Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1918)
- Date
- 1918-08-09
- Page
- Seite 383 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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üu4 betrachtet und hauptsächlich darauf bedacht ist, ihre Landsleute mit einem Vergleich zwischen England und Fran-kreich zu unterhalten. Papst Jnnocenz TIII. über Juden. Die Sammlung der Depeschen und Briefe des Giacomo Gherardi, päpstlichen Gesandten in Florenz und Mailand 1487 bis 1490, die in Rom 1909 erschienen sind (Studi e testi, Band 21), enthält einen wichtigen Brief des Papstes Jnnocenz VIII. an seinen Botschafter vom 17. Juni 1488. Der Papst meldet darin, die Juden in Rom hätten ihm mitgeteilt, Mailänder Juden seien von einem kürzlich zum Katholizismus übergetretenen ehemaligen Glaubensgenossen angeklagt worden, mancherlei Verbrechen begangen zu haben. Der Papst fährt fort: „Wir, die wir wissen, daß die Juden von der katholischen Kirche geduldet und von ungerechten Anklagen befreit werden müssen, beauftragen Dich, der Sache näher nachzugehen und die Wahrheit zu erkunden. Und wenn Du findest, daß die Juden außer ihren alten, in ihren Synagogen erlaubten Gebräuchen nichts Verbrecherisches getan haben, so ermahne den Herzog Galeazzo Maria, daß er nicht dulde, daß die Juden in seinem Gebiete ungerecht unterdrückt würden, und teile mir die Anklage und das Resultat der geschehenen Untersuchung mit." Dies merkwürdige Schreiben des Papstes hat seitens des Botschafters gewiß eine Antwort erhalten, aber in der von mir benutzten Sammlung steht eine solche Antwort nicht. Ich vermag daher nicht anzugeben, was eigentlich dem Aufträge des Papstes zugrunde liegt und was daraus erfolgt ist; auch über das Schicksal der Mailänder Juden ist mir nichts Näheres bekannt. Aber das päpstliche Schreiben verdient wegen seines im ganzen wohlwollenden Tones und seiner gerechten Gesinnung eine Hervorhebung. L. G. . * Daß man auch in der christlichen Gelehrtenwelt allmählich zu einer würdigeren und gerechteren Auffassung über das Judentum und seine Ethik kommt, davon zeugt ein auch sonst sehr interessantes Buch von Traugott Konstantin Oesterreich, ao. Professor der Philosophie an der Universität Tübingen: „Einführung in die Religionspsychologie" usw. Berlin 1917, Mittler u. Sohn. Er sagt hier u. a. über die israelitische Religion pag. 138 ff.: „Wir haben heute gelernt, die israelitische Religion als eine vorderasiatische Religion neben anderen anzusehen. Aber das heißt jetzt nicht mehr, als daß wir die übrigen und ihre Wechselbeziehungen zum Judentum besser als vordem kennen. Die Erwartung, daß sie diesen auch qualitativ näherrücken würden, als man früher glaubte, hat sich nicht erfüllt. Der Rangunterschrod ist nicht zu verwischen. — Die zentrale Stellung der Sittlichkeit wird auch durch den Monotheismus nicht erklärt (wie der Vergleich mit dom Islam beweist). Die Erklärung liegt in der hohen moralischen Veranlagung des Judentums. So fremd es dem Nichtsemiten in manchem Tun feines Wesens bleibt, die starke Veranlagung zu warmen Beziehungen der Menschen untereinander spricht sich schon in seiner jeder anderen überlegenen sozialen Gesetzgebung in einer ganz unverkennbaren Deutlichkeit aus. Es fehlt diesem Zweige der Menschheit die Eigenschaft der Rohheit in einem Maße, in welchem auch kulturell weit höher entwickelte Völker, wie die Griechen, nicht frei davon sind. Auch in der modernen Kriminalstatistik tritt das Freisein des Judentums von Rohheitsdelikten trotz stark neurotischer Veranlagung eindrucksvoll zutage. So sehr allmählich für weite Kreise das rituelle Wesen in den Vordergrund rückte, so wenig steht es doch im Mittelpunkte der Religiosität ans ihren Höhen, wie sie vor allem von den Propheten erreicht werden." — In bezug auf den Unterschied zwischen der Ethik des Judentums und Christentums sagt Oesterreich: „Die jüdischen Theologen haben aber vollkommen recht, wenn sie feststellen, daß das Christentum weder in bezug auf das Wesen Gottes noch die dem Menschen obliegenden Verpflichtungen religW-sittliche Gedanken austveist, die nicht auch auf den Höhen des Judentums vorhanden gewesen sind. Mit den Darlegungen jüdischer Theologen stimmen auch die Forschungen der christlichen Theologen über die jüdische Literatur außerhalb des Alten Testaments überein. Jesus kann nur als Jude verstanden werden. Wem niemals jüdisches Wesen nachfühlbar geworden ist, kann ihn und den Ursprung des Christentums nicht verstehen. Wer ihn und seinen Gottesglauben wirklich in seiner seelischen Eigenart