Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1918)
- Date
- 1918-08-02
- Page
- Seite 369 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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WS dreißig Juden. Im Landtage befinden sich zehn jüdische Abgeordnete. - Bezeichnend ist, daß im Jahre ISIS der Landtag mit Rücksicht auf die jüdische VolkSstimmung folgende Resolution« zum Beschluß brachte: „Der Landtag erkennt die Juden der Bukowina als eine eigene nationalpolitische Individualität an und daß ihnen deshalb-eine eigene nationale Vertretung gebühre." In der Handels- und Gewerbekammer, im Gericht und in der Landesregierung sitzen Juden. ' Die politische Stellung der Juden dürfte nach den obigen Angaben als gesichert dastohen. Aber nicht allein die Politik «hebt ihre Sonderstellung; «da ist ihr Kulturniveau, die Industrie und die Wirtschaft, die ihr den Stempel der Individualität ausdrücken. Da sind «die «jüdische Volksschule (deutsche Unterrichtssprache), jüdische Arbeiterkurse, VolkSbildungsvereine usw. Jeder Jude, sogar der orthodoxe, «hält es für seine Pflicht, die Kinder in die Schule zu schicken. Daher darf es nicht wundexnehmen, wenn man orthodoxe Eltern neben ihren Kindern: Doktoren der Medizin, der Philosophie, Ingenieuren, Apothekern ustv., herschreiten sieht. Interessant ist es zu beobachten, mit welchem Stolz und welcher Grazie der orthodoxe Vater mit seinem Advokatensohne spazierengcht. Die jüdischen Mädchen studieren gleich den Männern und verfügen über ein reiches Wiffen. 60 Prozent der Czernowitzer Offiziere sind Juden. Und die deutsche Bükowinaer Universität? Der Rector magnificus ist ein Jude, Professor Dr. Cäsar Pomeranz; neben chm befinden sich sechs jüdische ordentliche Prosefforen, mehrere außerordentliche Professoren und Dozenten. Als Herr Professor Kosch den Wunsch aussprach, die Czernowitzer Universität möge nach Salzburg verlegt werden«, wurde «von jüdischer Seite Einspruch erhoben. Der Kamps tobt weiter, und ich hoffe, daß der jüdische Professor siegen wird; «denn es ist recht und billig, daß Czernowitz eine Universität besitzt und nicht nötig hat, die nach Wissenschaft lechzenden Jünglinge nach Wien oder Salzburg abzuführen. An der Universität befinden sich fünf jüdische couleurtragende Korporationen. Eine von diesen «verdient an dieser Stelle Erwähnung zu finden. Sie nennt sich „Jüdisch-Akademischer Verein Kultur" und unterscheidet sich von den bekannten Verbindungen in man«cher Hinsicht. Mensur und Suff sind verpönt, dafür Kultur willkommen. Die Verbindung wurde im Jahre 1910 mit folgendem Programm ins Leben gerufen: Autonomie in allen Ländern, wo Juden wohnen, nationale und wirtschaftliche Förderung des Judentums im Goluth und «Anerkennung «der jiddischen Sprache. Es bestehen jetzt bereits 48 solcher Verbindungen, und zwar in Czernowitz, Berlin, Wien, Paris, Leipzig, Heidelberg u. v. a. Zu obigem Zwecke dienen Kurse und Vorträge usw. Die Mitglieder haben nach drei Monaten eine Vorprüfung, die in Prüfung im jiddischen Schreiben, Lesen «und Grammatik besteht. Nach weiteren 'drei Semestern wird eine Burschenprüsung abgehalten, und zwar eine schriftliche und eine mündliche. 1. Schriftliche Prüfung: Eine literarische Arbeit (jüdische Literatur) oder eine jüdische kulturgeschichtliche Arbeit und eine über nationale oder soziale Probleme. 