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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-08-16 · Heft 33 (16.8.1918) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 33 (16.8.1918)
Date
1918-08-16
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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82. Jahrgang. Nr. 33 IDH tjcrüo, lö. ^uxv8t 1918 eitung des Audentums Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner Vr. Ludwig Philippson Unirr Leitung des Geheime« Regierungsratr Professor Br. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Messe, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buch« Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 QL — Postscheckkonto 32* Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der «Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-4-, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. flftftftlt* „Sittenreinheit*. Von Rabbiner Dr. Norden (Elberfeld) — yiU/uU« Die Woche. — Ter „Heilige Krieg" im alten Israel. Von I. Herzberg (Bromberg). — Zum Tode des Exzaren Nikolaus. VonRahel Edel st ein-F riedmann (Zürich). — Denker und Dichter jüdischen Glaubens. Von Ludwig Geiger. — Noch einmal'Literaturvereine. Von Rabbiner Dr. Gelles (Lissa i. P.). — Feuilleton: Jedem daS Seinige. Roman von M. Pulvermann.Sprechsaal. — Bücherei»'lauf. Der Gemeindebote (Vellage zur «Allgemeinen Zeitung des Judentums*). Berlin, Königsberg i. Pr, Loslau, Posen. Aus der Provinz Posen, Görlitz, Leipzig, Würzburg, Den Haag, Wien. — Von Nah und Fern. „Sittenrrilihrit." Bon Rabbiner Dr. Norden (Elberfeld). or einigen Jahren wohnte ich einem Vorträge bei, den ein angesehener Arzt unserer Stadt vor . den Abiturienten der höheren Lehranstalten hielt. Es galt, den jungen Leuten die schweren Gefahren vor Augen zu führen, die denen drohen, welche sich der Unkeuschheit hingeben. So eindringlich nun aber auch die Mckhnungen und Warnungen des Redners waren und so überzeugend das statistische Material, das er beibrachte: er sprach doch mir in seiner Eigenschaft als Arzt, so daß ich die Empfindung hatte: der Gegenstand ist mit den Worten des Redners bei «weitem nicht erschöpft; jetzt müßte nach dem Arzt der Ethiker, der Seelsorger auftveten und denselben Gegenstand von der sittlich-religiösen Seite aus beleuchten. . Auch an Schriften, die das Thema „Keuschheit, Sittlichkeit" ungeschminkt 'behandeln, ist kein Ueberfluß. Von jüdischer Seite find mir aus den letzten Jahrzehnten nur die einschlägigen Kapitel aus Samson Raphael Hirfchs „0baur6w" bekannt. Wenn Hirschs warmherzige Ausführungen weniger bekannt sind, als sie es zu sein verdienen, so liegt das einerseits daran, daß es sich nicht um eine Einzelschrift handelt, die sich ausschließlich mit dem Gegenstand beschäftigt: auf der anderen Seite trägt auch der Verfasser selbst einige Schuld, indem sein absonderlicher Stil viele Leser abschreckt. Längst hätte nach Hirsch ein Buch erscheinen müssen, das den heiklen Sittlichkeitsfragen gewidmet ist, -ein Mahn- und Weckruf an unsere Jugend, auch indem Getriebe des modernen Lebens den heiligen Grundsätzen der Keuschheit treu zu bleiben, nach denen unsere Vorfahren geleibt haben. Herr Rabbiner Dr. Ca rieb ach in Lübeck hat die Lücke ausgefüllt und unter dem Titel „S i t t e n r e i nhei t" *) ein packendes Mahnwort hinausgesandt, das verdient, eingehend besprochen und gewürdigt zu werden. Hier vereinigt ein Mann in seltenem Maße alle die Eigenschaften in sich, die der besitzen muß, der sich an den schwierigen Gegenstand heranwagt. Er hat den Mut, die Dinge beim richtigen Namen zu *) „Sittenreinheit". Ein Mahnwort an Israels Söhne und Töchter, Bä!-r und Mütter. Von Rabbiner Dr. Salomon Carlebach. Lübeck 1917. nennen. Dabei poltert und wettert er aber nicht, sondern behandelt sein Thema mit staunenswerter Gewandtheit im Ausdruck und mit innigem Zartgefühl und spricht zu der Jugend gütig und liebevoll, wie ein Vater zu seinem Kinde. Zunächst freilich, wendet sich Carlebach an die Eltern und legt ihnen die sorgfältige Erziehung ihrer Söhne und Töchter dringend ans Herz. Er erweist sich dabei als einen gediegenen Kenner der neuesten Erziehungsbücher, besonders der hervorragenden Werke eines Friedriä) Wilhelm Förster, aus die er wiederholt Bezug nimmt. Carlebach ist kein Feind der sexuellen Aufklärung, würdigt aber anderseits auch den Standpunkt solcher Eltern, die es vermeiden, sich mit ihren Kindern über diesen Gegenstand zu unterhalten. „Denn welches Taktgefühl, welche Zartheit, welche Vorsicht in der Wahl der Worte gehört dazu, welche Unbefangenheit ist nötig, um nur zu nützen, ohne gleichzeitig zu schaden!"') Aufklärung ist jedenfalls nicht die Hauptsache; viel wichtiger ist es, durch die ganze Art der Erziehung den sittlichen Gefahren, die der Jugend drohen, entgegenzuwirken. „Sinn und Gedanken und Phantasie der Jugend sollen auf ernste, heilige, hohe Zwecke hingelenkt werden, so daß kei'r.e Zeit, kein Anlaß, kein Reiz bleibe für Heimlichkeiten. Die reine Luft, die sie im Hause atmen; der religiöse Sinn, der alle Herzen erfüllen soll; die Heiterkeit und liebevolle Innigkeit, die Eltern und Kinder verbinden; die reinen, sittigen Mittel zur Ausspannung, Zerstreuung und Erholung: das sind die Impfstoffe, welche gegen die Ansteckung der Sittenverderbnis unempfänglich machen müssen" *). Carlebach warnt davor, die Kinder zu häufig ins Theater zu schicken, weil alles vermieden werden sollte, was die kindlichen Nerven aufregt. Vollständig verwirft er die als „Bestandteil der Jugendbildung" geltenden Tanzst u n d e n u'n>d Tanzkränzchen und enipfiehlt statt dessen um so wärmer die Leibesübungen, die der Gelenkigkeit, der Abhärtung und der Erfrischung dienen und der Nervosität entgegenarbeiten'. Dem g e m e i n. s a m e n U n t e r r i ch t d e r b e i d e n Geschlechter möchte der Verfasser nicht unbedingt zustimmeu; die alten jüdischen Gesetzeslehrer, meint er, würden, vor diese Frage gestellt, wahrscheinlich der Trennung der Geschlechter das Wort geredet haben. „Aber wir müssen auch den veränderten Zeitverhältn.issen Rechnung tragen und bestrebt bleiben, ihre Nachteile tunlichst zu vermeiden und zu vermindern und ihre guten Seiten für die Lebensheilirgung nutzbar zu machen" 4). Wunderbar innige Worte findet der Verfasser bei dem Thema eheliche Liebe. Unverantwortlich handelt jeder, der aus nichtigen Gründen 'ehelos bleibt oder die Eheschließung immer wieder hinausschiebt. Aus nichtigen Gründen: denn es *) S. 14 f. "1 S. 15. 4) S. 15 {. ' 1" '

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