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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-08-16 · Heft 33 (16.8.1918) · p. Seite 387

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 33 (16.8.1918)
Date
1918-08-16
Page
Seite 387 (sequence 3)
Language
German
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387 feit verlassen haben und ihren Fehl jetzt mit böser Krankheit büßen müssen. .Er warnt die Schwergestrasten davor^ sich der Verzweiflung hinzugeben und den Glauben an sich selbst zu verlieren. Er rät ihnen-, den Kummer nicht allein zu tragen, sondern sich den Mern, dem Freunde, dem Seelsorger anguvertrauen und die natürliche Scheu zu bezwingen, die einem GeständmK entgegensteht. Während andere in gleicher Lage, weil sie immer nur an ihren Körper denken, ihres Lebens nicht mehr froh werden können oder gar feige das Leben von sich werfen, „trägst du durch mutiges und tapferes Ertragen aller Schmerzen deine Schuld ab für den verbotenen Genuß, für die töricht gekostete Lust, lebst ein Leben des Segens für dich und die Welt, geizest mit jeder Sekunde dein-er Tage, um alles nachzuholen, was du früher versäumt, um alles wieder gutzumachen, was du früher verdorben, und scheidest von der Erde mit dem erhebenden Bewußtsein: Heil meinen späteren Jahren, welche Sühne gebracht für die Torheiten meiner Jugend""). Aus jeder Zeile spricht hier der erfahrene Menschenkenner voller Liebe und Herzensgüte. Nur eins vermisse ich in seinen Worten: eine eindringliche Ermahnung an die Kranken, nicht durch Heirat Gefahr zu laufen, Frau und Nachkommenunglücklich zu machen. Gerade weil hier die staatlichen Gesetze noch imitier versagen, kann die Religion gar nicht laut genug ihre Stimme erheben) um unübersehbares Unheil zu verhüten. An zahlreichen Stellen des Buches tritt der streng orthodoxe Standpunkt Carlebachs deutlich zutage. Kein unvoreingenommener religiös-liberaler Leser wird sich deshalb zurückhaltenlassen, dem Werke die hohe Anerkennung zu zollen, die ihm gebührt. „Ich finde in der christlichen Sexualpädagogik", schreibt Fr. W. Förster in einem Brief an den Verfasser, „kein Buch, das sich an Größe und Wucht des Appells mit dem Ihrigen messen könnte. Es sind ganz neue Töne darin, aus echter religiöser Erfahrung." Möge dieses Buch eines edlen, echtenjüdischen Seelsorgers weiteste Verbreitung finden und insbesondere von der reisen Jugend eingehend gelesen und gebührend gewürdigt werden. Dann wird es die schönsten Folgen zeitigen für die Belvahrung der Sittenreinheit in unseren Kreisen. Sie Woche. Berlin, den 13. August 1918. ie Nachrichten vom westlichenKriegsschauplatz lauten wenig erfreulich. Aus die französische Offensive, die noch keineswegs beendet ist, aber so starken Widerstand findet, daß sie nicht weiter vorschreitet, ist eine englische gefolgt. Sie ist einigermaßen überraschend eingetreten, war durch den starken Nebel begünstigt und'hat unsere Truppen zu bedeutendem Zurückweichen gezwungen, auch, wie der deutsche Heeresbericht meldet, uns erheblichen Verlust an Menschen und Material zugefügt. Es ist zu -hoffen, daß deutsche Gegenstöße bald eintreten, um die erlittenen Schlappen wettzumachen. Jedenfalls aber wird, durch diese ziemlich unerwarteten Erfolge der Feinde die Aussicht auf Frieden immer weiter hinausgeschoben. Was nützt es, daß Holland und Schweden, wie neuerdings berichtet wird, sich zur Friedensvermittlung anbieten, was verschlägt es, wenn Amerika keineswegs gewillt ist, die Handelssperre gegen Deutschland nach dem Kriege eintreten zu lassen? Weder die gutgemeinte Absicht der Neutralen noch die Unstimmigkeit zwischen England und Amerika bringt uns dem Frieden näher. Die trübe Stimmung, der wir uns freilich nicht überlassen wollen, die wir aber nicht ganz zu unterdrücken vermögen, wird gesteigert durch das unbeständige Wetter. Auf wenige Sonnenblicke folgen Stunden und Tage der Kühle, trüben, regnerischen Wetters. Hält letzteres noch lange an, folgt nicht endlich ein wirklicher Sommer mit kräftiger Sonne, so könnte die Ernte leicht gefährdet werden. Wir wollen nicht aufhören zu hoffen. 