Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1918)
- Date
- 1918-08-02
- Page
- Seite 365 (sequence 5)
- Language
- German
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365 Bürger scharfe Angriffe und Hetzreden gerichtet, die die Betörung der Volksrnafsen bezweckten, und mit Leichtigkeit eine Pogromstimmung Hervorrufen konnten. . Die jüdische Bevölkerung nimmt diese gewissenlosen und verbrecherischen Angriffe mit Rücksicht aus die schweren und ernsten Zeiten, die der Staat durchlebt, mit Ruhe und Würde aus, obzwar sie natürlich sich zur Gegenwehr vordere iten muß. Es ist aber Sache der Regierung, gegen diese Aktionen einzüschreiten, weil sie den Staat und die Ruhe der Bevölkerung sehr ernst gefährden. Wir fragen den Herrn Ministerpräsidenten und den Herrn Minister des Innern: Wird die Regierung in Zukunft gegen solche den Staat schädigenden Agitationen energisch einschreiten?" Eine Antwort des Ministerprätsiidenten ist -bisher nicht bekannt geworden. ' * Uebew rumänische Vier hältnisse meldet das „Berliner TagM-att": Ein Gesetz über die Naturalisierung der rumänischen Juden angenommen. Bukarest, 26. Juli. (W. T. B.) Die Gesetzvorlage über die N a t u r a l i s i e t u ng der Juden wurde gestern vom Senat mit 62 gegen 2 Stimmen angenommen. Der Minister des Aeußern Arion betonte bei Begründung der Vorlage, daß bei Revision des Artikels 7 der Verfassung die Judensrage später ihre endgültige Lösung finden werde. Ferner erklärte Arion, daß die Gleichberechtigung der Juden Rumänien nicht von den Mittelmächten aufgezwungen worden sei, sondern daß die rumänische Regierung dem Verlangen des Vierbundes gern entgegeng e k o m men wäre. Es wäre dringend zu wünschen, daß «damit wirklich ein ernster Schritt zur aufrichtigen Regelung der jüdischen Verhältnisse geschehen wäre. * Aus Rußland liegt folgender Artikel der „Frankfurter Zeitung" vor, dem wir gern hier Raum geben, da wir jede Nachricht über die Beschäftigung der Juden mit Ackerbau froh begrüßen. Jüdische Kolonisten am Dniepr. Vom Dnieprstädtchen Biereslawl geht es querfeldeinwärts auf einer Straße, die sich der Verkehr selbst geschaffen hat und die anscheinend die allgemeine Landstraße etwas abkürzt, über hügeliges Land. Die Saat grünt, selten blüht einmal ein Baum, weite Flächen liegen öde und unbebaut in dem wenig abwechslungsreichen Lande. Zur Rechten zieht sich tief unten das Helle Band des Flusses, das vom saftigen Grün der Weiden und der Bäume umrahmt wird. „Steppe" nennen die Bewohner, auch die deutschen Kolonisten, noch immer dieses Land nach der Überlieferung ihrer Vorfahren, obgleich sie es in vielen Jahrzehnten fleißiger Arbeit schon größtenteils urbar gemacht haben. Es hat ja auch in einer endlosen Weite noch etwas den Charakter der innerrussischen Steppenländer beibehalten. Nach halbstündiger Fahrt nähern wir uns einem Dorfe. Vielleicht 30 Meter breit, zieht sich die Hauptstraße mitten durch, an der die Häuser liegen. Das ist Nowo-Biereslawl, eine jüdische Kolonie. Es gibt ihrer in Südrußland nach der Statistik des Pfarrers Keller ungefähr 35 und sie besaßen nach der Landesaufnahme vom Jahre 1859 rund 120 000 Dehjätinen oder Hektar- Land zusammen. Die allerersten sind zu Beginn des 19. Jahrhunderts, die späteren in den vierziger Jahren begründet worden.. Zu den neueren gehört auch dieses Dorf hier mit seinen 3600 Deßjätinen Land. Wir steigen aus und sprechen mit den alten jüdischen Bauern; bald sammelt sich eine ganze Schar Neugieriger um uns, und aus der Menge schwirren die Antworten auf unsere Fragen bunt durcheinander. Alle klagen darüber, sie besäßen zu wenig Land. Der Hof vererbt sich nach ihren Erbgewohnheiten nicht geschlossen auf einen Sohn oder auf die Söhne zusammen, wie bei den deutschen Kolonisten, hier werden auch die Töchter gleichermaßen bedacht, und bei dem großen Kinderreichtum der Leute zerfällt ein schöner Besitz schon im ersten Erbgang hoffnungslos. Die Großväter, die von der Regierung aus Kurland hier heruntergezogen wurden, das waren noch keine Landwirte. Sie lernten den Beruf erst, zahlten beträchtliches Lehrgeld und kamen nicht recht voran. Die Söhne aber, die sich wenigstens etwas eingearbeitet hatten, fanden nach dem Erbgang einen unwirtschaftlichen kleinen Besitz als Eigentum vor. Es war zu