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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-08-09 · Heft 32 (9.8.1918) · p. Seite 382

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 32 (9.8.1918)
Date
1918-08-09
Page
Seite 382 (sequence 10)
Language
German
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den Stoß, den er gegen sie führen mußte, nur noch schmerzlicher gestaltete. Sie hatte das Haupt auf beide Hände gestützt, während sie ihn freundlich anblickte und sprach: „Sag mal, Söhnchen, ist es dir noch nie in den Sinn gekommen, daß ich auch einmal krank und untätig werden 'könnte?" ' „Gott behüte, Mutter! Daran wollen wir gar nicht erst denken." „Awromele, wir müssen daran denken. Ich bin Doch auch, nur menschlich, wenn du auch mein Sohn bist. Ich habe heute fortwährend daran gedacht und bin zu der Ueberzeugung gekommen, daß du heiraten mußt." Er schlug die Augen nieder und ließ sie auf Antwort warten. Gott sei Dank, sie hat dem Schlage, der sie treffen sollte, unbewußt die Hälfte der Stoßkraft genommen! Zwar nur die kleinere Hälfte, immerhin einen. Teil. „Du lehnst also nicht ab", sprach sie mit einem Seufzer. „Soll ich dir ungehorsam sein?" „Nein, nein, mein goldenes Kind!" rief sie wieder versöhnt, da sie sich über seine Anhänglichkeit freute. „Es ist ja ein großes Opfer für mich, die Hälfte deiner Liebe einer Fremden überlassen zu müssen. Ich nehme doch an, daß du deine Frau ein wenig lieb haben wirst. Ist es nicht so?" Ein tiefer Ernst begleitete diese Frage. „Es ist wenigstens allgemein so üblich", erwiderte er lächelnd. „Wenn es also sein muß, dann kann es doch auch bald geschehen", fuhr sie fort, sich für ihren Plan mehr und -mehr erwärmend. „Ich werde dann mehr Zeit haben, ihr alles zu zeigen, wie sie zu deinem Wohlbehagen beitragen kann. Nur , eins mußt du mir versprechen, Awromeke: den Haushalt und die ganze Wirtschaft muß sie rituell einrichten und von unseren heiligen Geboten nicht um Haaresbreite abweichen. Willst du mir das versprechen, Awromele?" „Man kann aber doch nicht gleich einen alten Kopf aus junge Schultern setzen wollen", sprach er leise. „Deshalb sage ich dir, daß du sehr vorsichtig bei der Wahl sein mußt. Ich könnte dir schon zu einem Mädchen raten, das ein wahres Juwel ist. Es ist Chawe, die Tochter von dem Bäcker Semmelmann; sie ist sanft wie ein Täubchen, schön wie ein Paradiesapfel, ein frommes, gottesfürchtiges Mädchen und eine gehorsame Tochter. Ich sehe sie jeden Sonnabend im , Tempel und ich bin überzeugt, daß sie sich mir zuliebe auch wird die Haare abschnerden lassen und eine Perücke tragen. Awromele, soll ich ihr morgen ein Wörtchen ins Ohr flüstern?" (Fortsetzung folgt.) Zur Geschichte des ewigen Juden. In einer Bücherbesprechung wies ich jüngst auf einen vor kurzem erschienenen Neudruck der „Geschichte des ewigen Juden" hin. Anknüpfend an dasselbe Buch veröffentlichte ich in den- „Frankfurter Nachrichten" vom 15>. Mai eine Betrachtung über die nrerkwürdige Sage. Diese Betrachtung gipfelte in zwei Sätzen. In dem einen suchte ich auszusühren-, daß die ganze Geschichte der Niederschlag, des Hasses sei, den das Urchristentum gegen -das Judentum hegte, in dem anderen wollte ich dartun, daß die ganze Geschichte, obgleich von Christen erdacht, im höchsten Grade unchristlich erscheine, weil in ihr Jesus, der sonst als der große Versöhner aufgefaßt wird, als der rachsüchtige, das Vergehen nicht verzeihende Träger des Haßgedankens dargestellt wird. Gegen diese meine Darlegung polemisiert ein Herr P. R. M. in einem größeren Feuilleton der „Frankfurter Volkszeitung" vom 26. Mai. Er will mich belehren, daß das Urchristentum das Judentum nicht gehaßt habe, aber seine Belehrung ist vollkommen falsch, wie im einzelnenkaum dargetan zu werden braucht. Wenn er in dieser Auseinandersetzung die Worte drucken läßt: „aber nie vergaß die Kirche, daß sie eben aus jenem Volke hervorgegangen sei und ans seine Verheißungen sich stütze", so.ist dieser 382 -— Satz nur halb wahr, denn er berücksichtigt nicht die blutigen Verfolgungen und den grimmigen Haß mit dem das offizielle Christentum in den verschiedensten Zeiten gegen das Judentum austrat. Ebenso verkehrt ist die zweite Belehrung des