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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-08-02 · Heft 31 (2.8.1918) · p. Seite 363

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 31 (2.8.1918)
Date
1918-08-02
Page
Seite 363 (sequence 3)
Language
German
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363 während unsere Jugend neben der christlichen auf der Schulbank sitzt und am öffentlichen UiMrricht, den christliche Lehrer, oft Theologen und (z. B. in Oesterreich) geweihte Ordensleute erteilen,, außer an 'der Religionsstunde, teilnimwt, soll das katholische Kind die nichtkatholische und Simultanschule meiden. Religionsgespräch mit Evangelischen ist Katholiken verboten. — In einen Gegensatz zu unserem neutralen (bester: paritätischen) Staat tritt der Kodex, der freilich niemanden zum Katholizismus gezwungen sehen will, dadurch, daß er dem Pfarrer auch die Nichtkatholiken des Sprengels „im Herrn empfiehlt," d. h. zum Bekehrungsversuche, und im Eherecht, das. nach Stutzens Hoffnung, durch deutsche Bischöfe Milderung erfahren wird. Er erlaubt zwar die Ziviltrauung, insofern aus ihr nur bürgerliche Wirkung folgt, und ermahnt den Priester, von einer Heimt abzuraten, bevor das Paar landesgesetzlich ehemündig geworden sei, während er selbst den Bräutigam schon zu 16. die Btaut nt 14 Jahren als heiratsreif erklärt. — Die Mischehe soll möglichst verhindert, der TvauUngsseier teilweise beraubt und dann verboten werden, wenn Gefahr besteht, daß der katholische Teil des Brautpaars oder die Nachkommenschaft unkatholisch werde. Jener hat die Pflicht, die nichtkatholische Ehehälfte zu bekehren, und darf Trennung von Tisch, Bett und Wohnung fordern, falls diese abweicht vom Versprechen der katholischen Erziehung sämtlicher Kinder. Der Priester 'darf ein Kind, wenn es in Todesgefahr schwebt, auch den Eltern zum Trotz taufen, sonst nur unter Zustimmung eines Teiles der Vormünder. Praktisch am weitesten und moralisch am tiefsten wirkt zum Unterschiede von jüdischer Anschauung das katholische Sakrament der Buße. Während der Jude seinem Gotte unmittelbar und ihm allein die Sünde bekennt und nur durch möglichste Gutmachuna des Verfehlten bei. rein innerlicher Bereuung und nur freiwilligem Almosen Vergebung erhofft, beichtet der Katholik dem Priester, der damit unermeßliche Macht über die Seelen erwirbt, und empfängt von ihm neben der Zerknirschung des Herzens eine Buße auferleat. die, selbst wenn sie nicht in materiellen Leistungen an die Kirche besteht, doch in Mengen, etwa der Gebete oder Enthaltsamkeiten, abgewogen wird. Die von diesem nack der Erfülluna erteilte Absolution bedeutet der Seele des Sterbenden ewige Rettung: ein richtender Mensch aus dem Klerus übt also Gewalt auch übers Jenseits einer anderen Seele, er vermittelt zwischen dieser und Gott. Jwdem wir Juden von 'diesem Katholizismus uns weit entfernen. vergessen wir doch nie, daß gerade seine uns Heutigen fremdesten Züge dem Glauben unserer Väter ähneln, ja ihm nachgebikdet sind, nämlich einmal die Unterordnung der Menschenvernunst unter eine Offenbarung, eine Heilige Schrift, d>e das Wort Gottes selbst (und nicht, wie etwa eine tiefe Moral oder eine geniale Dichtung eines Menschen, nur ein Wehen göttlichen Geistes) darstellt, und sodann die Ueberzeugung. der Mensch trete in Beziehung znm Ueberivdischen nur durch 'besondere Handlungen und Mitwirker, die in jener Schrift und der kirchlichen Ueberlieferung bestimmt seien. Die Himmelsmacht des Israeliten scheint uns durch den Katholizismus freilich vermenschlicht: aber erst so ward die Bilderfreude des lateinischen Mittelalters möglich, die Mittler der heutigen bildenden Kunst, die auch wir Juden aenießen. Diese diene hier nur als Beispiel für die geistigen Werte, die der Katholizismus weithin in der Menschheit verbreitete und ganz befon- -ders unserem Vaterlande