Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-07-26 · Heft 30 (26.7.1918) · p. Seite 360

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 30 (26.7.1918)
Date
1918-07-26
Page
Seite 360 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3229339-3229369--74187-3286667
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

360 Tafel saß, blieb er sich der Pflicht bewußt^ viel zu essen und wenig zu sprechen; sobald aber sein Magen ihm klargemacht, daß er dieser Pflicht vollauf genügt hatte, da erinnerte er sich gern auch der zweiten Eigenschaft, die dem Munde zugeteilt war, und er fing an zu reden. Alice bemerkte, daß er sich seine roten, großen Hände mit der Serviette säuberte und sie schauerte innerlich zusammen. „Hatte Sie aus dem Ball bei Lazarus schmerzlich vermißt. War sehr enttäuscht, da Ihnen den ersten Walzer reserviert." „Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, aber es war mir nicht möglich, der Einladung zu folgen. Wen haben Sie statt meiner beglückt?" „Eine Persönlichkeit, die Sie sehr gut kennen." Und als sie ihn fragend anblickte, fügte er mit einem faden Lächeln hinzu: „Mch selbst! Alle haben sich ja die größte Mühe gegeben, mir irgendein Mauerblümchen aufzuhalsen. Mer meiner Mutter ältester Sohn, Adolph Burger, läßt sich nicht so leicht einfangen. Uebrigens ist es ein großer Uebelstand, daß man bei jeder Abfütterung noch so ein Gänschen mit in den- Kauf nehmen muß, das einem mit ihrem Plappermäulchen das Efsen verleidet. Sie, Fräulein Alice, »rachen natürlich eine Ausnahme. Sie sprechen gar nicht." Alice verstand de» leisen Vorwurf, aber sie antwortete nicht. Sie hatte gerade einen Blick von Klaßner aufgesangen. oder aufgesangen zu haben geglaubt, und sie lächelte wehmütig. Klaßner lächelte ebenfalls, aber es war so gleichgültig und nichtssagend, daß ihr das Herz noch schwerer wurde. Nachdem die Herren eine Stunde im Rauchzimmer verweilt hatten, verkündete Frau Mahlow, daß der berühmte Dichter Herr Arthur Klaßner etwas vortragen werde. Die Ankündigung wurde mit zweifelhafter Begeisterung ausgenommen, was Klaßner nicht entging. Mit einem leisen Achselzucken und einem entschuldigenden Blick für Ellen schritt er durch das Gedränge und stellte sich neben den großen Spiegel. Langsam und unbefangen entfaltete er die Blätter des Manuskriptes, während er seine Blicke ruhig über die Menge schweifen ließ. Dann begann er zu lesen, mit einer verschleierten, undeutlichen und eintönigen Stimme, durch die er schon von vornherein die Zuhörer gegen sich hatte. Einige Minuten hörte die Gesellschaft geduldig zu. als aber der Inhalt und die Tendenz, der Vorlesung llar wurde, gerade da, wo trotz der Unzulänglichkeit der Stimmittel des Vortragenden das Interesse hätte rege werden müssen — er sprach von den Leiden und Qualen der ärmeren Stammesgenossen, von der Gleichgültigkeit und Sorglosigkeit der Reichen, die nur dem Wohlleben und den Freuden des Tages sich hingeben, die durch ein armseliges Almosen das auklagonde Gewissen zu betäuben suchen, von der schweren Sünde der Gebildeten, die anstatt den Schutz- und Wehrlosen beizustehen, feig und ehrvergessen die Flucht ins feindliche Lager ergreifen, die nur nach Orden und Auszeichnung gieren, anstatt ihre Intelligenz, ihr Können und Wissen dem Dienste der Rasse zu weihen —, gerade da machte sich eine unruhige Bewegung bemerkbar. Die korpulente Dame, die Julius als Tischnachbarin hatte, vermochte ein leises Gähnen nicht zu unterdrücken, und da sie Klaßner gegenüber saß, erhielt er den Ausdruck ihrer Langwelle voll ins Gesicht. Bald entstand auch hier und da ein leises Flüstern, und auf dem Sofa, wo ein junges Ehepärchen sich allerlei süße Geheimnisse mitzuteilen hatte, hörte man hinter dem vorgehaltenen Fächer sogar ein deutliches Kichern. Die Tür zum Nebenraum war schon öfter aufgeklinkt worden, durch die irgendeiner leise hinausschlich. Klaßner schien es nicht zu merken; er las weiter, fortgerrssen von seinen eigenen Gedanken, wie