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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-08-02 · Heft 31 (2.8.1918) · p. Seite 367

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 31 (2.8.1918)
Date
1918-08-02
Page
Seite 367 (sequence 7)
Language
German
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367 Sigmund Lsnttnburg. Von I. Landau. ^er Berliner Theaterwelt ist eine ihrer eigenartigsten Erscheinungen entrissen worden. S i e gm undLauten- H urg ist durch einen Schlagansall jäh hinweggerasft worden. In Marienbad. wo er Erholung gesucht hatte, fand er den Tod. Einen Plötzlichen Tod, ohne Krankheit und Siechtum, ohne die langwierigen und umständlichen Vorbereitungen zu erdulden, die der Sensenmann sonst so grausam zögernd trifft, ehe er seine Opfer Holt. Das Glück, das den Entschlafenen ein Leben lang begleitet hat, es ist ihm auch im Tode treu geblieben. Ein Glück freilich, das sich ihm im Leben nicht zufällig und launisch dienstbar machte, sondern das er in heißem, rastlosem Streben und Mühen sich unterwarf, in einem Leben voll ehrlicher, höheren Zielen zugewandter Arbeit. „Wie sich Verdienst und Glück verketten, das sehen die Toren niemals ein" —. auch hier hat sich das gezeigt. Der Verlust, den die Bühnenwelt der deutschen Reichshauptstadt erleidet, er trifft auch unsere jüdische Gemeinde. Denn Siegmund Lautenburg war kein Zufallsjude, wie so viele, namentlich in der Literatur und Kunst, keiner von denen, die ihr Judentum gleichgültig als etwas Angeborenes tragen wie ihre Nase. Erfühlte sich als Erbe einer hohen Ueberlieferung, er liebte und hegte die überkommenen Anschauungen mit wahrer Zärtlichkeit, und es ist kein Zufall, es war die Aeußerung eines tiefen Gemüts, daß die Rolle, die er in den letzten Jahren am liebsten und am häufigsten spielte, die letzte Rolle auch, die er kurz vor seinem Ende am Königlichen Schauspielhause in Berlin dürstellte, „Nathan der Weise" war. Dieser Nathan, von dem der greise Goethe schrieb: „Möge das hier ausgesprochene göttliche Duldungs¬ und Schonungsgefühl der Nation heilig und wert bleiben." — In Budapest als Sohn eines frommen, altjüdischen Hauses 1851 geboren und in den Traditionen dieses Hauses erzogen, war Lautenburg zum Kaufmann bestimmt. Aber in dem damals noch sehr deutschen Pest und insbesondere in seiner jüdischenG em e i n d e muß doch wohl in der ersten Hälfte und um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ein sehr starker Drang zum Theater sich geltend gemacht haben. Lieferte doch die ungarische Hauptstadt der deutschen Bühne aus jener Epoche, von Sternen zweiten Ranges nicht zu reden, einen Adolf Sonnenthal, einen Ludwig Barnay, einen Emmerich Robert, einen Siegwart Friedmann, einen Gustav Kadelburg und auch unseren Sigmund Lautenburg. Sie alle gelangten auch auf die gleiche Weise zur Bühne, alle im Widerstreit mit den damaligen Theatern mehr oder weniger abgeneigten gut altjüdischen Familien, alle aus dem Umweg über einen anderen Beruf. Sonnenthal war — wie der eben entschlafene Rosegger — Schneider, Barnay hatte sich dem Baufach gewidmet; wie Friedmann, so sollte auch Lautenburg Kaufmann werden. Was all die vielen berufsbegeisterten Künstler, die unter harten Kämpfen auf hie weltbedeutenden Bretter sich empor¬ Sigmund Lamenburg. rangen, unserer Bühnenkunst und ihrer Läuterung, ihrem Aufwärtsstreben geboten haben, das ist noch nie im Zusammenhänge dargestellt worden, aber es würde sich wohl lohnen, einmal nachzuprüsen und nachzuweisen, was hier das Judentum der deutschen Kunst geleistet hat. Dabei würde auch Alexander Strakosch nicht zu vergessen sein, der, ebenfalls einem altjüdischen Hause in Ungarn entsprossen, unserer Bühne eine ganze Galerie hervorragender Künstler entdeckt und herangebildet hat. Es war ein Stück Tragik im Leben Lautenburgs, daß er, der mit Schiller die Bühne betrat und mit Lessing von ihr Abschied nahm, daß er, der als Ferdinand in „Kabale und Liebe" zu Neufohl seinen „ersten theatralischen Versuch" gewagt und der zum letztenmal als „Nathan" die Bretter betreten hatte, zwischendurch dazu nusersehen oder, wie er es empfand, dazu verurteilt war, der Reichshauptstadt die französischen Schwänke, die Pariser Possen zu vermitteln, weil eben auf dem Boden des Residenz-Theaters, das er von 1887 leitete, keine andere Kunstgattung gedeihen wollte. Und dennoch hat Lautenburg auch an feinem Platze unserer Bühne starke Anregungen zugeführt und ihre erfreuliche Aufwärtsentwicklung wesentlich gefördert. Wie es denn wieder sehr bemerkenswert ist, daß an der Umgestaltung des öden, alten Gefchäftstheaters, wie es vordem in Berlin die Deichmann, Woltersdorf usw. betrieben, zum höher gerichteten Literaturtheater die jüdischen Bühnenleiter, wie Otto Brahm, Blumenthal, Lantenburg, neuerdings Reinhardt, und die ebenfalls dem Judentum entstammenden LÄrronge und Barnay, einen so wesentlichen Anteil haben. Der „freien Bühne", die den Anbruch einer neuen Epoche für unser Theater bedeutet, hatte erst Blumenthal dann Lautenburg sein Haus geöffnet. Siegmund Lautenburg wurde aber in seinem steten Aufwärtsstreben nie müde, auch auf eigene Faust ganze Reihen von Versuchsaufführungen zu veranstalten. Wie vordem schon im Residenz-Theater Ibsens „Nora" und „Gespenster" ihre ersten Aufführungen erlebt hatten, so brachte uns Lautenburg auch die „Wildente" in einer nie übertroffenen Besetzung, in der er selbst den Hjalmar spielte. Tolstoi, Strindberg hat er vielfach zuerst bei uns eingeführt, aber auch so viele deutsche Dramatiker führte er im Residenz- Theater und im „Neuen Theater", das er längere Zeit leitete, zu ihren ersten Erfolgen. Mit geschärftem, sicherem Entdeckerblick hat er auch viele schauspielerische Talente aufgefunden und zum Ruhm emporgeführt, wie Rudolf Rittner, Rosa Bertens, Josef Jarno, Hans Pagay und so viele andere. Dabei war er seinen Bühnenmitgliedern nicht nur künstlerisch, sondern oft auch wirtschaftlich ein treuer Freund und Heiser. Seine Menschenfreundlichkeit aber, sein reger Wohltätigkeitssinn, machte nicht bei seinen Berufsgenossen halt. In den Kriegsjahren besonders hat er einen regen glücklichen Eifer im Dienste der helfenden Fürsorge entwickelt. Eine gewisse Volkstümlichkeit, die Lautenburg sich errungen hatte, zog vielfach auch aus allerlei mehr oder minder gut erfundenen Anekdoten Nahrung,

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