Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1918)
- Date
- 1918-07-26
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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Berlin, 26. Juli 191 82. Jahrgang Nr. 30 '♦ Vellage zur „Allgemeinen Teilung drK IudrntumK". lkorrelpandenzm und Sachrichtrn. SkutschisnL. Berlin, 23. Juli. Unter dem Titel „Der Kriegsdienst d e r Pazi fiste n" beschreibt Heinrich Dork-Steiner im „Pester Lloyd" in anregender Weise die überaus wertvollen Kriegsdienste, welche das Internationale Friedensbureau in Bern in einer eigenen Abteilung für Kriegsopferhilfe leistet. Ein Raum von etwa zwölf Quadratmeter eröffnet eine Perspektive auf Schlachtfelder, Gefangenenlager, Lazarette, Jnternierungsplätze und Kirchhöfe, Vurz auf alle Schauplätze, Kulissen und Versenkungen des Kriegstheaters. Eine Depesche fliegt zur Tür hinein: „Croix Rouge, Paris". „Ein Flugzeug über L. abgeschossen; Unteroffizier Kurt N. schwerverletzt aufgefuniden, nach zwei Stunden gestorben, ehrenvoll begraben worden." Das Fräulein mit dem Dosster „N." wird durch einen Tasterdruck herbeigerufen, wortlos geht das Matt von Hand zu Hand, der Name wird verglichen, einige Zeit später eilt der Bote zum Telegrapheiramt, und noch am selben Tage zuckt im fernen Sachsenlande ein verarmtes Mutterherz in unheilbarem Leid. Eine ziemlich rege Korrespondenz zielt nach Palästina, das nun den „Judäischen Krieg" neu erlebt. Aus London kam eine Anfrage über eine Familie in Tellaviv, der neuen jüdischen Villenkolonie von Jaffa. Konstantinovel bedauert, die Frage nicht erledigen zu können, weil Jaffa von den Türken geräumt sei: in Bern gibt man sich nicht zufrieden, man fragt in Alexandrien an, worauf der englische Militärgouverneur bis in die letzten Einzelheiten Auskunft gibt: „Die ganze Familie ist wohl, eine Tochter unterrichtet in Jerusalem, der Vater arbeitet im jüdischen Hilfskomitee." In alle Welt gehen Briefe aus Palästina, wo Hilfe sehr nottut, und vielfach antwortet ein geldbeladenes Echo. Ganze Listen sendet die Filiale Jerusalem der Zionistischen Bank an das Bureau. Listen von Unterstützten, die für einige Zeit der Not entronnen sind, und Namen von solchen, die man nicht mehr auffinden kann. Eine Devesche aus Berlin fragt, ob Herr N. und Frau N. Cohn noch am Leben sind. Nach einigen Tagen kommt die Antwort aus Jerusalem: „Both Cohns well" (beide Cohns gesund), unterschrieben „The military govemor". Manchmal möchte die Geduld des vielerprobten Bureaulerters versagen. — Aus Frankfurt a. M. meldet eine Depesche den Tod eines Israeliten. für den in Jerusalem das tägliche Totengebet verrichtet werden soll: das Kcvddisch. Das ist nun etwas ganz Merikwürdmes mit diesem Kaddisch, das gar kein Totengebet ist. sondern eine Lobvreisung Gottes, eine Hvmne an den einigen und einzigen Schöpfer der Welt. Aber sie ist gesättigt mit dem Todesschweisi von Tausenden, und ihre rührende Wirkung auiaebaut durch die Seufzer von Generationen. Friedhof und düsterer Totenkult haben ia das merkwürdige Judenvolk durch die Jahrtausende zusammengehalten, und sein ' Lebensnerv reicht immer wieder nach den Totenfeldern jenseits des Tales von Hinom und den Resten des Solomonischen Tempels. Das Totenaebet soll vom Sohne gesagt werden, der mag wohl kehlen oder im Kriege lein, und nun soll ein „Frommer" im lernen Palästina zweimal täglich dielen Gottesdienst übernehmen. Ein ähnliches Gutachten veranlaßt das Bureau, der Sacke näherzutreten. Außerdem ist diese Art der Selbst- Vertretung beim lieben Gott eine Nahrungsquelle für arme alte Männer in Jerusalem. Das wird vielleicht den englischen Kommandanten milde stimmen: kurz, das Bureau depeschiert und das englische Militärkommando bestätigt die Ausführung des Auftrages. Anerkennung verschiedener Art ist geeignet, den Eifer in diesem Bureau anzuspornen. Herr Byk erhielt unter anderem das k. u. k. Ehrenzeichen vom Roten Kreuz zweiter Klasie, und vom päpstlichen Hof kam ein Dankbrief voll herzlicher Worte und in einer Sprache, die ein Monument des Danteschen Idioms darstellt. L2 Berlin, 23. Juli. Am Sonntag, den 30. Juni d. I., fand in Berlin die Tagung der im Kartellconvent (K. C.) vereinigten jüdischen farbentragenden Studentenverbindungen. an Deutschlands Hochschulen statt. Aus dem Geschäftsbericht, den der Vorsitzende des geschäftsführenden Ausschusses, Dr. Mainzer (Frankfurt a. M.), gab. sei hervorgehoben, daß der Verband während des Krieges einen besonders großen Auffchwung genommen und insbesondere im letzten Jahre ganz -ungewöhnlich an Mitgliederzahl zugenommen hat. Freilich stehen die -allermeisten der Bundesbrüder unter den Waffen und . 