Wer die Kundgebung der österreichischen Judenschaft beweist, daß das Uebel schon über die Grenze dessen hinausgegriffen hat, was man schamhaft verbergen kann, daß man vor einer wohlorganisierten Kampagne steht, die man nur im. Licht der Oesfcntlichkeit erfolgreich bekämpfen kann. Tatsächlich bat man es amt dem alten Haßmittel gewissenloser Obrigkeiten zu tun: die Verbitterung von sich aus den bewährten Prügelknaben, den Juden, abzulenken. In Oesterreich ist allerdings namenlose Erbitterung aufgehäuft gegen die Behörden, die man für das vollste Versagen des Ernährungsdienstes und für alle traurigen Kriegsvorgänge verantwortlich macht. Es ist begreiflich, daß die Stellen, gegen die sich diese Erbitterung wendet, den Versuch machen, sie von sich abzulenken. Aber es ist unverantwortlich, daß namhafte Prediger von den Kanzeln herunter direkt gegen die Juden aufreizen, daß man namentlich in der A r m e e der judenfeindlichen Stimmung mehr als freien Lauf läßt. Es ist wahr, daß die galizischen Flüchtlinge, die zumeist Juden sind, das Leben in Wien nicht angenehm gemacht haben durch allerlei Praktiken und zur wahnsinnigen Preissteigerung im Schleichhandel ihren Anteil beigetragen haben. Es ist aber unwahr, daß sich Kriegswucher, Preistreibereien und ähnliche Erscheinungen nur auf dieses zrlgewanderte, meist jüdische Element beschränken. Der Krieg und die Not haben die allgemeine Moral eben "fürchterlich verwüstet und die Schwäche der Behörde hat es verhindert, daß der Entartung rechtzeitig ein Damm entgegengesetzt wurde. Vor dem Rettungsmanöver aber, das man jetzt versucht, kann nicht dringend genug gewarnt werden. * Zwei Todesfälle waren in der Berichtswoche zu beklagen, der des Rabbiners M. Güdemann in Wien und der des Professors F. Nippoldt in Oberursel bei Frankfurt. Beide Männer, der jüdische und der christliche Gelehrte, waren hervorragende Forscher auf dem Gebiete der Geschichte und Kulturgeschichte, Nippoldt eilt' durchaus freisinniger, in vielen Beziehungen radikaler Theologe, Güdemann ein gemäßigter, mehr der konservativen Richtung angehöriger Mann. Ueber Nippoldt, der in seinen größeren der Geschichte und Kirchengeschichte gewidmeten Arbeiten nicht allzuhäufig vom Judentum zu sprechen hatte, ist schon früher ausführlich in diesen Müttern die Rede gewesen, Güdemanns Bild und Biographie werden wir in einer der nächsten Nummern bringen. Ich selbst werde, da ich einmal mit dem Verstorbenen eine unerquickliche Polemik zur führen hatte, schon aus diesem Grunde den Nekrolog nicht schreiben; doch bin ich trotz persönlich unliebsamer Erfahrungen unparteiisch genug, um die außerordentlichen Verdienste anzuerkennen, die sich Güdemann sowohl durch seine großen gelehrten Werke als durch seine lange segensreiche theologische Wirksamkeit (er war fast ein halbes Jahrhundert in Wien tätig), als endlich durch seine edle Menschlichkeit erworben hat. Beide Männer hatten die Achtzig erreicht, ja überschritten, sie erfreuten sich beide trotz ihres hohen Alters bis fast zuletzt körperlicher und geistiger Rüstigkeit, sie hingen beide mit Eifer und Begeisterung deutschem Denken an und standen in dem furchtbaren Weltkrieg auf deutscher Seite. Es war ihnen, wie so vielen anderen Trefflichen, deren Tod wir in den letzten Jahren zu beklagen hatten, nicht vergönnt, den Triumph der deutschen Waffen und den Endsieg unserer gerechten Sache zu sehen. Fast möchte man sie beneiden, daß sie den Kämpfen und Entbehrungen, die uns ja leider noch für lange Zeit beschieden bleiben, entrückt sind; der Hinblick auf solche Ritter ins Geistes muß uns aber mahnen, unsere Wicht zu tun und auszuharren, solange