bescheren mußte, bevor es den jüdischen Einwanderern zur geliebten Heimat werden konnte. Als hier nämlich bäurische Barbaren Wodan anbeteten, brachte er als Bekehrer auch das Me Testament mit, samt manchem Stücke jüdischer Ethik, wie der Nächstenliebe. dem Schutze für Schwache und Fremde, der Gleichheit der Menschenfoelen vor Gott und der Hochachtung vor geistiger Größe. Der Katholizismus erst führte 'bei den Germanen Teile griechisch-römischer Bildung ein und lehrte, als Vermächtnisnehmer des Römerreiches, vom Staate sowohl die erste abstrakte Idee wie eine Menge einzelner Verwaltungstechniken. Noch heute wirkt er auf unser Volk als sittigende Macht unendlich weit und tief. Mag man in der Zukunft für ethische Kultur und weltlichen Moralunterricht Erfolg erhoffen: in der Gegenwart vermögen Staat und Gesellschaft auch bester Form die untere Maste weder iu Not und Leid, zu trösten noch deren Triebe zu zügeln. Denn fie helfen höchstens materiell und hindern regelmäßig nur das Verbrechen, zumeist nur das offenkundige, aber nicht besten Grundlage, die böse Gesinnung. Die religiöse Jenseitshoffnung und das Zittern vor der überirdischen Macht, die ins. Herz sieht, wie beides der katholische Beichtstuhl unvergleichlich stark zu erregen weiß, gewähren der bürgerlichen Ordnung eine einstweilen noch unentbehrliche Stütze. Trotz solcher gebührenden Wertschätzung des Katholizismus gestehe ich, aus dessen jetzigem Gesetzbuch, soweit ich es aus Stutz kenne, kein erhebendes religiöses Gefühl oder tiefes Durchschauen des Menschenlebens als uns neu dem Judentum empfehlen zu können. Es mag höchstens als Beispiel dienen für eine übersichtliche Feststellung kirchlichen Rechtsbrauches und für das entschlossene Fallenlassen einiger veralteten Ueberlieferungen, die trotz ihres Altertumswertes das Leben der Religion nur behindern. Mr Woche. Berlin, den 30. Juli 1918. er allgemeine Eindruck der großenfranzösischen Offensive, die nun zum Stillstände gekommen ist oder ihr wirkliches Ende erreicht hat, ist der, daß sie, obgleich sie uns empfindliche Verluste an Menschen und Material zugefügt hat. ihr Ziel nicht erreicht hat. Der beabsichtigte Durchbruch ist nicht erfolgt. So ist zu hoffen, daß unsere Feinde, die weit größeren Schaden erlitten haben als wir, bald am Ende ihrer Anstrengungen sein weiden: ein Ziel, am Schluß des vierten Kriegsjahres aufs innigste zu wünschen. Von Taten der Engländer ist es lange still gewesen, um so lauter klingen ihre Worte. Glücklicherweise entscheidet man mit diesen keinen Krieg. Diese Worte erschallen prahlerisch genug. Ihre Sprecher wagen es immer noch, nach allem Erbärmlichen, das sie verübt, (ich als Träaer der Kultur zu bezeichnen, während sie die Deutschen als Vertreter der Unkultur verdammen. Sie wollen der Welt, namentlich den Neutralen, einreden, daß nur auf ihrer Seste das Recht wäre; sie versuchen es immer wieder, unser Beginnen als das schnödeste Unrecht zu bezeichnen, unsere Friedensangebote als heuchlerisch oder als unannehmbar, unsere Forderungen als unberechtigt zu erklären. Bei dieser Stimmung der Gegner bleibt nichts übrig, als die Waffen walten zu lassen und unsere unbelehrbaren Feinde durch die Gewalt des Schwertes zu bezwingen. Möchte nur bald dieser Zeitpunkt eintreten, damit die Welt endlich wieder ihren großen wirklichen Kulturaufgaben wicdergegeben werden könne! * Zu solcher Kulturarbeit nötig ist die Stärkung und Reinhaltung der Jugend. Darum begrüßen wir mit Freude folgenden Aufruf des „Jüdischen Frauenbundes" und geben ihn, um auch unsererseits zu seiner Verbrestung beizutragen, an dieser Stelle wieder. Der Ausruf lautet: An die jüdische deutsche Jugend! Gedenket der Zehngebote, der unzerstörbaren Grundlage aller menschlichen Gesittung, die das Judentum mit seiner Bibel der Menschheit gebracht hat!

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