Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1918)
- Date
- 1918-08-09
- Page
- Seite 374 (sequence 2)
- Language
- German
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374 Einstweilen aber leiden wir noch unter den tastenden Versuchen, die uns dem großen Ziel der geschlossenen Vereinigung, der Organisation, der gemeinsamen Fürsorge für die zusammenhängenden Teile, die wie nie zuvor aufeinander angewiesen sind, entgegensühren. Manche unerfreulicher Erscheinungen würden verschwinden, wenn wir uns gewöhnen, nach einheitlichen Grundsätzen zu urteilen und zu handeln und den Gedanken „Freie Bahn dem Tüchtigen" rückhaltlos unter uns zu verwirklichen. Dann wird das öffentliche Leben denjenigen Reiz unter uns gewinnen, der manchen Fernstehenden wieder aus dem Schmollwinkel hervorholt. Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten daran gewöhnt, in allen großen Vereinigungen strikteste Neutralität zu proklamieren. Das mag verwaltungstechnisch sehr richtig und bequem sein, aber unsere religiösen Angelegenheiten können wir unmöglich aus diesem Wege allein fördern. Indem wir ihre Erörterung sorgfältig vermeiden, stellen wir sie kalt, aber wir pflegen sie nicht. Kein Friede der Parteien kann den Schaden aufwiegen, der sich darin verbirgt, ganz abgesehen davon, daß sich das deutsche Judentum kein Zeugnis geistiger Spannkraft damit ausstellt. Unter Männern sollte man trotz aller Gegensätze darüber in aller Würde verhandeln. Je mehr wir auf die Würde des Judentums halten, desto größer wird die Achtung sein, die wir ihm werben, desto größer die Freude, die wir selbst am Judentum steigern. Es gilt nicht minder von dem hohen Gut der Religion das Wort des Dichters von der Kunst, wenn wir sie aus den Niederungen philisterhafter Anschauungen heraushoben wollen: Mit euch fällt sie, Mit euch wird sie sich heben. Die Woche. B e r l i n, 6. August 1918. ie erste Woche des fünften Kriegsjahres.die kleine Erfolge in Albanien und auf anderen östlichen Kampfgebieten zeitigte, hat erbitterte Kämpfe im Westen gesehen, die nichtzu unserem Gunsten endeten: Die deutschen Truppen mußten zurückgehon und büßten viele- Gefangene und Material ein. Aber von einer gewaltigen Niederlage oder von dem Anfang eines wirklichen Triumphes unserer Feinde kann nicht die Rede sein. Unsere Heerführer, die, im Gegensätze zu dem Gebühren unserer Gegner, den Mißerfolg des unternommenen. Vorstoßes mit Freimut bekennen, sind voll Zuversicht und flößen eine solche auch den Truppen und den Draußenstehenden ein. Das ist der Unterschied zwischen Ruhmredigkeit, die Augenblickserfolge zu gewaltigen Siegestaten ausbauscht, und der in den Tatsachen begründeten ruhigen und beharrliche Beurteilung. Jene verführt unsere Gegner, wie sie es in diesem wechselreichen Kriege so oft getan hat, zu einer gröblichen, für sie selbst verhängnisvollen Verkennung der Tatsachen, diese erwirkt Erkenntnis begangener Fehler und lehrt besonnenes Handeln, das bei unerschütterlichem Siegeswillen zu dem Enderfolge führen muß. In diesem frohen Vertrauen wollen wir uns auch nicht irre machen lassen durch die 'bedenklichen Nachrichten aus 'dem Osten: die Ermordung des Feldmarschalls v. Eichhorn, die Intervention der Japaner in Sibirien, das Vordringen der Tschechv-Slowaken. Wenn man auch bei dem russischen Wirrwarr eine Voraussage über die Lösung der dortigen Verwicklungen nicht wagen darf, so kann man doch vermuten, daß es dem verschlagenen und vor keinem, selbst dem verwerflichsten Mittel nicht zurückschreckenden Gegner gelingen wird, weitere Unruhen zu stiften. Unsere Hoffnung besteht nur darin, daß das russische Volk, welches auch seine Regierung sein mag, sich kräftig genug erweise, solche ausländische