Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1918)
- Date
- 1918-07-26
- Page
- Seite 354 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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354 widmete er sich eifrig der Schriststellerei. der - lemer Schulzeit als gelegentlicher Mitar^ ar schon während ovMlegen hatte. Er schrieb Pol^' weiter an Witzblättern risches; viele der von ihm ert" .risches, Humoristisch-Sati- Aussehen, am meisten de'- ^ndenen Typen machten großes "das immetcM v jo kose Börsenbesuch er Jtzig Kneim rA»Wt^'r -Jie Borbild aller nach ihm erschienenen persomichke^ Typen". Bei der Vorführung dieser Oroßnu- deren Gestaltung er sich bei seiner orthodoxen ,e utter Bereicherung seines jüdischen Sprachschatzes holte, p et e§ an Sticheleien gegen die Juden nicht fehlen, aber er vmleugnete sein Judentum nicht, trat vielmehr aufs lebhafteste gegen den Antisemitismus auf, wovon unten noch ausführlicher zu sprechen ist. Auch manche lyrische Gedichte verfaßte und veröffentlichte er, bevor er seine „Spaziergänge" begann, denen er seine Weltberühmtheit verdankt. Der erste dieser Spaziergänge erschien am 25. Juli 1864, der letzte am 3. April 1892. Sie wurden am Sonntage, wenn auch nicht ganz regelmäßig, zuerst im Lokal-Anzeiger der „Presie", dann in deren Hauptblatt, vom Oktober 1871 in der „Deutschen Zeitung", vom November 1873 in der „Neuen Freien Presse" veröffentlicht. Seine Stellung bei der Handelskammer gab er auf, sobald er durch seine glänzend bezahlten journalistischen Arbeiten, ferner durch zwei Novellen und endlich durch die in. Buchform erschienenen in vielen Auflagen verbreiteten Artikel mehr Geld erwarb, als er bei seiner großen Einfachheit trotz jährlich unternommener großer Reisen brauchte. Der Traum seines Lebens war, von den Zinsen seines kleinen selbsterworbenen Kapitals zu leben; er war nahe daran, diesen Traum zu verwirklichen, als er im Februar 1891 am Gesichtskrebs erkrankte; am 11. Januar 1892 erlag er nach qualvollem Leiden dieser Krankheit. Die „Wiener Spaziergänge", denen der Schriftsteller seinen Weltruf verdankt^), waren zuerst harmlose Chroniken der Ereignisse der Woche. Sie erweiterten sich allmählich zu einer Beurteilung der politischen, literarischen und künstlerischen Vorgänge. Spitzer gab sich mit dieser seiner Lebensarbeit, kleinen Aufsätzen, deren wenige mehr als sechs Druckseiten einnehmen, die unsäglichste Muhe. Er sammelte die ganze Woche, schrieb langsam mit außerordentlicher Sorgfalt, verbesserte unendlich viel, so daß seine Manuskripte trotz seiner zwar kleinen zierlichen und an sich deutlichen Schrift durch diese zahlreichen Verbesserungen, Zusätze und Striche fast unlesbar aussehen. Diese ehemals harmlosen Chroniken wurden mit der Zeit zu blutigen Satiren gegen Schauspieler und Künstler, gegen Theaterdirektoren und literarische Streber, gegen kleine Geister und gefeierte Schriftsteller, gegen Musiker, vor allem gegen Wagner, gegen politische und religiöse Zustände und Persönlichkeiten, Spitzer war ein liberaler Mann, der konservative Gelüste, wo er sie nur antraf, schonungslos angriff, ein guter Oesterreicher, der die Dezentralisierung seines Geburtslandes aufs bitterste verfolgte, ein toleranter Denker, der die «religiöse Unduldsamkeit verfolgte, die klerikalen Uebergrisse geißelte, die Institution des Papsttums und das ganze Treiben der Päpste und der hohen Geistlichen aufs grimmigste bloßstellte. In seiner eigenen Anspruchslosigkeit und Einfachheit hatte er keinen Respekt vor dem Reichtum und erwarb sich die größten Verdienste 2) Von D. Spitzer sagt Lindau in seinen „Erinnerungen": „Er hat . auf dem Gebiete der persönlichen Satire das Größte geleistet, was unsere neue Literatur auszuweisen hat", und fügt hinzu: „Es wäre bitter zu beklagen, wenn auch seine Schriften von dem grausamen Schicksal der Vergänglichkeit betroffen würden!" Wenn ein Kritiker des Lin- , bauschen Buches (Frankfurter Nachrichten 29. August 1917) dagegen bc- . merkt, „daß dieses Schicksal längst eingetreten sei und daß kein Mensch uiit deni Schneckentempo des Wiener Spaziergängers