Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1918)
- Date
- 1918-08-16
- Page
- Seite 386 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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386 gibt ja auch manchen Jüngling, der schweren Herzens dem Eheglück entsagt, well er glaubt, daß höhere Lebenspslichten ihm die Verehelichung verbieten. Denjenigen aber, die vor den Mühen und Sorgen zurückschrecken, die die Gründung eines Hauses unvermeidlich mit sich bringen, ruft, er zu: - „Was wollen alle Sorgen, alle Anstrengungen zur Erlangung des Lebensunterhaltes der Familie, was alle Kümmernisse bedeuten, aller Aerger, alle Aufregung, von denen kein häusliches Leben verschont bleibt, was aller Verdruß im Amte und Berufe, was alle kleineren und größeren Zerwürfnisse, die in der Familie sich ereignen können, im Vergleiche zu dem Ozean an Liebe und Beseligung, welche die Ehe bietet, zu den täglichen und stündlichen Glücksmomenten und erhebenden Erlebnissen und Eindrücken, welche ein eigener Herd, ein geliebtes Weib, eine frohe Kinderschar deinem Herzen zu schaffen nimmer aufhören" 5 6). Der ehelichen Liebe stellt Carlebach die außereheliche Liebe gegenüber und verwirft sie bedingungslos, ohne Nachgiebigkeit, ohne schwächliche Zugeständnisse. Die Worte, die er diesem Gegenstände widmet, werden bei jedem unverdorbenen Leser den tiefsten Eindruck hinterlassen. Wie trefflich versteht es der Verfasser, dem Jüngling ins Gewissen zu reden! „O lasse dich nicht betören durch falsche Schlagworte, daß die Liebe das Höchste seidaß sie keine Schranken achten brauche; nicht die Schranken der Verschiedenheit des Glaubens und des Bekenntnisses; nicht die Schranken, die das Staatsgesetz und der Menschen geheiligte Sitte bilden; nicht die Schranken, welche durch Verhältnisse und Umstände gezogen sind. Reine, echte, heilige Liebe, gegen welche Tugend- und Ehrbarkeit keinen Einspruch, erheben« können, die mag über alle Hindernisse siegen, mag triumphieren über Vorurteile und niedere künstliche Widersprüche. Aber Liebe, 'die nicht zur Ehe führen soll, die nicht zur Ehe führen kann, die nur einer unlauteren unerlaubten Leidenschaft ihren Ursprung verdankt, die nur Befriedigung eines körperlichen, sinnlichen Verlangens bezweckt, die auf geheimen Schleichwegen wandelt, die ist das Grab der Reinheit des Körpers und der Seele, die ist der Uebel größtes, die bringt unabsehbares Unheil über dich und die Welt"8). Scharfe Worte fallen über die laxe Moral unserer Zeit, die das Unrecht gar noch beschönigt. „Die Welt nennt es wohl „tolle Jugendstreiche, verzeihlichen Uebermut, überschäumende Ausgelassenheit, überströmende Kraft, die sich austoben müsse", und wie die Schlagworte heißen. Wer wiederholt solchen Frevel an sich und der Menschheit begangen, der ist gar ein Held, ein Don Juan, ein Liebling der Musen, ein Günstling der Frauen, dem keine Schöne widerstehen kann, der viele schöne Herzen gebrochen u. dgl. O über die Verkehrtheiten der Zeit, die das Gute böse und das Böse gut nennt; die durch Phrasenhafte Schlagworte das Urteil der Welt" trübt und vom ernsten Nachdenken zurückhält!"7) Geht doch „der traurige Zeitgeist" so weit, dem Verbrechen des Ehebruchs den Charakter der Sünde zu nehmen. „Der arme Schlucker, der aus Not, um seinen Hunger zu stillen oder Weib und Kinder nicht darben zu lassen, sich in ein fremdes Haus schleicht und etwas entwendet, gilt als verächtlicher Dieb, der sein Unrecht hinter Kerkermauern büßen muß. Aber der Geck, der, weil es ihm zu wohl ist und er keine Sorgen» hat, Liebeshändel sucht und dem Nachbar das Teuerste, die Hausehre, den Familienfrieden, die Seelenruhe raubt, der kommt sich noch «als «ein Held vor"^). Carlebach schließt ibiefe seine Betrachtungen mit dem Mahnruf: „Brüder und Schwestern! Um «eures zeitlichen und ewigen Heiles willen, hütet euch vor diesen 5) S. 26. 