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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-08-02 · Heft 31 (2.8.1918) · p. Seite 371

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 31 (2.8.1918)
Date
1918-08-02
Page
Seite 371 (sequence 11)
Language
German
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371 „Sie scheinen schon erraten zu haben, daß ich mich gar bald in meinen Erwartungen getauscht gesehen. Allerdings nicht in jeder Hinsicht. Ich war nämlich sprachlos und verblüsst über die ungeheure Stärke, über die imm-ense Lebenskraft, mit der unsere Glaubensgenossen in dieser Millionenstadt, inmitten der großen Ueberzahl Andersgläubiger, ihren Aufstieg bewirkt und behauptet haben. Ich war sprachlos über die Großzügigkeit, über die weitausschauenden Versuche und Bestrebungen, ja, auch über die gewaltigen Erfolge, die sie bereits errungen. Es war für mich der überwältigende Anblick einer unwiderstehlichen Kraft, die, wie eine übernatürliche Erscheinung, unaufhörlich, grenzenlos fortstrebt, die keinen anderen Stillstand kennt als den, den sie sich selbst auferlegt. Hier auch machen wir der Welt unsere Physische Größe, unseren geistigen Aufschwung klar; hier kann man sehen, daß das jahrhundertelange Eindämmen unserer riesenhaften Energie, das Unterbinden jeder Betätigung nach außen, nur dazu gedient, unsere Fähigkeiten anzusammeln und aufzustapeln, um sie zur gegebenen Zeit gegen unsere Bedrücker spielen zu lassen. Jawohl, Fräulein Mahlow, ich sah all dieses, und mir ging das Herz vor Freude auf. Mer ich sah auch noch viel mehr, was ich nicht zu sehen wünschte. Unsere Gemeindeorganisation krankt an Selbstverherrlichung, sie leidet durch veraltete Anschauungen. Unser Verwaltungskörper arbeitet nach altbackener Gewohnheit und steht einem intelligenten Verfahren hindernd entgegen. Methode hat sich als schöpferischer Geist maskiert; der Geldstolz, der Kastengeist ließ sich von dem Optimismus einschläfern, und er schließt die Augen, weil das Neue ihn blendet. Was mich aber am meisten betrübt, war die Trägheit der Masse und die Gleichgültigkeit des einzelnen und daß kein Geist, kein Intellekt sich findet, der als Sauerteig, als Gärungsstoff dienen könnte, um die große Masse aufzurütteln und in die Höhe zu bringen. Die Verwaltung schafft Institutionen und allerlei gemeinnützige Einvichtungen, aber es wird alles nur schablonenhaft, nach Schema F bearbeitet, ohne Herzenstiefe, ohne Seelenwävme. -Und das legte mir den Gedanken des heutigen Experiments nahe. Heute hatte sich mir Gelegenheit geboten, einen Fühler auszuschicken, ob kein Erwecken aus dem todesähnlichen Schlaf möglich sei. Diese Versammlung hier ist der Typ tausend anderer. Ich las ihnen die Allegorie vor, an die ich mein Herz und meine Seele verwendet. — Und welchen Erfolg habe ich davongeträgen! Sie haben es ja selbst beobachtet. Gott weiß es, ich spreche nicht so aus verletzter Eitelkeit! Hätten sie mich ausgelacht, mit mir gestritten, mich als hirnverbrannten Idealisten verspottet, als Phantasten beschimpft, ich hätte keine Ursache zum Verzweifeln. Aber bei der Erinnerung an ihre glorreiche Vergangenheit, an ihre nationale Verantwortlichkeit in der Gegenwart, an ihre erhabene Aufgabe für die Zukunft zu schweigen und zu verdauen, das ist unerträglich, das ist gräßlich! " „Aber Ihr Urteil, Herr Klaßner?" drängte sie weiter. „Ich glaube kaum, daß ich diese Leute veranlassen kann, meine Bahnen zu wandeln, und da ich wiederum nicht die geringste Neigung verspüre, die ihrigen zu betreten, so ist es wohl am besten, daß wir uns in aller Ruhe trennen, ehe ein Ausbruch gegenseitiger Unfreundlichkeit erfolgt. Ich glaube, daß mein Betragen ihnen gegenüber bisher ohne Tadel gewesen, aber ich bin nicht sicher, daß nicht eines Tages mein Groll sich mir über die Lippen drängt und über meine guten Manieren die Oberhand gewinnt, um ihnen die schwersten Vorwürfe ins Gesicht zu schleudern. Nein, Fräulein Mahlow, ich bin es meiner Manneswürde schuldig, diese Gesellschaft zu meiden. Meine Selbstachtung kann viel vertragen, aber ich