uns das Leben vergönnt ist. * Wird bei den beiden Erwähnten der Schmerz 'einigermäßen gemildert durch den Hinblick daraus, daß die Verstorbenen ein ungewöhnlich'hohes Alte« erveiM haben, so fehlt, dieser Trost vollständig bei dem jähen Hinscheiden des Herrn Kommerzienrats Heinrich Eisner. Er ist am 12. August im 68. Lebensjahre an einem Herzschläge gestorben. Er war 15 Jahre lang Mitglied ldes Vorstandes per Berliner Gemeinde, seit 8 Jahren Vorsitzender des Vorstandes. Seit vielen Jahren war er Direktor der Hahnschen Werke, Wtiengesellschast, ein Geschäftsmann ersten Ranges, 'der >das riesige Unternehmen, dem er Vorstand, zu einer ungeahnten Wüte und Bedeutung zu 'bringen wußte. Als Vorsitzender des Vorstandes der Gemeinde 'hat er durch feine geradezu beispiellose unermüdliche Tätigkeit, durch seine unaewöhnliche Geschäfts-, kenntnis, vor allem durch sein mildes, menschliches Wesen ungemein segensreich gewirkt. Er wußte sachkundig und geschickt. ausgleichend und versöhnend, milde und doch energisch den ungeheuren Apvarat unseres Gemeinwesens zu leiten. Wer, wie der dieser Zeilen, jahrelang im Schulvorstand und in der Bibliochekskommissivn unter und mit-ihm gearbeitet hat, mußte von der ungewöhnlichen Tüchtigkeit des Geschäftsmannes, von der ruhigen, sachlichen Art der Leitung, von dem bestrickenden Zauber dieser bezwingenden Persönlichkeit gefesselt werden. Denn höher als alle Kenntnis, und Tätigkeit war bei diesem "herrlichen Mann 'das rein menschliche Wesen. Er war das Wohlwollen, die Güte und der Edelmut selbst. Er wußte von seinem Reichtum den schönsten Gebrauch zu 'machen; es gab keine Wohltätigkeitsinstitution, der «r nicht angehörte, es wurde keine Sammlung veranstaltet, an der er sich nicht mit einem großen Beitrug beteiligte. Aber höher als die großen Summen, die er spendete, stand die sinnige, herzerquickende Art, in der er zu spenden wußte: er gab wirklich aus dem Herzen, aus dem warmen, liebevollen, zarten Herzen eines echten Menschenfreundes. Ich erinnere mich keiner einzigen Sitzunq. in der nickt vor oder nach der Verhandlung irgendein Mitglied der Körperschaft an ihn herantrat, um ihm zu danken für irgendeine hochherzige Tat oder Gabe. Wer das Glück hatte, in seinem prächtigen Heim in der Bellevue- und später in der Matthäikirchstratze und auf seinem herrlichen Landgute zu verkehren, wer ihn an der Seite seiner trefflichen Gattin, deren Tod er vor vielen Jahren zu beklagen hatte, inmitten seiner Kinder, seine Gäste, den weiten Kreis seiner Verwandten, Freunde und Angestellten begrüßen, bewirten und mit freundlichem Zuspruche ehren und erquicken sah, wer wiederholt bei eigenen Festen die sinnig ausgewählten prächtigen Geschenke empfangen und dabei in das gütige Antlitz dieses gebesrohen Mannes blicken durfte, der hat damit einen unvergänglichen Schatz des Glückes gewonnen. Er möchte nicht glauben, daß dieses warme, reiche, für alles Edle glühende Herz zu schlagen aufgehört hat. Heinrich Eisner . war ein herrlicher Mensch, der durch seine wahrhafte Liebenswürdigkeit alle bezwang, der keine Neider, keinen Feind hatte, der nur Freunde, Bewunderer, Verehrer besaß. Er war der Stolz, das leuchtende Vorbild, der innigverehrte und geliebte Mittelpunkt, wie seines Hauses so der ganzen Gemeinde, ein Mann, der sich nie vordrängte, sondern fast allzu bescheiden zurückhielt und der doch immer im Vordergründe stand, ein Mensch, der durch seine echte Menschlichkeit alle unter die Gewalt seiner Güte beugte und der als ein wahrhaft Unersetzlicher verehrt, gepriesen und betrauert werden wird und muß für und für. *

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