4t Die trübe Stimmung wird ferner gestärkt durch das schamlose Treiben der Antisemiten in Deutschland. Darüber gibt ein Artikel des „Berliner Tageblatt" Aufschluß, den wir hier folgen lassen», ohne daß wir nötig haben, den richtigen Ausführungen des genannten Blattes etwas hinzuzufügen. Der Artikel lautet: Ein antisemitisches Schwindelmanöver. Einapokrhphes Flugblatt. Die Antisemiten sind eifrig am Werke, um künstlich eine Hetze gegen die Staatsbürger jüdischen Glaubens zu inszenieren und die öffentliche Meinung zu vergiften. Neuerdings versuchen sie es mit einem selbstverständlich anonymen Flugblatt, das sie brieflich in Massen versenden und das den trügerischen Anschein zu erwecken versucht, als ob es sich hier um einen Rechtfertigungsversuch von Politikern jüdischen Glaubens handelt. Adressiert ist das Flugblatt an die „Arbeiter und Genossen, Proletarier Deutschlands". Es heißt da unter anderem: „Augen aus! Ein Flugblatt allgemeinster Sorte und von elender antisemitischer Färbung wird gegenwärtig mit Aufbietung großer Gckd'mittck hergestellt und zahl- und schamlos unter euch zu verbreiten gesucht. Dazu schweigen, wäre Verbrechen. Denn man will euch zersplittern und von uns und von cuern internationalen Brüdern trennen. Bleibet gedenk, diaß ihr Genossen seid und daß ihr solidarisch und groß erst wurdet, als alle Proletarier der Erde sich vereinigten, um ihre Lage zu verbessern. Und wem verdankt ihr diesen großartigen Zusammenschluß? Den Juden, die eure besten Freunde, eure Führer sind . . . denkt auch an Lassalle und Marx, an Singer, Cohn, Haase, Sam. Gompers, an Hofrichter, Trotzki, Radek und Adler, und an jene jüdischen Nihilisten und A n - a r ch i st e n , die aus der ganzen Erde ihr Leben gaben für die gemeinsame Sache der Arbeiter ... Die Juden haben kein besonderes Interesse am Untergang Deutschlands, obgleich es zum größten Teil antisemitisch und judenfeindlich ist; im Gegenteil, wir Semiten haben die Völker niemals aufeinander gehetzt, obwohl uns fast die Presse der ganzen Welt gehört. Wir machen aus dem Frieden auch kein Geschäft ... Darum Proletarier aller Länder, vereinigt euch, wie unser Marx gesegneten Angedenkens sagte; der Sieg wird euer sein, das habk ihr in Rußland gesehen, wo wir jetzt überall mit den Arbeitern an der Spitze stehen. Tie Bolschewiki sind auch gar n i ch t s o s ch l i m m , wie die „Deutsche Tageszeitung" und andere gewissenlose Zeitungen behaupten; sie brachten e r st die w a h r e K u I t u r und den Schwung in das von den Antisemiten absichtlich in Verblödung gehaltene Rußland. Die gerissensten Advokaten und besten Redakteure kämpfen.ja nur für euch. Darum tretet aus allen nationalen und christlichen Arbeitervereinen, in die man euch eingesangen hat, wieder heraus und tretet lieber als Förderer dem neuen K a m p f b u n d bei, dem Zusammenschluß aller Juden Deutschlands, dessen Gründer und Vorsitzer unser James Simon in Berlin ist, der sich ja, wie auch unser Ballin, Leopold Koppel, Walther Rathenau, Georg Arnhold u. a., zugleich einen Freu nid d e s K.a i s e r s nennen darf." Als Drucker dieses Flugblattes, das unter der Maske einer Auseinandersetzung mit antisemitischen Vorwürfen die jüdischen Staatsbürger gemeinschaftlicher Machenschaften beschuldigt, ist der fingierte Name eines „Siegfried Breslauer in Hamburg 6" angegeben. Die Persidie dieses neuesten antisemitischen Agitationsmittels liegt darin, daß das Flugblatt nachher zweifellos den jüdischen Mitbürgern angehängt werden soll, um so ihr Verhalten im Kriege zu charakterisieren. Kein Wort kann scharf genug sein, diese gemeingefährliche politische Methode zu geißeln. * 14) S. 96 f.

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