noch Schritt halte", so irrt er sich. Gegen solche Verwerfung ist die große Zahl der Auflagen der Spitzerschen Feuilletons, auch die neueste von 1912, der deutlichste Beweis. dadurch, daß et, der den großen Krach des Jahres 1873 fck'on jahrelang vorausgesagt hatte, die Gründer und Schwi'adler als grimmigste Feinde verfolgte. Dies alles tat. er msä rücksichtsloser Offenheit, mit bewundernswertem Mut. >mit glänzendem Witz. Noch heute, obgleich hie Verhältniffe,, von denen er spricht, , die Ereignisse, die er andeutet, die Persönlichkeiten, die er charakterisiert, meist der Vergessenheit unheimgefallen sind, liest man diese fein geschliffenen, mit größter Kunst geschriebenen Auffätze mit reinem Entzücken und. begleitet diese witzigen Ausführungen. mit stillem Schmunzeln oder quittiert die sprühenden Mitzfunken mit herzlichem Lachen. Aber dieser, geistreiche Beurteiler war kein bloßer Witzbold oder Spaßmacher, Er konnte vielmehr zürnen, grollen, donnern «egen Schandbuben aller Art. Dieser unentwegte Kämpfet, von dem man mit Recht gesagt hat, daß ihm nichts heilig war als die Wahrheit, hatte den größten Respekt vordem wirklich Großen. Der Mann, der nur der Arbeit lebte, der nur dachte, las und. schrieb, der sich geringe Zerstreuung und wenig Vergnügen gönnte — er blieb ehelos und lebte meist ganz allein —, flüchtete gern aus der kleinen Gegenwart in die große Vergangenheit. Auf Reisen führte er als einziges Buch .Goethes Gedichte mit sich. Er schrieb einmal den Satz nieder, den man als Motto seiner geistigen Auffassung gelten lassen kann: „Wie erhaben, wenn man den Lorbeer nach 2000 Jahren neue Blüten treiben sieht. Glücklich ein Volk, das solche Dichter- Hat. Wie groß erscheint es der Nachwelt." Wie vor den Größen der Literatur hatte er auch vor den 'Meistern der Kunst höchsten Respekt; namentlich die Art, wie er Mozart rühmt, ist ungemein sympathisch. Sie erinner, einigermaßen an den Enthusiasmus, mit dem Börne sich über jenen Tonkünstlet geäußert hatte, wie denn überhaupt eilte gewisse Geistesverwandschaft zwischen beiden humoristischsatirischen Schriftstellern existiert. Auch unter den Zeitgenossen gibt es viele, von denen er mit Verehrung spricht: die großen Künstler und Künstlerinnen: Makart, die Wolter, die Schauspieler Merxner und Baumeister, während er Sonnenthal bei aller Anerkennung kleine Stiche versetzt. Ein wie guter Oesterreicher er war, so erkennt er doch die österreichische» Staatsmänner wenig an, auch von dem Kaiser von Oesterteich spricht er selten, dagegen widmet er dem greisen deutschen Kaiser volle Sympathie und dem Reichskanzler Bismarck eine besondere Verehrung. Eine Stelle, die er bei Gelegenheit von Lßnbachs Bismarck - Porträt niederschrieb, verdient eine Hervorhebung; „Aber wie großartig ist dieses mattblaue Auge, das den Beschauer des Bildes überallhin verfolgt! Es verrät nicht nur die ganze Kraft dieses Staatsmannes, sondern auch das große Vertrauen in dieselbe. Wer mit solcher Sicherheit ausblickt, hat zu Großes erlebt, um noch überrascht zu werden, zu viel Siege errungen, um vor Hindernissen zurückzuschrecken. Selbst der Verlust der Macht würde ihn nicht kümmern, denn er hätte noch immer eine Reservemacht: den Geist. Die Strenge des Blickes hat zudem etwas Beruhigendes, denn der wohlwollende Ausdruck in dem Gesicht der Großen und Mächtigen sagt oft nur, daß sie die Menschen zu gering achten, um nicht Nachsicht mit ihren Fehlern zu haben." Es wäre eine dankbare Aufgabe, Witzworte aus Spitzer-: satirischen Bänden zu sammeln, und doch wäre eine derartige Zusammenstellung, wie sie z. B. Kalbeck in der Einleitung z» den letzten „Spaziergängen" gegeben hat, weder geeignet noeli ausreichend, um das Wesen des merkwürdigen Schriftsteller: zu zeichnen. Nur ein köstliches Wort über Bismarck sei herau:- gegrisfen; „Dieser Staatsmann mischt sich prinzipiell nicht >" fremde Verhältnisse, sondern läßt alle machen, was er will". Oder folgende Wendung, die für die Art seinps Humors besonders kennzeichnend ist: „So wurde in mir, während noch die Poesie in ihrem mächtigen Strahle aufrauschte, der