verstehen will, der tut viel besserzu den höchststehenden Teilen des Talmud oder zu der religiös-ethischen oder religiösgeschichtlichen Literatur des modernen Judentums zu greisen, als zu manchen ethischen Darlegungen christlicher Theologen. Die spezifische Sittlichkeit auch des modernen Judentums ist mit der Jesu viel enger verwandt, als die mancher arischen Theologen, denen das eigenartige, instinktiv warm-sozial gesinnte jüdische Menschentum völlig fremd bleibt, und die sich teilweise bis zur Bildung der Forderung einer rein national-egoistischen, auf sittliche Momente nicht Rücksicht nehmenden Machtpolitik von Jesus entfernen, während selbstverständlich auch der Staat an religiös-sittliche Grundsätze normativ gebunden ist, und, wo er sich in bestimmenden Fällen danach richtete, auch die höchste Bewunderung hervovrief." Rabbiner Dr. S t r a ß b u r g (Ulm a. d. D.). * In einem Artikel: „Eine Zeichnung des Dichters E. Th. A. Hoffmann aus seiner Posener Zeit" in der März-Mai-Nummer der „Historischen Monatsblätter für die Provinz Posen" schreibt Pastor W. Bickerich in Lissa i. P.: „Ob ich wohl zum Maler oder zum Musiker geboren wurde? Ich muß diese Frage dem Präsidenten oder dem Großkanzler vorlegen, die werdendes wissen", schreibt E. Th. A. Hoffmann in seinem Plozker Tagebuch, seiner dichterischen Begabung, die ihn später berühmt machen sollte, noch gar nicht geden^nd. Es ist bekannt, daß sein Zeichentalent ihm in seiner Posener Zeit (April 1800 bis Ende Juli 1802) einen bösen Streich gespielt. und durch die bissigen Karikaturen, die er von Damen und Herren der Posener Gesellschaft entworfen hatte, und die auf einem Maskenball von Hand zu Hand gingen, die Verbannung nach Plozk eingetragen hat. Leider ist uns von diesen Erzeugnissen einer übermütigen Laune des genialen Assessors nichts erhalten. Wenn aber bisher das Urteil galt: „Von Malereien, Zeichnungen oder Dichtungen. Hoffmanrrs ist aus der Posener Lebensperiode nichts aus die Nachwelt gekommen" (vgl. Karl Schönke, „Ernst Theodor Amadeus Hoffmann in Posen 1800/02", Zeitschrift der Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen, Jahrg. 25, 1910, S. 174), so ist mir jüngst doch eine.Zeichnung Hoffmanns an einem Orte begegnet, in dem man sie nicht gerade erwarten sollte, nämlich in den Akten einer kirchlichen Behörde, des damaligen südpreußischen Konsistoriums, das allerdings einen Senat der Regierung bildete, die in südpreußischer Zeit das Landesjustizkollegium darstellte, und an der Hofsmann als Assessor tätig war. Unter der Aussicht dieses Konsistoriums stand auch die reformierte Unität, der Verband der reformierten Gemeinden in Südpreußen, ursprünglich der Gemeinden der Böhmischen Brüder im ehemaligen Großpolen, und mit diesem Kirchenverband war auch dessen Kasse unter staatliche Aufsicht und Verwaltung gekommen, und die Verwaltung der Unitätskasse hakte Rendant Grüne in Posen. Grüne ließ nlm für die Unrtätskaffe ein Siegel ansertigen, nachdem der Entwurf dafür, von Regiermrgsasfeffvr Hofsmann angesertigt, den Beifall des Konsistorialrats gefunden hatte. Die Zeichnung des Siegels ist, nach einer photographischen Ausnahme, dem Artikel beigefügt und stellt, nach einer Erklärung von E. Th. A. Hoffmann, auf dem Altar der Eintracht die Sinnbilder der Religion/ der Wohltätigkeit und der Freiheit dar, wobei der Gedanke, der ihn leitete, war: Vereinigung zur freien Ausübung der Religion und zu wohltätigen Zwecken. Das Ganze ist im Geiste jener Zeit, im Sinne der sogenannten Aufklärung gehalten. Das Siegel wurde — das ist für uns von besonderem Interesse — von dem Königlichen Kammer-Petschierstecher Simon Hirschel Sachs in Posen angefertigt, und zwar „zum alleräußersten Preis" von 3 Talern. In der Zeit der „Höchstpreise" mutet uns das an wie „ein Märchen aus guter alter Zeit". Und Simon Hirschel Sachs hatte keine Ahnung davon, wie berühmt der Mann einst werden würde, der die Zeichnung entworfen hatte! Sanitätsrat Dr. S ch e r b e l (Lissa). * Aus den Oryrchuchosfrruden. Die Funde von Oxhrynchos, die uns den Mimus beschert haben, bieten, abgesehen von den Septuagintafunden, auch für die Geschichte der Juden Interesse. Ich weih nicht, wie weit ihr. Ertrag schon von der Forschung berücksichtigt ist, möchte aber jedenfalls durch folgende kleine Blutenlese die Aufmerksamkeit hierauf 'lenken.. Es steht fest, daß in dieser kleinen antiken Provinzstadt Aegyptens mindestens in der späteren. Kmischen Kaiserzeit eine nicht unbeträchtliche jüdische Kolonie bestanden hat. Im Jahre 136 n. Eh. (Greenfell-Hunt II, 169)