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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-08-09 · Heft 32 (9.8.1918) · p. Seite 381

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 32 (9.8.1918)
Date
1918-08-09
Page
Seite 381 (sequence 9)
Language
German
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großen Parkes, mit Prachtvollen Baumreihen und sauber gehaltenen Wegen, wohin das Geräusch der Großstadt nur schwach dringen konnte. Er liebte das Häuschen und er liebte auch die Gegend, schon aus Rücksicht für seine Mutter, die sich in einem andern Teil der Stadt gar nicht wohl gefühlt hätte. Die alte Frau — eigentlich war sie gar nicht so alt, wie sie sich gebärdete und kleidete — hatte in ihrer ersten Zeit nach ihrer Uebersiedelung aus der Kleinstadt schwere Tage durchgemacht. Dort hatte sie so viele Freunde und Bekannte, sie kannte jeden Menschen und jeder Mensch kannte sie; vor jedem Hause konnte sie stehen bleiben, um mit den Bewohnern allerlei Neuigkeiten auszutauschen und überall war Chaje Rachel ein gern gesehener Gast. Hier aber hatte sie auf all dies verzichten müssen und hatte es auch schwer vermißt, und erst als sie nach vielem Suchen und Fragen eine Menge Landsleute ausgestöbert, in deren Gesellschaft sie während der Abwesenheit des Sohnes die Zeit verbringen konnte, hatte sie sich mit ihrem Schicksal ein wenig ausgesöhnt. Es war für sie eine ' böse Zeit, wenn sie den weiten Weg nach der Markthalle machen muhte. Wie viel mußte sie schwatzen, reden und feilschen, bis es ihr gelang, der Bauersfrau einen Groschen von dein geforderten Preis abzuhandeln! Am schlimmsten aber war sür sie, daß sie mit der Landessprache auf feindlichem Füße stand und sich nur des Jargons bedienen konnte. „Mir schon seien alte Frau," pflegte sie ihren Bekannten vorwurfsvoll zu sagen, „und nicht mehr können lernen Euer gebildet Sprechen. Ihr doch aber seien junges Volk, warum Ihr nicht lernen meinern Sprach"?" Das war alles am Anfang, doch jetzt, gelobt sei Gott! Jetzt lagen jene bösen Tage hinter ihr; zetzt konnte sie schon die Wohnungen der Landsleute mit verbundenen Augen auffinden: sie verlief sich auch nicht mehr ein einziges Mal auf dem Wege nach der Markthalle, um für ihr Awromele täglich frisches Fleisch zu holen, damit er gesund und stark bleibe, „wie ein Fisch im Wasser"; sie kann auch schon jeden Sabbat ohne Führer in Schul" gehen. Und was für eine Schul" und was für ein Ehasen war da! Auch Awromele macht ihr große Freude; er ist ein liebes herziges Kind, ein folgsamer Sohn und sehr gebildet und fromm, daß sich, Gott und die Welt mit ihm freuen- Nur eins tat ihr leid und bildete den Wermutstropsen in ihrem Freudenkelch, daß Maische Mendel, ihr Mann, an diesen Freuden nicht teilnehmen konnte. Sein ganzes Leben hatte er gearbeitet und gespart und immer wieder gearbeitet und gespart, damit Awromele, ihr einziges Kind, ein tüchtiger Mensch werde. Aber gerade, als.Awromele schon so gebildet war, daß man zu ihm „Herr Doktor" sagen mußte, gerade da, als er anfing schon etwas Geld zu verdienen, daß man sich den Luxus hätte leisten können, auch an einem Wochentage Fleisch zu essen, gerade da legte sich Morsche Mendel, hin und stirbt! Aber er war ja immer schon ein großer Schlemiehl gewesen und hatte nie auf seine Frau gehört. Aber sie war stolz auf ihren guten Sohn. Er hatte, wie sie meinte, ihr allein alles zu verdanken. Sie hatte schon beizeiten Vorsorge getroffen, daß er gut geraten solle. Schon als er noch in der Wiege gelegen, hatte sie ihn von einem Wunderrabbi „deutschen" lassen. Und auch später noch hatte sie diesem Wundertäter öfter einen Fünfrubelschein mit der Post geschickt, um sich die Fortdauer des Segens zu sichern. Ueber den Gedanken an die Vergangenheit fielen ihr die Augen zu und sie schlief ein, so fest» daß Klaßner wiederholt und laut klopfen mußte. Endlich erwachte sie und fuhr erschreckt zusammen, so daß die schwarze Perücke auf ihrem Kops sich verschob und die grauen Haarstoppeln zum Vorschein kamen. „Weh