6) S. 30. 7) 9. 33. 8) 9. 38 f. Verirrungen, bewahrt davor eure Kinder und eure Schutzbefohlenen, werdet nicht lässig in dieser Selbstbchütung, lasset nicht nach in der Aufmerksamkeit auf eure Kinder, so lange ihr lebet. Wer rein sein will, dem Hilst Gottes Gnade; wer sich selbst heiligt, dem verleiht der Himmel den Geist der Reinheit und Heiligkeit"^). Nun folgt ein sehr großes Zitat aus dem „Chaurew" von Samson Raphael Hirsch"). In einem Buche von 98 Seiten ein aus 35 Seiten bestehendes Zitat — das ist etwas Ungewöhnliches und wohl nur aus der unbegrenzten Verehrung zu verstehen, die der Verfasser dem genialen Begründer der Neuorthodoxie zollt. Gewiß, Hirsch hat ergreifende Töne gefunden, mit denen er zur Sittenreinheit und Selbstheiligung aufsordert. Dennoch mag es dahingestellt bleiben, ob das umfangreiche Zitat den Wert des Carlebachschen Buches erhöht. Denn Hirsch schreibt einen geschraubten, gekünstelten Stil, besonders seine Uebersetzungen aus der Thora sind ungenießbar, während Carlebach seine Gedanken in leichtem, flüssigem Deutsch vorträgt und so zur . Schönheit des Inhalts die Schönheit der Form fügt. Gegen Schluß seines Buches behandelt Carlebach das Verhältnis der Heiligen Schrift zur Sittlichkeit s f r a g c, um den häufig erhobenen Vorwurf zu entkräften, als seien die Stellen der Schrift, die Anstößiges berichten, geeignet, sittlichen Verirrungen Vorschub zu leisten. Wollte die Bibel vor dem Laster warnen, so mußte sie es mit Namen nennen, und „Sache der Eltern, der Lehrer und Erzieher bleibt es, den Unterricht so zu aestälten, daß den Kindern aus der Kenntnisnahme dieser Stellen der beabsichtigte Nutzen erblühe, ohne daß ihnen Schaden daraus erwachse""). Aus den einschlägigen Stellen greift Carlebach die Erzählung von Juda und Thamar (1. B. Mose Kap. 38) und die von David und Bathseba (II. Sam. Kap. 11 f.) heraus. Besonders über die letztere Erzählung verbreitet er sich eingehend und warnt davor, sie so aufzufassen, als könnte sie uns als Freibrief für sittliche Verirrungen dienen. „Sprich nicht, mein Freund, wenn ein Gottesmann wie jener fromme König der Leidenschaft erlegen ist, wer wollte es mir, dem Weltkind, dem in viel laxeren Grundsätzen Erzogenen, dem in unendlich mehr verführerischen Zeltverhältnissen Lebenden, noch sehr verübeln und zum Vorwurf machen können!"") Soll doch umgekehrt gerade gezeigt werden, welch schwere Folgen ein Vergehen gegen das Sittengesetz selbst bei einem sittlich *sonst so hoch stehenden Menschen, wie es David gewesen ist, herbeiführen kann. „Siehst du nicht, mein Bruder, siehst du nicht, wohin die Sünde führt? Ein König David, dem früher das Herz geschlagen, als er dem ihn verfolgenden König Saul den Rockzipfel abgeschnitten, wird zum Mörder! Und wenn er auch nur der Veranlasser des Todes Urijas gewesen, so hat doch diese Veranlassung mit einem richtigen Morde verzweifelte Aehnlichkeit""). Und letzten Endes sind alle späteren traurigen Ereignisse im Leben Davids nichts anderes als naturgemäße Folgen seiner einmaligen schweren Verirrung. Endlich aber kann David jedem ein leuchtendes Vorbild dafür sein, wie man umkehren soll und wie man die Reinheit der Seele wieder erlangen kann. Ist Carlebach mit mannhafter Festigkeit allen Versuchen entgegengetreten, sittliche Verfehlungen irgendwie zu beschönigen, so zeigt er sich am Ende seiner Abhandlung als einen väterlichen Freund und liebevollen Berater allen denen, die den Weg der Sittlich- 9) S. 40. 10) Es sind die Paragraphen 98—111, 262—267, 381—383, 426—429, 433—446, 455—457, 462—463, 466. 11) S. 77. 12) S. 83. 13) S. 91.