Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1918)
- Date
- 1918-08-09
- Page
- Seite 376 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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376 fomifec, das zu fernem Sprecher Herrn Dr. Jaeobsohn gewählt hatte, die „Viod" hatte Herrn Dr. Kahn, das „Oesterreichische Komitee für den Orient" Herrn Rabbiner Dr. Grunwald entsandt. Einige Delegierte waren in letzter Stunde am Erscheinen, verhindert worden, so Dr. Nathan und Dr. Hantle von der „Viod" durch eine Reise nach Bukarest, Dr. Bruno Pollack von Parnau (Wien) vom „Oesterreichischen Komitee" durch sein militärisches Dienstverhältnis, kgl. Rat Dr. ff- Mezey (Budapest) durch eine Verzögerung in der Paßerteilung. Im Schoße dieser Delegation fanden zunächst eingehende Beratungen statt, um der ottomanischen Regierung, die in ihrer Einladung ausdrücklich von der Schaffung eines jüdischen Zentrums in Palästina gesprochen hatte, ein einheitliches Programm vorlegen zu können. Diese von allen Beteiligten mit dem ernsten Streben nach gegenseitiger Verständigung geführten Erörterungen zeitigten schon an und für sich wertvolle Ergebnisse. Mtten in diese Besprechungen drangen höchst beunruhiacnde Nachrichten über verschiedene an Juden in Palästina und sonst in der Türkei verübte Gewalttaten, fsür die Unterdrückung dieser Ausschreitungen bei der Hohen Pforte mit Nachdruck einzutreten, erklärte die Delegation für eine unaufschiebbare Pflicht. Am Sonntag, den 14. d. M., fand der feierliche Empfang beim Großwesir statt. In gewobut liebenswürdiaer Zwrm svrach Talaat Pascha seine Bereitwilligkeit aus, im Sinne der von ibm an die Delegierten gerichteten Einladung dem Problem der jüdischen Einwanderung mtb der Kolonisation in die Türkei, insbesondere in Palästina, näberzntreten. Die Prüfung der Einzelheiten soll die Ausgabe eines mitees bilden, in das die Hobe Pforte bereits zwei Regierungsnnd drei Notabeln der türkischen Iudenheit m entsenden ae- ~ von der Delegation voraeschlagenen Beschwerde über kamt* dcickt. De^ . - gegen einzelne türkische Juden und jüdische Gef'°. ran am .i. (Äro^ncftr soaleich tatkräftia flolge zu geben. "!eTn.fCn. 1Cr .Ua^elegierten als Gäste der Regierung sowohl von bicW Uiio nud> seitens > "uden^'t der türkischen Hnnptstodt durch besondere Aufmerksamkeiten Die Dvrbereitune, des s adDorpn rin rkrerr t» d e r U k r a i n e. Der bedeutungsvollste Beschluß, den der Provisorische Iüdide Nationalrat in der Ukraine bis ietzt gefaßt hat und der aoomnek ist. manches autrumachen. was der Nationalrat selbst verschuldet^ hat. ist die Rekoln'tion über die sofortige Einberufung der Vertretuna aller jüdischen neu gewährten Gemeindeverwaltungen in der Ukraine, ^ür die Zionisten war e» von Anfang an klar, daß mno? Körperschaft, die ans Vertretern der Zentralkomitees zusamnEaesevt ist, nicht die wahre Stimmung der Iudenheit wiederziiaeben vermochte. Die Einberlr.su ngeines jüdischen Kongresses in der Ukraine stellte sich unter den gegenwärtiaen Verhältnisieu als unrnvalich heraus. Den einzigen- Ausweg bieten die neuen, nirf demokratischen Grundlaaen gewählten Gemeindeverwaltungen. Ueberall vollzogen sich die Wahlen nach, einem hartnäckigen Kamps aller bestehenden Richtungen miteinander und die neuaewäblien Organe — diese vorläufig vielleicht wertvollste Errungenschaft der Iudeuheit der Ukraine — dürfen daher mit Recht als legitime Repräsentanz der jüdischen Bevölkerung'betrachtet werden. Den Zionisten, im Verein mit der Orthodoxie (Achdut) und der Volkspartei, gelang es, den Nationalrat dafür m gewinnen, eine Konferenz der Vertreter aller neugewählten jüdischen Gemeindeverwaltungen nach Kiew einzuberufen. die das leitende Oraan des ukrainischen Judentums an Stelle des bisherigen provisorischen Nationalrates zu wählen berufen kein wird. Das vom Nationalrat zwecks Einberufung dieser Konferenz oder — wie man sie in der Ukraine nennt — dieses Vorparlaments ein gelebte Wahlburean besteht aus acht Mitgliedern: drei Zionisten (von denen einer den Zeire Zion angehört) und je einem Vertreter der Achdut. der Volkspartei, ider Poale Zion, der Vereinigten und des Bundes. In der ersten