EinmischungaiMwohren, daß es aus den furchtbaren Schicksalsschlägen der letzten Jahre gelernt haben wird, wie verderblich es fei, sich meinen neuen Krieg einzulasien. Joddr errist'denkerMe. Politik« wird fichMbsr sagen müssen, datz-wir noch lange, nicht am, Ende des Krieges stehen, daß vieLmehv^rmchckange ZM vergchsni Muß, bis, trotz sider großen Friedensfehnsucht aller, eine wirkliche Friedensbereitschafb.sich zeigt. Keine der kriegführenden! Parteien ist bereit nachzugeben, kein neutral« Maat, verfügt Wer »die Macht oder auch nur über den ernstlichen Willen, Halb zu gebieten -und' Vorschläge zu machen, auf-Grund deren eine Einigung möglichist, und so müffen die ungeheuren Ansft»sgungen, unter denen, alle Rationen-leiden^ nvch:-lange Zeit fortgesetzt werden«: Das^stW trübselitztz, Aussichten,- aber-eswäre.verkshPt,: fto* zu leugnen und sich in Hoffnungen zu wiegen, die unerfüllbar sind. #*• lieber die rumänische Juden frage meldet das „Berliner Tageblatt": Die Judenvvrlage in der ruinäNischen Kammer. Tpr „eüustige Ausgleich" mit den Mittelmächten. Bukarest. 3. August. Aus Jassy wird gemeldet, daß die Parlamentstagung'- über den 3. August hin verlängert wird. In der Kammersitzung vom 31. Jul« griff der Abgeordnete Cu za in einer mehrstündigen Rede die' Judenvorlage an. Ihm entgegnete Marghiloman u. a. folgendes: „Die Bevölkerung braucht nichts zu fürchtend Selbst wenn alle 300 600 Juden des Landes die Rechte erhalten würden, wäre das nochkeine Gefahr für Rumänien. Durch das Ersetz werden aber nicht all« Juden zu Bürgern gemacht. Es wurde gesagt, den Juden sollen die Rechte verweigert werden, weil sie keine militärischen Fähigkeiten besitzen. Welche Anforderung können wir aber an ein« Rasse stellen, die durch so lange Verfolgung geschwächt wurde! Die konservative Partei' ist konsequent. In einer Besprechung, die unser Ausschuß gleich nach dev Besetzung Bukarests hatte, haben wir alle Probleme der neuen. Lage besprochen und beschlossen, die Älgrar- -und Wah-lresorm sowie die Regelung der jüdischen Frage durchzuführen. In einer Sitzung vom 11. bzw. 13. Juni 1917 hat-die damalige liberale Regierung sich verpflichtet, die Judensrage zu lösen. Desgleichen hat der König seinerzeit die-Lösung, dieser Frage versprochen. Mit ihr waren sämtliche Staatsmänner, ob liberal, ob konservativ, immer schon beschäftigt. Es wird gesagt, wir wären hierzu von den Mittelmächten gezwängten worden. Ich erkläre hiermit, daß die Entente uns in dieser Beziehung viel schwerere Bedingungen gestellt hat. Das vorliegende Gesetz ist keine Vergewaltigung, sondern aus einem günstigen Ausgleich mit den Mittelmächten hervorgegangen. Das vorliegende Gesetz ist auchkeineswegs ein Schutzgesetzfür die Juden gegenüber den Rumänen-, Indem Sie es aunehmen, erfüllen Sie «ine Mite Tat dem Lande gegenüber." (Langanhaltender Beifall.) Auch Minister Arion trat für die Vorlage ein. Nach der Debatte wuriwn sämtliche Artikelder Vo.rlage unverändert angenommen. Die Generalabstimmung findet heute statt. Es ist klar, daß damit bas gewünschte Ziel noch lang« nicht erreicht ist. Unsere Forderung besteht darin, baß alle in Rumänien wohnenden Juden gIeichberechtige Bürger des Landes werben. Darum ist-es nur anzuerkennen, daß die verschiedensten Körperschaften eine solche Forderung immer wieder aufftellen. Wir begrüßen daher mit Freuden eine neue Denkschrift des Züricher Comites pro. causa judaica, die nach ausführlicher Darlegung zu folgendem Schlüsse gelangt: Me seit langen Jahrhunderten in Rumänien ansässigen Juden, di« sich in früheren Zeiten aller Freiheiten erfreue» durste» und deren entsetzliche Notlage erst seit ei«igen, Johrze>hy.ten datiert, ha'ben heute ein Anrecht auf eine vollständige, durch keinerlei Klauseln