Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1918)
- Date
- 1918-08-09
- Page
- Seite 378 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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378 Beschuldigungen an. die gegen sie von den Bürgern Wiens und der Jnquisitionskommission erhoben, worden waren. Sie sind auf den Grundtvn gestimmt, daß des Kaisers Bedenken hinter der wichtigsten Aufgabe eines Herrschers, das Wohl seiner Untertanen zu fördern, zurückstehen müßten. Leopold I. blieb aber unerbittlich. Er ließ sich nur herbei, einzelne Ausnahmen zu machen, Samuel Oppenheimer und allmählich anderen mit ihm verwandten oder im Dienstverhältnis zu ihm stehenden Personen den ballernden Aufenthalt in der Residenz zu gestatten. Einige aus diesen Zeiten stammende Aktenstücke zeigen, in wie hohem Maße d,ie Geduldeten zu Kriegskontributionen und dergleichen herangezogen wurden und wie oft den Säumigen mit der Ausweisung gedroht ward. Diese Gefahr mußte den Wiener Juden um so größer erscheinen, als sie wußten, daß ihre christlichen Gegner die allmähliche Ausbreitung der Juden und ihres Einslllsses auf den Handel mit steigendem Unmut sahen und keine Gelegenheit vorübergehen ließen, ihren Wunsch nach neuerlicher Vertreibung der durch des Kaisers Gnade Tolerierten zu äußern. Ein daralif alHielendes Gesuch des Wiener Magistrats an Josef I. und nach dessen frühem Tode an Karl VI. hatte zwar keinen Erfolg, reifte aber in letzterem den Entschluß, die Zahl der Geduldeten möglichst einzuschränken und diese einer peinlichen Ordnung zu unterwerfen. Am 10. März 1723 ordnete der Kaiser die Ausweisung aller unter dem Oppenheimerschen Privileg stehenden Juden an - ein Befehl, der gefährliche Tmnulte der Wiener Bevölkerung gegen die. Juden und dann den Erlaß eines Schutzpatentes für die bedrohten privilegierten Juden zur Folge hatte. Zugleich verfügte der Kaiser, daß alle übrigen Juden bis zum Ablauf ihres Privilegs gesondert von den Christen in ■ eigenen Häusern wohnen sollten. Nur die bis 1785 privilei gierte Wertheimersche Familie, die über 160 Personen zählte, blieb von dieser Verordnung unbehelligt. Die Kontrolle der den Juden auferlegten Einschränkungen wurde linker Begleitung einer Wache durchgeführt, wie aus einer Beschwerde der Judenschaft erhellt, die durch dieses Vorgehen ihren Kredit geschmälert zu sehen fürchtete, „indem die Leute hierbei in Argwohn kämen, als ob man einen solchen mit der Wacht visitierenden Juden Verbrechen- oder Schuldenhalber einsühren werde". Der Kaiser verschloß sich dieser Einsicht nicht; es blieb zwar bei der Visitation, doch sollte sie nur vierteljährlich und ohne Begleitung einer Wache vor sich gehen. Die Thronbesteigung Maria Theresias brachte den Wiener Juden keine Besserung ihrer Lage. Es ist dies psychologisch begreiflich: war sie doch in einer'Umgebung ausgewachsen, die nur Haß und Verachtung gegen die Juden empfand. Ihr Ziel war und blieb die möglichste Fernhaltung der fremden Juden von Wien, die Verminderung der Zahl der dort dauernd Ansässigen und die Trennung der Judenvon den Christenwohnungen. Gleichwohl muß anerkannt werden, daß sie im Laufe der Jahre immer neue Ausnahmen, und zwar nicht bloß für einzelne besonders vekdiente oder einflußreiche Individuen, sondern auch für ganze Gruppen von fremden Juden machte. Wesentlich größer als für die Zeit Maria Theresias ist die Zahl der Aktenstücke, die die Beziehungen Kaiser Josßfs II. und der ihn beratenden Körperschaften zu den Wiener Juden beleuchten. Sie werden durch eine Reihe bisher unbekannter Dokumente eröffnet, welche die Wege zeigen, die zum Erlaß des berühmten Toleranzedikts vom 2. Januar 1782 geführt haben. Dieses ist nicht vom Geiste persönlicher Sympathien, sondern von Rücksichten auf das Wohl des Staates eingegeben. Die Arbeitskraft und das Talent der Juden sollten der Gesamtheit zustatten kommen. Alles, was in deren Interesse gelegen war, wollte der Kaiser den Juden in vollem Maße gewähren, aber auch, wenn es sein mußte, gegen ihren Willen erzwingen. In diesem Sinne forderte er die Abschaffung der hebräischen Sprache bei allen öffentlichen Handlungen, weil er in dem Gebrauch des fremden Idioms eines der größten Hindernisse für die von ihm gewünschte Annäherung der Juden an die übrigen Untertanen. erblickte. Aus dem gleichen Grunde wollte er den Druck hebräischer Bücher beschränken, für die Kinder der Juden einen entsprechenden Schulunterricht einführen, der begabten Mischen Jugend das Studium an den Hochschulen und die Ausbildung in allen freien Künsten gestatten. Und da ihm die Beseitigung aller Verfügungen, die ihrem Aufgehen in der übrigen Bevölkerung bisher unüberwindliche Hindernisse bereitet hatten, als eine conditio sine qua non für das Gelingen seines Planes erschien, bestand er darauf, daß die Unterschiede in Kleidung und Tracht, die gesonderten Wohnungen, die demütigenden Ausnahmsbestimmungen für ihr Verhalten an den christlichen Feiertagen usw. aufhören sollten. Doch war er ein Gegner der Rezeption der Juden. Vieles, was sie erhofft, blieb ihnen daher versagt. Gleich am Anfang des Toleranzedikts heißt es: „Unser höchster Wille geht keineswegs dahin, der in Wien wohnenden Judenschaft in Beziehung auf die äußere Duldung eine Erweiterung zu gewähren, sondern bleibt es auch in Hinkunft dabey, das; dieselbe keine eigentliche Gemeinde unter einem besvndern Vorsteher ihrer Nazivn ausmachen, sondern wie bisher jede einzelne Familie für sich des Schutzes der Landesgesetze nach der ihr von Unserer Regierung ertheilten Duldung ruhig genießen soll; daß ihr kein öffentlicher Gottesdienst, keine öffentliche Synagoge gestattet werde . . . ebenso haben Wir keineswegs zur Absicht, durch diese neue Verordnung die Zahl der jüdischen Religionsgeuofsen weder in Wien noch überhaupt in unseren Staaten zu vergrößern oder fremde ohne wichtige Ursachen und besondere für sie sprechende Verdienste hereinzuziehen." Vom Besitz von Gütern und Häusern blieben sie nach wie vor ausgeschlossen. Erst am Schluffe seiner Regierung verstand Armeerabbiner Dr. Tänzer mit seinen verwundeten Söhnen. >P4M i