Verfassers, daß nämlich die Sage vom ewigen Juden nicht zugleich amt dem Christentum entstanden sei. Ich weiß so gut wie der Verfasser jenes Artikels, daß die ausführliche deutsche Erzählung vom ewigen Juden erst jm Jahre 1600 gedruckt ist. Wenn er aber hinzufügt, der erste Bericht stamme aus dern Jahre 1300, so enthält diese Adutzerüng deinen Beweis gegen tnich; Denn eive Sage und deren Fixierung sind zweierlei; eine Sage kann Jahrzehnte, sogar Jahrhunderte existieren, ehe sie sich zu einem wirklichen Berichte verdichtet. Nun gebe-ich zu, daß die erste schriftliche Fixierung dem 13. Jahrhundert angehört, aber zu ihrer Gestaltung haben Mitteilungen und Vorstellungen mitgewiröt, die Jahrhunderte zurückgreifen. Woraus es dem Verfasser aber am meisten ankommt, sind nicht die beiden angeblichen- Widerlegungen, ausidie bereits hingedeutet ist, sondern folgende. Ich hatte, wie erwähnt, behauptet, daß die Sage der Auffassung widerspreche, die nicht nur das Urchristentum, sondern das Christentum überhaupt von dem Stifter seiner Religion habe. Das Christentum sieht in seinem Stifter den versöhnlichen Geist, der das Unrecht verzeiht, der Sünder und Sünderinnen zu sich emporhebt; diese Sage aber erblickt m ihm den grimmigen, rachsüchtigen Feind, der gerade das ihm persönlich widerfahrene Unrecht nicht vergessen kann, vielmehr den, der sich in Wort und Tat gegen ihn vergangen zu ewigem Leben verdammt. Wäre der Verfasser imstande, diese meine Ansicht zu widerlegen, so hätte seine Polemik eine innere Berechtigung; er hilft sich aber nur mit Phrasen — denn anders kann ich seine Sätze nicht bezeichnen, die so -lauten: „Aus Geigers Worten spricht nichts anderes als der Versuch,!das Christusbild, wie es das gläubige Christentum festhält, als verfehlt zu bezeichnen. Ein Versuch, der offen oder verschleiert in unserer Zeit oft gemacht wird. Nur wer Jesus nicht als Gottmenfchen anerkennt, kann ein richterliches Eingreifen seinerseits als unberechtigt empfinden. Dem aber, der noch treu am alten Glauben festhält, eint sich in ihm auf wunderbare Weise die Milde!des großen Menschenfreundes und die Strenge des göttlichen Richters." Man sieht aus diesen Sähen, die den Streit auf ein ganz anderes Gebiet übertragen wollen, daß der Verfasser mich völlig mißversteht. Ein göttlicher Richter könnte große allgemeine Verbrechenstrafen, müßte aber persönlich erlittene Unbill ungestraft lassen; was hier die Sage Jesu Zuschreibt, ist ein allzu menschliches Mrfähren, das sich mit der Mission des Stifters der christlichen MMgion nicht vereinenläßt. Diese meine, wie ich noch jetzt behaupte, richtige Anschau ring ist durch den Verfasser jenes Artikels nicht widerlegt worden. L. G. * mn Urteil über Haltzvys Jüdin. Ein merkwürdiges Buch, das mir kürzlich in die Hände fiel: Frances Trolope, Paris und die Pariser im Jahre 1838, drei Bände, Aachen und Leipzig 1836, enthält eiMtüm-l-icherweise kein Wort über Börne, Heine und die Deutschen in Paris. Nur eine Stelle ist anzusähren. Band 3, Seite 21, in der sich ein merkwürdiges Urteil über Halevhs Jüdin -befindet. Nachdem der Text Scribes kurz und ruhig abtzefertigt wurde, heißt es über die Mp stk: „Unglücklicherweise ist aber die Musik ebensowenig wert als die Verse. Nur eine Stelle gefiel mir sehr, nämlich ein Chor des zweiten Aktes, in welchem die Juden, welche an dem Osterfest versammelt sind, folgendes singen: Oll vieu de nos p&res Soi qui rious ecTäire, 'Parmi nOus descends etc. Dieses ist recht hübsch, aber es erinnert vielleicht zu sehr an 'den Die» d^Israel in der Oper „Joseph" von Mehul." Das ift aber auch die einzige Stelle, die über Inden oder Judentum handelt. Man erstaunt, daß «diese Engländerin, >die sich in der vornehmsten Gesellschaft bewegt, nichts von Rothschild, für den ja auch die Engländer Interesse haben mühten, zu berichten weiß, und man erstaunt noch mehr darüber, daß sie über die Deutschen und über die Schriften von Heine und Börne, die doch zum Teil französisch erschienen oder ins Französische übersetzt wurden, kein Wort spricht. Freilich, das Erstaunen mindert sich, wenn man NdeiM, dich die Verfasserin als Engländerin eben alles vom engliMn Standpunkt

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