geschrien," jammerte sie, „daß ich mein einziges, geliebtes Awromele habe draußen warten lassen! Komm nur schnell herein, sonst erkältest du dich und bekommst wieder die Masern!" „Nicht doch, Mutter. Ich habe gar nicht gewartet. Um dich aber nicht wieder in deinem Schlummer zu stören, werde ich mir von jetzt ab den Hausschlüsiel mitnehmen." „Awromele, mein Leben, das willst du tun! Aber wer soll dir denn die warmen Hausschuhe bringen und den Tee machen, wenn du nach Hause kommst? Nein, nein; du wirst nicht mehr zu warten brauchen, wie heute, und wenn ich mich durch Nadelstiche wachhalten müßte. Gleich, Awromele, in einer Minute ist der Tee fertig." „Mutter, warum willst du denn keinen Dienstboten annehmen?" fragte er liebevoll, als er ihr nach der Küche folgte. „Was? Einen Dienstboten soll ich annehmen und mich dadurch meiner größten Lebensfreude berauben? Gott soll mich behüten und bewahren! Und gar erst die Angst und die Sorge, daß sie mir das „milchige" mit dem „fleischigen" Geschirr vermengen oder die Nudelbretter mit Seife abwaschen könnte! Wird mir nicht jetzt schon der heilige Sabbat, der doch ein Tag der Ruhe und 'Freude sein sollte, durch die Schabbes-Goje zu einem Tage der Plage, weil ich stets hinter ihr her sein muß, die ich aber doch zum Feueranzünden nicht entbehren kann, und ... sag nur, Awromele," fing sie ein neues Thema an, „wie war es denn bei der Frau mit der goldenen Brille? Hat sie sich sehr mit dir gefreut?" „Ach, ja; sie war sehr nett", lächelte er bitter. „Kunststück! Sollte sie etwa nicht", ereiferte sich die Alte. „Wann bekommt sie denn wieder so einen feinen Gast in ihr Haus? Weiß denn die Welt überhaupt, was sie an dir hat?" Und so plapperte sie weiter in einem verhimmelnden Selbstgespräch, wie sie es immer tat, wenn sie ihr Steckenpferd ritt und die Vorzüge des Sohnes sich selbst vorzählte. Er hatte sür sie aufgehört, etwas Persönliches, Körperliches zu sein und wurde zu einer unbegrenzten Idee, zu einer Gnadenfülle, die, nach ihrer Ansicht, die Freuden der Welt zum Ueberfließen bringen mußte. Sie war auch von seiner tiefen, kindlichen Liebe fest überzeugt; nur fehlte ihr das logische Denken, um diese Tiefe dadurch zu erkennen, daß er die Lobhudeleien und Beweihräucherungen seiner Person geduldig über sich ergehen ließ, einzig und allein, weil er wußte, daß es ihr Freude bereite, daß es eigentlich ihr Lebenselement geworden war. Aber er konnte nicht in Abrede stellen, daß er auch gern ihren Worten lauschte, nicht des Inhalts wegen, sondern um die vertrauten Klänge der Muttersprache zu vernehmen. Der Jargon besaß für ihn doch einen eigenartigen Reiz. So faß Klaßner und lauschte den Reden seiner Mutter, wie jemand, der erstarrte Gedanken und Betrachtungen am Feuer der Erinnerung wieder neu aufwärmen läßt, „So," sprach jetzt die alte Frau befriedigt, „hier hast du ein Glas Tee, wie es der Kaiser nicht besser haben kann. Komm ins Zimmer!" „Bleiben wir doch lieber hier, Mutter, wo es doch so gemütlich ist. Ich möchte dir gern unnötige Mühen ersparen." „In der Küche willst du den Tee trinken! Bist du denn ein Schnorrer?" rief sie mit einer Stimme, die aus Zorn und Zärtlichkeit zusammengesetzt war, und um jeden Widerspruch seinerseits unmöglich zu machen, ergriff sie das Geschirr und begab sich nach dem Wohnzimmer. Klaßner folgte ihr lächelnd, wobei er aber eine gewisse Unruhe nicht verbergen konnte. Es wurde ihm plötzlich klar, daß sich ihm jetzt die Gelegenheit zu einer entscheidenden Lebensfrage aufdrängte, der er freilich heute noch gern aus dem Wege gegangen wäre. Schließlich aber sagte er sich, daß es heute ebenso geschehen könne wie zu jeder anderen Zeit. Er betrachtete das alte,, runzelige Gesicht ihm gegenüber voller Trauer und Mitleid, über den Schmerz, den er jetzt der Mutter bereiten müsse. Wie vertrauensvoll sie doch das Haupt beugte, das bald einen tödlichen Schlag empfangen sollte! Denn in ihrer Ahnungslosigkeit begann sie gerade von dem zu sprechen, was

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