Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1918)
- Date
- 1918-08-02
- Page
- Seite 370 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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370 DenBnkowinaer Juden iftder deutsche Gharakter der Stadt, die deutsche Sauberkeit, deutsche Sitten und Umgang, zu verdanken und dennoch ^betonen die dortigen Juden ausdrücklich: sie wären keine Deutsche und wollen keine sein. Sie sind nur Spvachgenossen derselben, aber sie bleiben eine jüdische Nationalität. Es ist nun abzuwarten, welche weitere Entwicklung'ihre Arbeit, ihr Streben nehmen wird. \ Mo bringt man dir Mischen Kernen- und Gemütskranken unter? Von Fanny Cohn-Netz ler. 3n einem „Soziale Fürsorge sür jüdische Nerven- und Gemütskranke" überschriebenen Leitartikel bringt das „Hamburger israelitische Familienblatt" wie auch der „Israelit" bemerkenswerte und ebenso beherzigenswerte Weisungen, wie dem Mangel an speziellen Aerzten für derartig Leidende, die nicht nur sich, sondern auch ihren Angehörigen eine Last im wahren Sinne des Wortes sind, abgeholfen werden kann. Wie wenig den in diese Kategorie gehörenden Leidenden | mit der Unterbringung in allgemeine Nervenanstalten oder in Privatpflege gedient ist, das lehrt die tägliche Erfahrung von Aerzten und Laien. Noch mehr verschlimmert sich die Sache, wenn die Betreffenden, die auf religiöser Basis sich befinden, einen geradezu verhängnisvollen! Zwang darin erblicken, daß man sie zwingt, Jahre hindurch — vielleicht während ihres ganzen Lebens — im Widerspruch mit ihren religiösen Anschauungen zu leben. Hierdurch, infolge dieser andauernden Spannung, verschlimmert sich ihr Zustand, anstatt sich zu bessern, Ein wie großer Teil von Kriegsbeschädigten, deren Nervensystem infolge der ausgestandenen Strapazen und Schrecken vollständig erschüttert worden, darunter leidet, sollte nicht vergessen werden. Die Redaktion des „Hamburger israelitischen Familienblattes" unterstreicht die Ausführungen des Einsenders, indem sie hinzusügt, daß selten eine Woche vergehe, ohne daß aus dem Leserkreise Anfragen an sie ergehen, wo die Unterbringung von Geistes- und Gemütskranken in einem j ü d i s ch e n H e i m möglich sei. Wohl hat die Zentralwohlsahrtsstelle der I u d e n i n Berlindie Fürsorge für jüdische Geistes- und Nervenkranke in ihr Programm sür später ausgenommen — allein vorderhand mangelt es gänzlich an Plätzen, wo derartige Leidende eine Zufluchtstätte finden können. Hedem das SeimM. (5. Forts.) Roman von M. Pulvermann. er die Vorlesung beendet, machte die Gastgeberin einen schwachen Versuch, um einen freundschaftlichen Beifall hervorzubringen, was ihr aber nur schwer und unvollkommen gelang. „Vielen Dank, Herr Klaßner," rief sie/ mit emporgehobener Schleppe zu ihm hinschwebend und ihin die Hand reichend, „für den herrlichen Genuß, den Sie uns bereitst. Es war großartig, das Beste, was ich von Ihnen bisher gehört. Aber, nicht wahr, mein lieber Freund, nächstens schreiben Sie wieder etwas Lustiges. Aber Ihr Hals muß doch nach dem vielen Lesen ganz trocken geworden sein. Bitte, bedienen Sie sich am Büfett. Leider kann ich Ihnen nicht folgen. Sie wissen doch, Pflichten der Hausfrau . . ." Mit einem Schwung ihres entblößten, vollen Armes deutete sie nach den Gästen. Klaßner nickte schweigend, ordnete gemächlich die Blätter und hob einige vom Erdboden auf, die ihm während der Vorlesung entfallen waren. Er hatte Mühe, diese zusammenzufuchen, ohne daß einer Miene machte, ihm dabei behilflich zu sein. Sein Hals war feucht genug, aber seine Augen waren heiß, brennend und trocken. Mt einem stechenden Schmerz im Herzen ging er wieder zu der Palme, wo aber Ellen nicht mehr war. Er sah sie neben Alice und er ging hin zu beiden, die im eifrigen Gespräch begriffen waren. „Sie wollen doch nicht etwa schon fort?" fragte er Ellen ungestüm. „Leider muß ich," erwiderte diese. „Ich habe es Onkel und Tante versprochen, zeitig nach Hause. zu kommen. Die alten Leutchen sind ganz allein." „Dann werde ich Sie begleiten", sprach er bestimmt. „Auch das muß ich dankend ablehnen. Cs sind ja nur wenige Schritte, und unser Mädchen Wartet schon aus mich." „Wie Sie wollen. Gute Nacht!" sprach er, die dargereichte Hand kaum berührend. „Gute Nacht, Herr Klaßner!" sagte sie leise und hielt seine Hand mit einem Druck fest. Ich habe mich über Ihre Vorlesung sehr gefreut. Sie haben auch viele ernste Gedanken in mir wachgerufen, die mich wohl so lange Beschäftigen werden, bis wir uns Wiedersehen. Ich danke Ihnen vielmals." 4. Klaßner sah ihr sinnend nach, während er ihren Händedruck noch immer wie einen elektrischen Schlag in allen Gliedern verspürte. Seine Mühe war also doch nicht ganz vergeblich; nur daß diese Anerkennung, so wertvoll sie ihm als gute Vorbedeutung war, nicht das bittere Gefühl beseitigen konnte, das er über den Mißerfolg bei den anderen empfand. Er hatte auch dort auf ein günstiges Resultat gehofft, und er wurde in seiner Hoffnung grenzenlos enttäuscht. Er hatte seine Pfeile abgeschoffen, die aber hatten das Ziel verfehlt oder waren glatt abgeprallt. Nur bei Alice hatte er Eindruck gemacht. Sie sagte ihm das in schlichten Worten und bat chn um weitere Aufklärung. „Dann muß ich aber weit ausholen. Also hören Sie! Im größten Elend bin ich geboren, und dort habe ich auch die ersten zwanzig Jahre meines Lebens verbracht. Im Dunkel und Düster bin ich groß geworden, aber belebt und aufrecht erhalten durch einen einzigen Hoffnungsschimmer, der sich wie ein farbenprächtiger Regenbogen nach der wundervollen Hauptstadt hinüberwölbte. Mein Herz und mein Geist verlangten nach dieser Stadt: aber nicht mit dem törichten Verlangen, das jedem Provinzialen sie als Land der Verheißung vorzanbert; nein, sür mich war diese Stadt etwas anderes, für mich war sie der Höhepunkt des Erhabenen und Schönen in geistiger und religiöser Hinsicht, weil diese Stadt, wie ich damals glaubte, für unsere geknechteten Brüder eine Stätte der Freiheit und des Menschenrechtes geworden war. Als mir daher eine zusagende Anstellung angeboten wurde, griff ich freudig zu, mit dem Heißhunger, der durch langes Entbehren, zur Raserei sich gesteigert. Böller Begeisterung und Ehrfurcht kam ich her, wie der fromme Pilger, der nach langer Mühsal endlich vor dem heiligen Schrein niederknien darf. Ich schwelgte in dem wonnigen Gefühl, nunmehr an der Stätte zu sein, wo mir Gelegenheit geboten werden würde, an den segmsreichen Bestrebungen der großen Gemeinschaft teilnehmen zu dürfen." - Nach einer Weile fuhr er fort: ,