Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1918)
- Date
- 1918-08-02
- Page
- Seite 364 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3229339-3229370--74196-3286677- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
364 Gedenket des Gebotes der Nächstenliebe, das vom Judentum ausgegangen ist (3. Buch Mose Kap. 19,18), der Krönung aller menschlichen Gesittung! Gedenket der jüdischen Sittenlehre, die Leben und Lebensfreude bejaht, aber uns zu Verantwortlichen Hütern unserer Triebe und Begierden macht (Kohelet 11,' 9), von Mann und Weib körperliche und sittliche Reinheit und Gesundheit fordert, um das ewige Gut der Lehre von Geschlecht zu Geschlecht zu tragen und zu hüten! '' Gedenket eurer Mütter und Väter, deren ungebrochene Lebenskraft erlch Leben gab und Freude an geistigen Schätzen und. materiellen Gütern! . Gedenket eurer Frauen und Bräute, deren Hingabe und Liebe euch eine nie endende heilige Verantwortung auferlegt! Gedenket der verheerenden Folgen der Unsittlichkeit und des Alkoholgenusses „bis -ins dritte und vierte Geschlecht"! Gedenket eurer Kinder und des Glückes, in eigener gesunder Nachkommenschaft das Wertvollste eures eigenen Seins wieder zu beleben, damit sie mit euch neben den Besten des Vaterlandes und der Menschheit stehen können! Zu dieser Kulturarbeit unter den Juden gehört ihre fortgesetzte Dur chd ri n g u n-g m i t ld eu t s ch ent Geiste. In welcher Form die Schätze deutscher Literatur auch den Juden überliefert werden, ist dabei gleich. Aus diesem Grund möge hier aus dem „Tag" eine Stelle über „deutsche Klassiker im Jiddischen" mitgeteilt werden, obgleich die dabei gebotene Zusammenstellung höchst unvollständig ist. Die Werke deutscher Schriftsteller wurden meist wörtlich ins Jiddische übertragen, ohne Veränderung oder nur mit sehr geringen Aenderungen, entsprechend dem Geschmack und den Religionsanschauungen der Juden. Die Nebertragungen unterschieden sich von den Originalen nur durch ihre „jiddische Schrift". Fast alle Erzählungen, Märchen und Legenden, die in deutscher Sprache nach dem 16. Jahrhundert erschienen, wurden durch die damaligen sogenannten „Packenträger" in jiddischer Sprache unter das gemeine Volk verbreitet. Von besonderem Interesse ist das Verhältnis zu den deutschen Klassikern. Sie sind bereits früh mehrfach übersetzt worden. Von den meisten gibt es verschiedene jiddische Ausgaben. Von den Werken Goethes sind, wie wir einem in der „Wilnaer Leitung" erschienenen Artikel entnehmen, sehr viele übersetzt worden. Den „Faust" gibt es im Jiddischen in einer ganzen Reihe von Uebersetzungen, so z. B. von Baschower, Bleicher und Hermalin. Hermalin übersetzte ferner „Werthers Leiden", „Götz von Berlichingen", „Elavigo", „Egmont". Als Probe seien ein paar Zeilen der Vorrede zu „Werthers Leiden" wiedergegeben: „Un du, gute Seele, woß fielst aselche jisiurim (solche Leiden), wie er Hot gefielt, schepf treest (Trost) von seine Zorers (Leiden) und los (lasse) das dösige Bichel (dieses Buch) sein dein Freind. Wenn du host kein Masel (Glück) nit, zu durch eigene Schuld kennst nit gefinen (finden) kein besseren Freind." Schiller, dessen historisches Pathos offenbar dem jüdischen Geist weniger entspricht, ist seltener übersetzt worden. „Die Räuber" wurden von Kassel übertragen: auch gibt es eine Parodie von Godlober auf „Das Lied von der Glocke". Daneben findet man Uebersetzungen von Schillerschen Gedichten bei Finkel und Harenstein. Dieser übertrug u. a. das Gedicht „Der Jüngling am Bache" (im Jiddischen heißt das Gedicht „Dos jingel beim Teich"). Auch Leffings Werke erfreuen sich mehrerer Uebersetzungen ins Jiddische. An erster Stelle steht natürlich „Nathan der Weise". Die Gestalt Moses Mendelssohns, der von den Juden besonders hochgeschätzt wurde und dem Lessing in der Figur des Nathan ein Denkmal gesetzt hat, bedingt diese Vorliebe. So gibt es eine wörtliche Uebersetzung von Linetzki „Nathan der Cochom", ferner eine andere in erzählender Form von Garin. Auch „Emilia Galotti" hat in Judson einen Uebersetzer gefunden. '! ’!