ein guter Schauspieler, der sich in seine Rolle so hineinlebt, daß er auf der Bühne mehr für sich selbst, als für das Publikum spielt. Mit dem Aufgebot seiner ganzen Geisteskraft hatte er an diesem Werk gearbeitet; es sollte ein Meisterwerk, ein Weckruf für den schlummernden jüdischen -Äerst werden: die Unerfahrenen zu leiten, die Unwissenden zu belehren, ihnen zu helfen mit Reichtum und Wissen. Und hier bei dieser Gesellschaft war ja beides im Ueberfluß vorhanden: Wohlstand und Intelligenz. Doch bald wurde es ihm klar, daß er trotz der Fülle der Anwesenden nur ein« geringe Zuhörerschaft und noch viel weniger verständnisvolle vor sich hattet daß das Flüstern und Summen nicht der Widerhall seiner eigenen Empfindungen bedeute, sondern der beleidigende Ausdruck einer müßigen, gelangweilten Gesellschaft. (Fortsetzung folgt.) Lprechlssl. Verfügung des Kriegsernährmngsamts Wer den Verkauf von Koschersleisch. Berlin, 19. Juli. Die Höchstprersverordnung hinsichtlich des Fleischverkaufs hat für -den Koscherfleischbetrieb schwer empfundene Wirkungen hervorgerufen. Das Recht zur Deckung öer Kafchrußkosten (Anstellung von Schächtern. Maschgichim, technische - Besonderheiten usw.) 'durch Preiserhöhung für Koschersleisch wie seither wurde aus Grund der Höchstpreisverordnung von den Behörden bestritten. Das Oberlandesgericht Dresden hat in einer Revisionsverhandlung vom 10. April 1918 die Entscheidung -des Landgerichts Leipzig bestätigt, das zwei Fleischermeister zur Zahlung von 4800 Mark bzw. 2500 Mart wegen Uebertretung der Höchstpreisverordnung durch Aufschlag der Kaschrußkosten aus den Fleischhöchstpreis verurteilt hatte. Das Oberlandesgericht hat zur Begründung feiner grundsätzlichen Entscheidung folgendes ausgesührt: „Die mit der rituellen Behandlung des Fleisches als „koscheres Fleisch" verbundenen Unkosten seien als allgemeine Handlungsunkosteu aufzusassen. Die rituelle Fleischbehandlung sei nicht als eine Nebenleistung anzusehen, die besondere Vergütung rechtfertige. Auch die jüdischen Schlächter unterständen dem Höchstpreisgesetz und es sei deren Sache, eine Abänderung der bestehenden Vorschriften bei den Zuständigen Behörden zu beantragen." Nunmehr hat der Staats se kr etär des Kriegsernährungsamtes in einer Verfügung — A. II 6130 vom 16. Juli 1918 — an die Bundesregierungen sein grundsätzliches Einverständnis zur Erteilung 'der Genehmigung an die Synagogengemeinden ausgesprochen, die Lieferung von Koscherfleisch und -fleischwaren in den ihrer Aufsicht unterstehenden Fleischerhandlungen an die Abgabe von besonderen Bezug smarten zu binden. Der Staatssekretär empfiehlt folgendes Vorgehen: „Die Synagogengemeinden werden ermächtigt, an die Bezieher von Koschersleisch gegen Entgelt Bezugsmarken in Höhe der Fleischmenge zu geben, die der Verbraucher jeweils beziehen darf. Der Gegenwert für diese Bezugsmarken entspricht den anteiligen Kosten der Koscherfleischbeschaffung. Diese Bezugsmarken werden vom Verbraucher zusammen mit seinen Fleischmarken au den Schlächterabgegeben, der gehalten ist, nur geKn die gleichzeitige Abgabe vou Fleisch- und Bezugsmarken Koscherfleisch zu verabfolgen und die Bezugsmarken der Verwaltungsstelle der Synagogengemeinde wieder Zurückzugeben." Die Synagogengemeinden, die von der in dieser Verfügung erteilten Ermächtigung Gebrauch machen wollen, haben sich demnach mit den Kommunalverbänden bziw. Magistraten über das einzuschlagende Verfahren zu verständigen. * Quittung. Für die galizischen Juden (vgl. Leitartikel in Nr. 27) 1000 Mark, Sammlung in Fürth, angeregt durch Frau Rosalie Bergmann, gesammelt durch Herrn Professor Feilchenseld, Herrn Joses Felsenstein, Herrn Gottlieb Holzinger. Stern u. Loewenstem, Bocholt.Mark 20,— Beruh. Schloß, Nürnberg. „ 20,— B. Bischheim, Frankfurt.. . . „ 20,— Frau Neuhoff, Wilmersdorf. „ 20,— Cäsar Alexander, Berlin. „ 10,— Frau Marie Schuster, Frankfurt. „ 8,— Um weitere Beiträge bittet Die Redaktion.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.