Sitzung dieses Wablbureaus vom 7. Juni erstattete der Direktor des Departements für nationale Selbstverwaltung, der Poale-Zionist Rewutzki, einen eingehenden Bericht über den Stand der Gemeindewahlen in der ukrainischen Provinz. Bis jetzt wurden vom Departement "die Wahlen in 94 Gemeinden bestätigt. Im Verlauf der letzten Tage liefen Berichte von Wahlenin neuen -20 Gemeinden ein. In allen bedeutenden Städten der Ukraine bestehen bereits neue, demokratisch gewählte Gemeindeverwaltungen. Das Wahlburean beschloß seinerseits, dafür zu sorgen, daß auch in allen anderen kleineren Städten im Verlauf der nächsten Woche die Wahlen der Gemeindeverwaltungen vorgenommen werden können. Die Wahlen zum Vorparlament sollten in der ganzen Ukraine gleichzeitig am 14., 16. und 16. Juni stattfinden. Jedes Mitglied der Gemeindeverwaltung hat das aktive und passive Wahlrecht. — Die Parteien entfalten bereits eine lebhafte Wablkampagne. Seitens der Zionisten werden in jeder Stadt zwei' Kandidatenlisten ausgestellt: der Zionisten und der zionistischen Volksfraktion „Zeire Zion". Das zionistische Zentralorgan „Auf der Wacht"' versichert, daß die beiden Listen keine Konkurrenz untereinander führen werden und die Kraft der Zionisten nach außen nicht schwächen werden. Sie sollen nur den bestehenden Tatsachen und den sich bemerkbar machenden Gegensätzen in einigen fragen des Program ms und . der Taktik gerecht werden. * Seit langer Zeit erfuhr man aus Amerika das tolle Wüten aeaen, alles Deutsche. Man hörte, daß deutsche Kunstwerk zerstört, die deutschen Namen vieler Städte geändert werden. Zu solchen Nachrichten gesellt sich die folgende: Bern, 29. Juli. In einigen östlichen Staaten Amerikas setzt ein Kanrpf gegen dg? Jiddisch ein. Man verlangt die Ausschaltung dieser Svrache au? der Oeffentlichkeit der Bereinigten Staaten, weil sie in Wirklichkeit mm größten, Teil aus deutschen Worten besteht. Bekanntlich leben in New Hork \*Av Millionen Juden, von denen eine Million sich nur aus Jüdisch verständlich machen kann. Es gibt incbrere jüdische Tageszeitungen in New Dork, die eine Auflage von 600 000 erreichen. Wir sind -nie begeisterte Anhänger des Jiddischen gewesen, muffen aber diese grotesken Dernick»tungskämpse als töricht, m geradezu als verbrecherisch bezeichnen, da sie Millionen von Menschen ihre zurzeit einzige Verkehrssprache rauben. Man kann doch Millionen nicht Mingen, mit einem Male ihre Ausdru'cksmöglichkeiten zu andern, die englische Svrache anznnehrneu. Aber dieses Wüten aeaen alles Deutsche hat auch eine aar -ernste Seite. Werden die Millionen Deutsche, die in Amerika leben, treffliche Staatsbürger geworden sind, aber ihres Ursprnnas nicht vergessen» und nicht vergessen» wollen, dieses wahnsinnige Treiben weiter mit anseben? Gibt es unter den Amerikanern nicht Vernünftige, die sich an die Segnungen erinnern, die deutsches Wesen und deutsche Kultur auf die Entwicklung Amerikas geübt haben? Gibt es denn keine Enkel Bapard Tahlors und der vielen anderen, die nach Deutschland vilgerten. um ihre geistige Weihe zu empfangen? Denken denn, die Amerikaner aar nicht daran, daß Deutschland nicht bloß das Land der U-Boote, sondern auck> die Heimat Goethes isi? Die allgemeine Verblendung und Verrohung Hai unheimliche Dimensionen angenommen. Die Erbitterung der Kämpfenden wirkt so lähmend aut ibren GeMesMstaud. daß alle Erinnerung ati die Vergangenheit zu schwinden droht. Wohin soll das führen? Wie soll das enden? Es ist unsäglich betrübend für den Kulturfreund. solche Stimmung der Geister m konstatieren. Und doch wollen, und dürfen wir nicht aufböven. auf eine Besserung zu harren, eine Umwandlung zu erhoffen. Die Welt starrt von Waffen, überall ertönt nur der widrige Mang von Haß. Und doch wollen wir den Glauiben nicht aufgeben, daß diese Riesenwelle von Unverstand und Groll, von Mißgunst und Verachtung allmählich schwindet, daß die Macht der Liebe, der Duldung und Anerkennung fremden Strebens wieder in die Menschheit eingeht. Schwer, unheimlich schwer drückt die Gegenwart. Um so dringender Mngt für uns alle die Mahnung, uns in die Vergangenheit zu versenken und für eine lichte Zukunft zu arbeiten!