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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-08-02 · Heft 31 (2.8.1918) · p. Seite 368

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 31 (2.8.1918)
Date
1918-08-02
Page
Seite 368 (sequence 8)
Language
German
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368 die auf seine Kosten erzählt wurden. Lautenburg, der noch in späten Jahren eifrig beflissen war, sich geistig emporzuarbeiten, und der) nach Niederlegüncj seiner Theäterdirektion, ein Stammgast .unserer akademischen Lehrsäle bei den Vorlesungen von Erich Schmidt, Simmel, Wölflin wurde, ließ sich jene Anekdoten mitlachend gefallen. Nun er von uns schied, hinterläßt er das Andenken eines redlich strebenden, verdienstvollen Dieners seiner' Kunst, eines warmherzigen, treuen Mannes. Bit Kulturmsel Czernowitz. Von Elias Nacht (Berlin), zurzeit Czernowitz. mit Freude ergreife ich die Feder, um diesen Aufsatz, der ein Bild über das jüdische Leben in Czernowitz geben soll, niederzuschreiben. Czernowitz ist das Zentrum der Kulturvevbreitung in der Bukowina; wenn man demnach über Czernowitz spricht, so gilt das für die ganze Bukowina. - Wenn die Grenze zwischen Galizien und Bukowina überschritten ist (bei Sniatyn), so fällt sofort der krasse Unterschied zwischen den beiden Ländern aus. Es beginnt die deutsche Sprache, deutsche Sitten, deutsche Sauberkeit und deutsche Ordnung. Und hat man erst die Hauptstadt des Buchenlandes erreicht, so kommen die oben angeführten Eigenschaften des Landes noch viel deutlicher zum Ausdruck. Ich nenne die Bukowina eine Kulturinfel im Osten. Die Juden Galiziens nennen sie das kleine Jerusalem. Bis Czernowitz auf das jetzige Niveau gekommen ist, hat es schwere harte Prüfungen zu überwinden gehabt; da waren Römer, Germanen, Slawen, Magyaren, Türken, Russen und weiß der Himmel welche noch, die die Stadt durchzogen und merkbare Spuren hinterließen. Erst als die Bukowina zu Oesterreich kam, da erholte sich die Landeshauptstadt. Czernowitz allmählich aus dem Schlafe. Die Frage, woher die Juden in die Bukowina gekommen sind, läßt sich schwer beantworten. Die einen behaupten, aus Deutschland, andere wiederum, aus Galizien usw. Sie bilden eine ganz für sich geschlossene Gruppe. Man kann sie weder mit dem Wsestjuden noch mit dem Ostjuden auf eine Stufe, bringen. Während das Westjudentum von Tag zu Tag den jüdischen Charakter ablegt, indem es sich allmählich assimiliert, Mischehen eingeht, Taufen an sich und den unentwickelten Nachfolgern vornimmt, also von dem Judentum langsam, aber gewiß abfällt, ist der Ostjude ein ganz anderer Typus. Er hält an den Traditionen, Sitten und Gebräuchen so fest, daß niemand, absolut niemand in der Lage ist, ihn von diesem seinen Fanatismus abzubringen. Er glaubt nur an Gott und seine Gesetze und an den Handel. Diese seine Eigenschaften haben ihn in der ganzen Welt verhaßt gemacht; denn er ist das geblieben, was er vor Jahrtausenden war: ein Ding für Gott und sich. Schritt halten mit der Zeit war und ist verpönt. Da liegt der enorme Unterschied zwischen dem West- und Ostjuden. Was der eine zu viel besitzt, hat der andere eben zu wenig. Die Bukowina, mit Czernowitz an der Spitze, ist seit 18-18 ein selbständiges Kronland, mit selbständigem Statut und eigener Landesregierung. Wem, als den Juden, hat die Bukowina ihre Selbständigkeit zu verdanken? Sie haben Schulter an Schulter mit ihren christlichen Staatsbürgern für die Selbständigkeit gekämpft. Nachdem dies Ziel erreicht wurde — und es war nicht leicht —, haben sie begonnen, für ihre Interessen zu kämpfen, ohne aber das Wohl des Landes als solches außer acht zu lassen. Sie waren und sind treu zum Kaiser und Reich, wie sie treue und gute Juden sind. Sie haben es verstanden, den herrschenden