84 von ihnen sind den Heldentod gestorben. Neu ausgenommen wurden in den Verband die im. Kriege gegründete Verbindung „Nassovi a" zu Frankfurt et. M mtb der Altherrenverband „Badenia" (Karlsruhe). Es referierten sodann Rechtsanwalt Erich B oeh m (Berlin) über „Die Judenfrage im Kriege", Dr. Felix Gold mann (Leipzig) über „Die Stellung des K. C. zu den studentischen Korporationen" und Sanitätsrat Dr. Goldschmidt (Berlin) über „Entwicklung des Zioni smus und Stellung des K. C. zum Zionismus". An alle Referate schloffen sich lebhafte Diskussionen, aus denen sich die Richtlinien für die künftige Stellung des Verbandes ergaben. Unt den Vorsitzenden für seine hingebungsvolle Tätigkeit zu ehren, stiftete das Verbandsmitglied Josef M o l l i n g eine Summe von 3000 Mark als Grundstock einer Dr.-M'arx-Mainz er -Stiftung. Die von allen Verbindungen beschickte, stark besuchte Tagung wurde dem Charakter der Zeit entsprechend im engsten Kreise durch interne gemütliche Zusammenkünfte eingeleitet und beschloffen. — Berlin, 23. Juli. Vor -kurzem fand hier eine Sitzung von Vertretern der National-jüdischen Juaendorganisationen in Deutschland statt. Es waren ungefähr 100 Vereine mit zusammen etwa 6000 Mitgliedern durch 60 Delegierte vertreten. Beschlossen wurde die Gründung.eines Gesamtausschuffes der National-jüdischen Jugend Deutschlands, dem vornehmlich die Vertretung der national-jüdischen Jugend nach außen und die Förderung ihrer Erziehunasausaaben obliegen wird. Seine Hauptausaabe aber wird er in der Vorbereitung des in derselben Sitzung beschlossenen National-jüdischen Jugendtages sehen, der nicht nur Vertreter der Organisationen, sondern die Jugend selbst in Berlin vereinigensoll. Neben der Tagung der Delegierten, die in Anwesenheit geladener Gäste stattfinden wird, sind Versammlungen. Sportfeste und Zusammenkünfte im Freien mi<t Wettspielen, Wettsingen und Fahrten in die Umgegend von Berlin in Aussicht genommen. Der National-jüdische Juaendtaa, der in der Zeit vom 6. bis 8. Oktober stattfinden soll, wird der national-jüdischen Jugend die längst erwünschte Möglichkeit geben, im Persönlichen Zusammensein die stark emvkundene Gemeinschaft zu bekrnstiaen. die durch gleiches Wollen geschaffen wurde. Darüber hinaus wird die gesamte iüdische Jugend mit Interesse an Veranstaltungen teilnebmen. durch die ibr eine Kenntnis der nationalen Bestrebungen vermittelt und ein Einblick in das Leben einer Jugend ermöglicht wird, die eine gesunde KörpeEchkeit und Naturfreude mit leidenschaftlicher Anteilnahme an allem Jüdischen zu vereinigen weiß. tül ßufcUnik, 19. Juff. Das vierziaiäbrige Amtsiubiläum des Rabbiners der biesiaen Svnaaomnaemeinde. Herrn Dr. Simon Fried mann, wurde am 4. d. M. in schöner Weise — gegen die Erwartung und zur Ueberraschung des Jubilars in dieser ernsten Zeit — gefeiert. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend erschienen zahlreiche Gratulanten aus der Gemeinde und der Stadt mit mehr oder weniger Aufmerksamkeiten und Beweisen ihrer Verehrung in der Wohnung des Jubilars, denen sich Telegramme und Zuschriften in großer Zahl aus nah und fern anfchloflen. Am Vormittag kamen die Vorstände der Shnagogengemeinde, der „Chewra", des Frauen- und Jungfrauenvereins nebst der Schuljugend, die alle dem Jubilar für seine treuen Dienste und Leistungen während seiner Amtszeit in herzlicher Weise dankten. Und allen erwiderte der Jubilar in seiner beredten Art. Auch die Geistlichen der beiden anderen Konfessionen, und der Landrat brachten ihre Glückwünsche dar. denen der Jubilar froh bewegt dankte und die Hoffnung aussprach, auch weiterhin in möglichster Harmonie und Eintracht in Stadt und Kreis wirken zu können. Ferner wurde der Jubilar von vielen seiner früheren Schüler und Schülerinnen, vom Deutschen Rabbinerverband, vom Oberschlestschen Rabbinerverband, vom Oberschlesischen Gemeindebund, vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebund it. a. erfreut. So konnte.der Jubilar, wie seine Gemeinde mit ihm, recht befriedigt über den Verlauf des schönen Tages und der seltenen Feier sein.