~r~~r’r! Von Heines Werken gibt es im Jiddischen viele Uebersetzungen. Jakubowitsch übertrug' „Die Harzreise" und den „Rabbi von Bacharach". Viele Gedichte Heines wurden von Bowschower, Boruchowitsch, Kah, Reisin bearbeitet. Hier sei das bekannte „Frühlingslied" (Leise zieht durch mein Gemüt) in der Uebersetzung von Korman wiedergegeben: Ss' ziehen still durch mein gemit Libliche gefangen. Kling, mein kleeneß frilingslid Un sarwig (d. h. wiegen) in klangen. Weit, weit kling, bis jenem Haus, Wu die blumen seinen, Westu dort versehen a rois (eine Rose) Sog ich grüß von danen (hier). . Das bedeutsamste Kulturemgebms aber würde das Verschwinden des Antisemitismus sein. Leiber kann man davon noch gar nicht reden. Im Gegenteil, auch solche Blätter, die sich bisher neutral, wenn nicht gerade judenfveundlich, verhielten, machen mit den Antisemiten gemeine Sache. Wn Zeugnis dafür bietet folgender Artikel des „Heimgarten": Antisemi tengesindel! Im „Neuen Wiener Journal" des Herrn Lippowitz schreibt ein Herr Sonnenfeld zum hundertsten Geburtstage des Begründers.der deutschen sozialdemokratischen Partei, Karl Marx, n. a.r „Er wird so glühend geliebt und so glühend aehaßt, als ob er noch im Tagesgezänk unter uns ginge und nicht schön längst ins Pantbeon der Unsterblichkeit entrückt wäre. Seine Feinde nennen ibn ehrgeizig, skrupellos, fanatisch, herrschsüchtig, kleinlich, dogmatisch, rachsüchtig. Vielleicht haben sie recht. Seine Freunde verehren ihn wie einen Messias. Vielleicht haben auch sie reckt ... Auch wir, die keine Sozialdemokraten sind, neigen uns huldigend vor der Heldengestalt des Mannes, biv** seiner Ueberzeugung wie ein Verbrecher von Land zu Land gehetzt, weaen seiner jüdischen. Abstammung vom Antisemitengefindel mit oemeinen Verdächtigungen bespien, mit Selbstverleugnung für die Unterdrückten und Entrechteten eingetreten ist. Ecce homo! Ruhm und Ebre seinem Andenken!" Kein Klarblickender, gleichgültig ob Arier oder Jude, kann nach den Erfahrungen von vier Kriegsiahren mehr leuanen, daß die gerade in der allersckwerften Zeit sich am allerkrasiesten äußernden Jersetzungssioffe der semitischen Raffe in den breitesten Schichten des deutschen Volkes eine antisemitische Strömung wie nie zuvor erzeugten. Wenn es da ein Herr Sonnenseld wagt, in einer Wiener Tageszeitung vom „Antisemitengesindel" zu schreiben, so spekuliert er derweilen noch mit Reckt auf die sckier unermeßlicke Geduld und Gutmütiakeit eben dieses „Antisemitengesindels". Denn sonst —! Vor Jabren schon sagte mir in der Schweiz ein alter Kaufmann, der das Leben dreier Weltteile kennenaelernt batte: ..Lieber Herr Doktor, ich erlebe es nicht mehr, wohl ober Sie, daß ein großer Pogrom in Eurova die Juden dezimiert." Darauf entgeanete ick, kein Freund von Pogroms und Aebnlickem zu sein. Der alte Kaufinann nickte: Ick auch nickt, ich bin nickt einmal ein regelrechter Antisemit, aber die Ueberbebnna. die Frechheit, die Ausbeutung und Herrschsucht der Juden werden über kurz oder lang Pogrome beraufbesckwören. .Demokratie* sagen sie und meinen damit .Judäokratie*. Das muß ein Ende mit Schrecken nehmen!" Sonnenfeld und Genossen werden vielleicht aut daran tun, das „Antisemitengesindel" , nickt zu reizen. Denn sonst —" Man kann Ausdrucksweise und Gesinnung dieses Artikels nicht stark genug verdammen. Weil ein 5Viube von Antisemitengestndel gesprochen. wird über alle Juden der Stab gebrochen. weil einige Juden sich bereichert haben, werden alle beschuldigt, durch ihr Verfahren die Arier aufgeregt zu haben. Aber Herr Dr. Roieaaer, der seinem Vater nicht äkmlick zu sein scheint, begnügt sich nicht mit Konstatierung eines, wie er meint, richtigen' Zustandes, sondern er droht mit Pogromen in Deutschland. Das ist wahrhaftig nicht die Art, Kultur zu beweisen: solche verbrecherische Drobunaen. die übrigens auch geeignet sind, deutsches Wesen im Ausland m diskreditieren, beweisen einen bedauerlichen Tiefstand der Kultur. # Daß derartige Aeußerunaen wie des ..-Heimgarten" schlimme Wirkungen haben, geht aus folgender Meldung des ..Wiener Fremldenblatt.es" vom 18. Juli hervor: Eine Interpellation der jüdischen Abgeordneten. Die Abgeordneten Reizes und Genoffen haben gestern an den Ministerpräsidenten wegen der Vorgänge in den letzten Wiener Versammlungen folgende Anfrage gerichtet: „In den letzten Tagen wurden in Wien und in vielen anderen Städten Versammlungen gegen die vielfach ausgestreuten an ti dynastischen Gerüchte abgehalten. Die Einberufer und die Redner in diesen Versammlungen haben aber unter dem patriotischen Deckmantel gegen jüdische