2. Mündliche Prüfung: Religionsgeschichte, jüdische Literatur, Nationalistik, Sozialpolitik und Sozialwiffenschaft. Der Absolvent mutz über ein festes Wiffen verfügen, da die Prüfungen« von Fachleuten (Professoren «der Mittelschulen usw.) vorgenommen werden. Der Absolvent erhält ein Burschendiplom. Der Verein «hat jüdische «dreiklassige Arbeiterkurse ins Leben gerufen: 1. für jüdische Analphabeten, 2. für Fortgeschrittene und 3. für Handelsbefliffene. Man trifft «honte sehr wenig Analphabeten. «Höchstens «sind sie noch -unter den ältesten Leuten zu finden. Und Isst not Isast: Volksbildungsvereine, die das gewonnene Wiffen zu erweitern die Möglichkeit bieten. Eine reiche jüdische Bibliothek steht allen Lernbegierigen zur Verfügung. Man braucht sich also gar nicht zu wundern, «wenn man in «den Czernowitzer Straßen spazierengeht «und hauptsächlich Jiddisch sprechen hört; allerdings ist dieses Jiddisch bedeutend wohMngender als der Jargon der polnischen und galizischen Juden, «denn es ist bereits gereinigt und gesäubert. Dieses ändert aber nichts an «der Sache, daß 95 Prozent «der Czernowitzer Bevölkerung Deutsch spricht. Die Juden unter sich «sprechen Jiddisch und im Verkehr mit anderen «Deutsch. Es «bleibt «uns noch übrig, «die Betätigung «der Juden in «der Industrie und «im Handel zu besprechen. Die Träger der Industrie und des Handels im Buchenlande sind die Juden. Sehen wir uns «die Holz-, Mühlen-, Zucker¬ und Salzindustrie an, die Banken, Apotheken, di« Presse usw., Kaufleute (in Czernowitz nur zwei christliche), Gasthäuser, Hotels usw. Im Handwerk: Schneider, Schuster, Schlosser, Fleischhauer. Im Verkehr: Eisenbahner, Straßenbahnschaffner, Schutzleute. Kurz und gut, es gibt keinen Berufszweig in der Bükowina, in der Juden nicht segensreich tätig wären. Auch in der «Landwirtschaft sind sie «vertreten. Da haben wir also jüdische Bauern. Man sucht sie sonst mit Kerzen, und «hier sitzen sie ganz gemütlich und treiben Ackerbau «ünd Viehzucht. ' Es «sind deren noch wenige, aber sie sind vorhanden und im «Zunehmen «begriffen. Jüdische Gutsbesitzer natürlich wie überall in der «Mehrzahl. Die Bükowinaer Juden sprechen ihr eigenes Idiom, Jiddisch, haben ihre Vertreter überall, «können «sich in allen Berufen betätigen und sind die geistige Elite im Buchenlande. Der AnNsermtismus ist trotz deS Völkerkonglomerats — denn wir haben in der Bukowina: Rumänen, Ruchenen, Juden, Deutsche, Magyaren, Lippowener, Armenier, Zigeuner und Polen — gleich Null zu setzen, «weil sie sich alle untereinander vertragen und in «bester Eintracht leben. Fragen «wir nun die Jugend, warum sie die jiddische Sprache als «Urngangssprache gewählt «hat, so antwortet «sie: Wir bilden hier in der Bukowina eine nationale Sonderheit. Uns ist die jiddische Sprache lei«ch«ter und verständlicher als die hebräische. Unsere Vorfahren haben auch jiddisch gesprochen und fast «das ganze Judentum spricht jiddisch und ist daher imstande, sich «mit uns zu verständigen. Warum sollen wir sie zugunsten der hebräischen ausgeben, die erst erlernt «werden soll? Dann haben wir eine reiche jiddische Literatur, die uns «vollauf in unseren Wünschen unterstützt; jiddische Zeitungen, Vorträge usw. krönen unser Werk. Warum sollen jiddische Denker in der deutschen, «französischen oder einer anderen Sprache ihre «Gedanken niedevlegen, wenn sie jiddisch «denken, ergo müssen sie auch jiddisch, schreiben. Das Jiddische «läßt sich in alle Sprachen übertragen. Es ist «also eine Unrgangssprache par excellence, im «Gegensatz zum Hebräischen, «das nur wenige beherrschen. Das Jiddische ist demnach für «das Bükowinaer nationale Judentum eine nationale Sprache. Das ist nun die Brücke zur Anerkennung ihrer Sprache durch die Regierung, die nur nationale Idiome anerkennen will und der dazu das Recht zusteht. Also um die Anerkennung durch die Regierung und mit Rücksicht aus die breite Masse «wurde die jiddische Sprache als Verständigungsidiom angenommen. «Kennzeichnend ist für die «Bedeutung «der Czernowitzer Juden die Benennung «verschiedener Straßen nach jüdischen Persönlichkeiten. Da haben wir eine Heine-, Dr.-Reis-, Dr.-Stvaucher- Karl-Emil-FvanzoS-Straße und einen «Theodor-Herzl- Platz u. v. a.