fühle mich nicht stark genug, das mir noch länger bieten zu lassen, was sie mir bisher geboten. Ich habe mir manchen scharfen Wind um die Nase wehen lassen: doch hier weht nicht die scharfe, herbe und frische Höhenluft, sondern die stagnierende, übelriechende Sumpfatmosphäre. Geist, Herz und Gemüt ist für sie nur eine Zielscheibe des Spottes, das Gold hingegen ihr Abgott, vor dem sie sich im Staube wälzen. Wirklich, ich werde mit mir eine durchgreifende Läuterung und Reinigung vornehmen müssen, daß nichts von diesem Unrat an mir haften bleibt. Uebrigens Fräulein Mahlow, war es sehr nett von Ihnen, mich so lange und so geduldig anzuhören." „Darf ich mir eine Frage erlauben, Herr Klaßner? Beabsichtigen Sie etwas zu unternehmen, was nie wieder gutgemacht werden könnte? Beabsichtigen Sie etwa, das Kind mit dem Bade auszuschütten?" Er betrachtete sie mit einem langen, erstaunten Blick und schüttelte dann energisch abwehrend den Kopf. „Nein, Fräulein Alice, das werde ich nicht tun. Sie werden es mir wohl glauben, daß ich mich als ehrlicher Jude fühle, auch wenn ich an den Juden manches auszusetzen habe. Ich weiß die Person von der Sache zu trennen." „Sie wollen also das Feld räumen, weil der Reichtum sich nicht nach Ihrem Wunsche betätigt.. Werden Sie sich denn dem entgegengesetzten Gebiet, der Armut, zuwenden?" Er zuckte mit den Achseln. „Die Notwendigkeit sehe ich wohl ein, doch nicht die Ausführbarkeit. Ich will auch ehrlich eingestehen, daß auch dies keine besondere Anziehungskraft für mich besitzt. Ich will kein Rufer in -der Wüst« sein und auch keine falsche Hoffnung erwecken. Die Not unserer armen Brüder zu beseitigen, erfordert heroische Maßnahmen, Taten im großen Stil, wenn sie sich nach jeder Richtung Geltung verschaffen wollen. Ein einzelner Arbeiter, der hier und da ein wenig herumstöbert, ist noch weniger als nutzlos; höchstens daß er sein eigenes Gewissen damit beschwichtigt. Wer einen festen Bau aüfführen will, muß es auf festem, sicherem Boden tun, NieNn er den baldigen Zusammensturz vermeiden will; dadurch würde einem späteren Baumeister das Werk nur noch schwieriger gemacht werden, daß er erst die Trümmer des vorigen hinwegräumen müßte. Mit Halbheiten kann der Allgemeinheit nicht gedient sein. Das Uebel kann nur durch Unternehmungen im großen Maßstabe auSgerottet werden; nur wenn wir die Zagenden ermutigen, die Unwissenden belehren und den Starken angemessene Arbeitsgebiete schaffen, mit einem Worte, nur wenn sie mit starker Hand aus der Engnis und Bedrängnis in die große Welt als Gleichberechtigte hinausgeführt werden. Dazu aber müssen — und damit komme ich wieder zum Ausgangspunkt unserer Unterhaltung — dazu müßten unsere Intelligenten und Wohlhabenden anders geartet sein, dazu müßten sie mit Herz und Seele arbeiten. Um mir aber Ihre gute Meinung zu erhalten, Fräulein Mahlow, will ich Ihnen zeigen, daß ich doch nicht so unmenschlich bin, wie Sie vielleicht aus meinen Worten zu schließen berechtigt wären. Zu behaupten, daß es mir nicht leid ist, aus Ihrem angenehmen Zirkel zu scheiden, wäre Selbsttäuschung. Ich bin zwar kein Fein-' schmecker, kein Leckermaul, daß mich Ihre Festlichkeiten locken könnten; aber Ihre Fähigkeit zu genießen, Ihre abgeklärte Zusriedenheit besitzt sogar einen großen Reiz. Jawohl, auch ich ziehe diesen Hellen, luftigen, durchwärmten Raum einem düstern, verräucherten und stickigen Kämmerchen im Scheunentorviertel vor; auch ich sehe lieber satte, wohlgenährte, von Gesundheit strotzende Menschen als bleiche, sieche und verhungerte Jammergestalten. Was mir aber den Aufenthalt in diesem Gesellschaftskreise verleidet, ist, daß der Reichtum, anstatt eine Leiter für die höchste Höhe der Opferfreudigkeit und Menschenliebe zu werden, zum Bleiklumpen sich gestaltet, um noch mehr zum Irdisch-Gemeinen niederzuzerren. Sie sehen also, Fräulein Mahlow, daß ich mit meinem heutigen Experiment einen Reinfall erlebt. Mt meiner Vorlesung wollte ich ein Loch in den Geldsack reißen, aber ich sehe ein, daß das Gold in einem

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