Antisemitismus bis aus ein Minimum herabzudrücken, was ihnen als ein Erfolg zuzuschreiben ist; denn sie sind die ersten, die mit Deutschen, Rumänen, Polen — bekannten AntisemÄen in Einvernehmen leben. Man spricht dort von den Juden mit "großer Achtung, denn sie haben sie sich mit geistigen Waffen erkämpft. Woran liegt es nun, daß die Juden in der Bukowina eine andere Stellung einnehmen, als es in ihrer Umgebung der Fall ist? Die Antwort lautet: Sie haben weniger auf ihre traditionelle Tracht, aus ihre jetzt überflüssig, gewordenen Sitten Gewicht gelegt als aus die Politik und Kultur, die sie als Nation mit den anderen dort lebenden Nationen gleichberechtigt machen würde. Sie haben betont, daß ein nationales Judentum in der Bukowina existiert. Dies hat zu einer Trennung zwischen dem orthodoxen und modernen Judentum geführt. Während das erstere nunmehr fortwährend im Abnehmen begriffen ist, wächst das letztere stetig. Die orthodoxe Gemeinde, mit . einem Row an 'der Spitze (die Stelle ist zurzeit vakant), rekrutiert sich aus den einwandernden galizischen, russischen und rumänischen Juden. Die moderne Gemeinde mit einem Rabbiner (Dr. Rosenfeld) stellt die Jntelligeng. Und schließlich ist hervorzuheben, daß die Orthodoxen der Bukowina nicht denen des Ostens ähnlich sind. Wie vidle von ihnen halten noch fest an den Ritualien, wie viele tragen noch die Schläfenlocken und Kaftan und den bekannten galizischen Streimil? Sie sind an den Fingern abzuzählen. Was stört das, wenn einige Wunderrabbis in Sadagova, das gänzlich zerstört ist, Bojan usw. ihr Handwerk ausüben? Für den Bukowinaer bleibt es ohne Eindruck, denn er hat für sie keine Zeit. Stört es ihn etwa, wenn die Ströme aus Galizien, Rumänien und Rußland dorthin fließen? Man steht, daß der Wunderrabhi in Sadagora, das sechs Kilometer von Czernowitz entfernt liegt, keinen Einfluß aus die Hauptstadt ausüben.kann. Die orthodoxen Juden haben ihre Synagogen, rituelle Bäder und.rituelle moderne Schlachthäuser. Letztere werden von vielen Juden, ja sogar von Christen benutzt. Die Orthodoxen schließen die Ehen beim Row. Da diese aber geseWch nicht anerkannt werden, tragen die Kinder aus diesen Ehen die Namen beider Eltern; heißt z. B. der Vater Schwarzstein und die Mutter Sommerfeld, so heißt der Sohn Schwarzstchn reet« Sommerfeld. Diese Sitte ist bereits im Abflauen begriffen, da die so Vermählten sich jetzt meist gesetzlich ehelichen und somit den einen Namen fallen lassen. Anders fleht das moderne Judentum aus. Die Kultusgemeinde mit ihrem Vorsitzenden Professor Dr. Neumann- Wender leitet das Schicksal des Judentums. Es vertritt es nach außen wie nach innen. Kämpft, schafft, bauet. Das jüdische Nationalhaus, die Toynbeehalle, jüdisches Spital, jüdisches Waisenhaus, jüdischer Gesangverein (Vorsitzender Bürgermeister Dr. v. Meißelberger), Siechenhaus usw. sind Monumente jüdischen Schaffens in Czernowitz. -Die Juden der Bukowina fühlen sich als Autochthonen ihres Landes und bekräftigen ihr Recht als solche. Ueberall im öffentlichen Loben begegnen wir jüdischen Führern. Beginnvn wir mst der Stadt. Da haben wir einen jüdischen Bürgermeister, Dr. Salo v. Weißelberger (er ist nach seiner Rückkohr aus Rußland, wohin er als Geisel verschleppt wurde, für die gebrachten Opfer der Bevölkerung gegenüber vom Kaiser in den Adelstand erhoben worden). Es ist nicht der erste jüdische Bürgermeister. Die Nationalität des Bürgermeisters wechselt mit jeder Wahl (alle sechs Jahre). Es ist immer entweder ein Jude oder ein Deutscher. Ist der Bürgermeister ein Deutscher, so ist der Vizebürgermeister ein Jude, und umgekehrt. Im Reichstage sitzt der Bukowinaer jüdische Abgeordnete Dr. Benno Straucher. Im Gemeinderate sitzen ungefähr

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