viel, zum Sterben, zu wenig zum Leben. Bei den Enkeln hat sich das Uebel noch verschärft. Die meisten Einwohner mußten wieder zum Handwerk greifen oder zum Kleinhandel, so daß der ursprüngliche Gedanke der Baueruanstedlung sich etwas gewandelt hat und man mehr von einer. Kolonie von Handwerkern und Händlern sprechen kann, denen ein kleiner bescheidener, zum Selbstanbau des eigenen Lebensunterhalts oft kaum ausreichender Landbesitz wenigstens etwas Anhänglichkeit an die Scholle schuf. Wenige nur find vorangekommen und haben -sich Land zukaufen können. Selten war es so, wie bei den deutschen Bauern, daß der Vater jedem der Söhne schon zu seinen Lebzeiten einen Hof kaufte und für die Zukunft sorgte. Die Regierung hatte zwar schon bald nach Beginn dieses Ansiedlungswerkes eingesehen, daß die der Landwirtschaft unkundigen Leute ohne Hilfe nicht vorcmkämen. Man hatte in jede jüdische Kolonie zwei oder drei deutsche Musterbauern gesetzt, die ihnen mit Rat und Tat zur Seite stchen sollten. Gewöhnlich war aber der Gang der Dinge dann so, daß die jüdischen Ansiedler doch zum gelernten Handwerk und Berus zurückkehrten und lieber den Deutschen ihr Land zur Bearbeitung verpachteten. Nur wenige jüdische Kolonisten besaßen die Energie, die zum Erlernen der Landwirtschaft gehört, die auch ein Umformen des ganzen Menschen und seiner Denkweise erfordert, besaßen die Wetterfestigkeit und Härte, sich Schollenkrästigkeit zu erwerben. Fragt man so unter den Leuten herum, so geben die meisten die Tatsache auch zu. Andere wieder sagen stolz, die Großväter hätten die deutschen Mustersiedler wohl nötig gehabt, aber sie selbst verständen die Landwirtschaft jetzt so gut oder besser als die Deutschen. Nur fehlte es ihnen an Land. Das mag bei manchen auch stimmen, und wir hören nachher auch das Urteil der deutschen Kolonisten über die Judenkolonien, das ähnlich lautet: einzelne hätten es zu etwas gebracht, weil sie Liebe zum Land hatten, landwirtschaftliche Fähigkeiten mit streberischem Geist des Vorwärtskommens verbanden, aber die meisten seien keine Ackerbauer und würden es nie, als geschlossene jüdische Bauernkolonie im ganzen könnten die Dörfer nicht Bestand haben. Die Kraft der deutschen Bauernsöhne, die, wenn es am Dnjepr nicht geht, lieber nach Sibirien auswandern, um sich dort Hof und Heim zu begründen, die fehlt jedenfalls den Kindern der jüdischen Ackerbauer fast vollkommen. Aber einsichtige deutsche Kolonisten sprechen damit nicht das letzte Wort über die jüdischen Kolonien, sie halten mit dem Urteil zurück: die Regierung hätte die Leute nicht so sich selbst überlassen dürfen, man wird nicht von heute aus morgen Landwirt, man kann nicht mit ein Paar Musterstedlern eine Gesellschaft von Händlern und Handwerkern in wenigen Jahren zu Bauern umformen; man hätte sie viel straffer beaufsichtigen sollen, hätte sie oder zum mindesten ihre Kinder in Schulen nachlernen lassen sollen, was ihnen an Erfahrung abging. So wie es jetzt ist, wird die Folge nur die sein, daß in der nächsten Generation doch wieder die Rückwanderung zur Stadt einsetzt, der man durch die Anstedlungsversuche eben begegnen wollte. Wir folgen der Einladung, uns ein Paar der Wohnhäuser der Kolonisten anzusehen. Aeußerlich machen sie oft einen etwas verwahrlosten Eindruck. Die Leute entschuldigen das damit, daß die Bolschewisten gerade die jüdische Kolonie besonders bedrängten, daß die Einwohner alle viele Tage lang in die Wälder flüchten mußten, während die Roten Garden dann schonungslos in ihrem Eigentum hausten. Ganz scheint aber der äußere Verfall der Häuser, scheinen die Lücken in den Strohdächern und Scheunen doch nicht nur auf diese Tatsache zurückzusühren sein. Dagegen ist es im Innern sauber und reinlich. Die Wände sind frisch gekalkt, die Betten find sauber überzogen und hoch aufgeschichtet, die Tische und Stühle sind gescheuert; es unterscheidet sich hier kaum etwas von den gutgehaltenen Anwesen anderer Bauern, wenn auch an Wohlstand und Ordnung ein beträchtlicher Unterschied zu den deutschen Häusern bleibt. Immerhin ist hier nichts zu finden vom Schmutz städtischer Wohnungen, die Handwerkerstuben sehen ordentlich aus, die Ställe sind gut gehalten, der Gesamteindruck ist nicht eben ungünstig. Dr. Fritz Wertheimer, Kriegsberichterstatter. m