Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1918)
- Date
- 1918-08-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229339-3229371--74210-3286692- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
82« Jahrgang. Nr. 32 Berlin, 9. August 1918 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wSchentlich. Abonnement».Preis: durch den Buch» Handel oder die Post (in Berlin und vor« orten durch unsere vertriebssteüen) bezogen vierteljährlich - Al. — Postscheckkonto 824. Vegrün-et vvn Rabbiner vr. r«dwig Philippfon Unter Leitung des Geheimen Regienmgrralr Profeffor vr. Ludwig Geiger Vertag t Rudolf Moose, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Msfse, Berlin. Philister. Von Stadtrabbiner Dr. Behrens (Göttingen). 9 111/Uli* _ Die Woche. — Zur Geschichte der Juden in Wien. Von I. M. Münz. — Bild des Armeerabbiners Dr. Tänzer mit seinen verwundeten Söhnen. — Ter „Heilige Krieg" im alten Israel. Von I. Herzberg (Vromberg). — Feuilleton: Jedem das Seinige. Roman von M. Pulvermann. — Miszellen — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Königsberg i. Pr, Breslau, Magdeburg, Krefeld, Kassel, Würzburg, Den Haag, Wien. — Von Nah und Fern. Mjlistrr. Von Stadtrabbiner Dr. Behrens (Göttingen). icht ohne Wehmut denkt der junge Studio der Zeit, da er die sonnige, wonnige Burschenlust froher Jugendtage, den Durst nach Erkenntnis und wissenschaftlicher Förderung vertauschen mutz mit den Sorgen und mit dem ewigen Einerlei, das er Philisterium, das Reich der Philister, zu nennen sich gewöhnt hat. Es bleibt die köstliche Erinnerung, die die Vergangenheit mit dem Hauch der Poesie umhüllt, es bleibt die unzerstörbare studentische Frische, die das Gleichnis des Berufs belebt und an dem Born wissenschaftlicher Studien immer wieder die Seele nährt. Ganz kann er nicht aufgehen in dem Kreis der Philister, und das Volksempfinden glaubt bald mit Recht, bald mit Unrecht die Scheidewand aufzuspüren, die den Bürger von dem Akademiker trennt. In der Tat ist kein Kreis frei von diesen Erscheinungen, und wenn wir uns nicht von aller befreienden Selbstkritik loslösen wollen, werden wir zugeben, daß es in unserer Mitte nicht fehlt an Philistern und ihrem unvermeidlichen Gefolge. Neben den großen, wichtigen und grundsätzlichen Streitfragen gibt es recht viele kleine und kleinste Angelegenheiten, die mit einem ganz unnötigen Aufwand an Zeit und Mühe, an Verdruß und Verärgerung behandelt werden. Leben und Beruf bringen bei weiten Schichten des deutschen Judentums eine gewisse Großzügigkeit mit sich, bei unserer Stellung aber utttt Judentum beherrscht uns häufig eine merkwürdige Kleinlichkeit, die von einem seltsamen Geist der Aengstlichkeit und des Mißtrauens getragen wird. Das ist ein unerfreuliches Erbe der Vergangenheit, mit dem es aufzuräumen gilt. Die freie Lust, die wir atmen, sollte nicht minder in unser gesamtes Gemeindeleben einziehen. Leider wohnen die Gedanken eng beieinander und hart im Raume stoßen sich die Dinge. Nicht immer tun es die stolzen Worte, die etwas anmaßlich daher stolzieren und etwas sehr verblassen, prüft man sie auf ihren tiefinneren Gehalt. Gewiß, wir sind gering an Zahl nur, aber reich, überreich an Parteien. Welche Fülle an Kraft und Geist wird da oft nutzlos verschwendet. Wir mögen's noch ertragen, daß die altehvwürdigen und historisch berechtigten Grade der Liberalen und Konservativen austreten, aber daß diese Gruppen nun noch sich verästeln sollen in gemäßigt Liberale und ausgesprochen Freisinnige, in die als versöhnlich gefeierten Mittelhartester und in die mancherlei Nuancen aufweisenden Rechtgläubigen, das entspricht doch unmöglich den Tatsachen und der geschichtlichen Entwickelung. Die Mehrzahl der deutschen Juden lebt nach dem Programm der Liberalen, aber ihrer viele sind's, die es sich nicht einzugestehen wagen, als sei es eine Sünde wider den guten Geist des Judentums. Sollten wir hier nicht die Quelle ungezählter Mißverständnisse vor uns haben, die wir mit Leichtigkeit aufhellen können durch aufklärende Tat und Ueberwindung eines ungesunden Mißtrauens? Es wandle ein jeder seiner eingeborenen Liebe nach, dann könnte es nicht fehlen an jener Gerechtigkeit, die wie im Völkerleben so die Grundlage alles Gemeinschastsstrebens darstellt. Einstweilen haben wir uns zu dieser Höhe der Anschauung, die wir von den anderen erwarten, in unserem inneren Gemeindeleben keineswegs schon empvrgeschwungen. Die Unduldsamkeit wirkt ebenso befremdend wie die Motive, die dem Gegner gar zu gern untergelegt werden. Ein Urteil über andere fällen sollte man im öffentlichen Widerstreit der Meinungen nur nach sorgfältiger Erwägung des pro und eontra nach reiflicher Kenntnis der Tatsachen. Die Liebe zum Judentum und die Begeisterung für seine idealen Ziele ist der einzig berechtigte Maßstab; wird man sie den Liberalen oder ihren Rabbinern streitig machen können? Aber der Kampf gegen die Liberalen erfreut sich jederzeit einer gewissen Popularität, und darum steckt man dieses Fähnchen auf unter dem Zeichen, daß die Religion in Gefahr fei. Es ist merkwürdig genug, daß aus diesem ängstlich gewahrten Grunde die notwendigen Ziele der Gemeinschaft zum Scheitern gebracht werden. Und doch hätten wir allen Anlaß, uns nach den Erfahrungen dieses Krieges eines besseren belehren zu lassen. An gutem Willen hat es wahrlich den Liberalen nicht gefehlt, die Sache des Judentums würdig zu vertreten und allen berechtigten Wünschen Geltung zu verschaffen. Im Felde und in der Heimat ist den religiösen Bedürfnissen aller Richtungen Rechnung getragen, ist ein Verständnis aller Wünsche bewiesen worden, dem man Gerechtigkeit nicht absprechen kann. Es ist dankbar zu begrüßen, daß man die Tätigkeit der Feldrabbiner eingehend gewürdigt hat. Aber nirgends ist hervorgehoben worden, daß an den tatsächlichen Erfolgen die Liberalen und besonders die liberalen Rabbiner einen hervorragenden Anteil hatten; Hat aber die Praxis erwiesen, daß die gemeinsame Arbeit durchführbar ist, dann ist damit zugleich dargetan, daß die künftige Organisation der preußischen Judenheit nicht zu scheitern braucht an dem bisherigen Mißtrauen und nicht an jenen Kompetenzkonflikten, die den Weg bisher verlegten. Wie bei jeder gesetzlichen Neuordnung muß jede Partei Entsagung üben und Zugeständnisse machen. Sonst erleidet die Gesamtheit, die wie eine Herde ohne Hirten dahinsteuert, den Schaden. Videant consules ...