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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-07-26 · Heft 30 (26.7.1918) · p. Seite 353

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 30 (26.7.1918)
Date
1918-07-26
Page
Seite 353 (sequence 5)
Language
German
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Herstellung von Uniformen rückgängig zu machen und mit diesen oder anderen Lieferanten neue Abschlüsse betreffs weiterer Herstellung zu machen. Aus anderen uns vorgelegten Schriftstücken geht hervor, daß derselbe jüdische Geschäftsinhaber bei Errichtung von Nykands Dragonerregiment mit Eifer und Erfolg — unter persönlicher Gefahr — Kleider, Waffen und andere Ausrüstungsstücke beschafft hat, weshalb er von dem Regimentskommandeur aufs beste und mit Dankbarkeit empfohlen wird. Aus einem anderen Schriftstück geht hervor, daß derselbe jüdische Geschäftsinhaber im Februar und Atärz 1918 aus Schweden. eine größere Anzahl Bekleidungsstücke für das finnische Heer verschafft und laut Gutachten von Sachverständigen die Lieferung zur Zufriedenheit ausgeführt har. Das betreffende Schriftstück ist ausgestellt unterm 31. Mai 1918 von der Handelsabteilung der finnischen Gesandtschaft in Stockholm. Man hat bisher nichts davon vernommen, daß der Bekleidungsarbeitgeberverband auch in Fragen der Pflichten gegen das befreite Vaterland einen Unterschied konstruieren rnöchte zwischen Juden und „Einheimischen". Geradezu köstlich ist es, wie hier der reine Geschäftsneid mit dem Mäntelchen eines angeblichen Patriotismus bedeckt werden soll. In Deutschland mutet dergleichen nicht weiter neu an. Im Hinblick auf Finnland kann man nicht umhin, an die Worte von dem „Sklaven, wenn er die Kette bricht" zu denken. * Rumänien bleibt noch immer das Schmerzenskind. Ganz ermutigend klingt ja folgende Notiz: Die Judenfrage und der Wiederaufbau Rumäniens. Bukarest, 11. Juli. Der Ministerrat hat beschlossen, die Judenfrage aus breitester Grundlage zu lassen und etwa Benachteiligten das Recht der Berufung an den Obersten Gerichtshof zuzugestehen. Bei Erbringung der vorgeschriebenen Nachweise wird den das Staatsbürgerrecht anstrebenden Juden weitgehendes Entgegenkommen bekundet werden. Gewiß kann es aber nur von Vorteil sein, wenn aus die rumänischen Staatsmänner ein Druck ausgeübt wird. Darum kann man nur mit großer Freude die nachstehende Nachricht registrieren: Die Lösung der rumänischen Judenfrage. Die Herren Dr. Arthur Hantke und Dr. Paul Nathan haben sich am 15. Juli nach Rumänien begeben, um mit den dortigen Juden sowie mit maßgebenden rumänischen Politikern in dev Angelegenheit der bevorstehenden gesetzlichen Regelung der rumänischen Judenfrage Fühlung zu nehmen. Seit Monaten ist sowohl das Zionistische Aktionskomitee wie auch die» Vereinigung Jüdischer Organisationen Deutschlands bemüht, auf eine umfassende Regelung dieser Frage hinzuwirken. Es ist zu hoffen, daß die Reise der beiden Herren nach Rumänien, wo sie sich an Ort und Stelle vom Stande der Dinge überzeugen und mit allen in Betracht kommenden Kreisen mündlich Rücksprache nehmen, zu günstigen Resultaten führt. In betreff der Absichten der rumänischen Regierung entnehmen wir einem Berliner Blatte folgendes: lieber die Judenfrage äußerte sich der Minister des Aeußeren A r i o n einem Berichterstatter gegenüber: Er persönlich hätte gewünscht, daß alle Intellektuellen, die einen freien Berns ausüben, Bürger werden können. Die gegenwärtige Lösung der Judenfrage betrachtet die Regierung als eine Folge, die sich aus den Bedingungen des Friedensvertrages ergibt. Die Konstituante erst wird dieser Frage eine völlig loyale Lösung im Sinne der inneren rumänischen Interessen geben. Der rumänische Handelsminister Grigore Cantacuzino äußerte sich zu einem Mitarbeiter der „Gazeta Bucurestilor" über die bevorstehenden Wahlen für die Handelskammern: Wir wollen bei den Wahlen keine Politik machen. Jetzt, wo wir im Begriffe sind, der Judenfrage die denkbar weitestgehende Lösung zu geben, halten wir es für notwendig, daß auch jüdische Kaufleute, und In-- dustrielle den Handelskammern angehören, um gemeinschaftlich mit den übrigen zur Wiederbelebung des Handels beizutragen. Die rumänische Regierung arbeitet gegenwärtig an der Fertigstellung der Gesetzesvorlage für die Gleichberechtigung der Juden. Nachfolgende Kategorien von Juden werden, wie. das „Bukarester Tageblatt" berichtet, die vollen politischen Rechte erhalten: 1. Alle jene, die den Feldzug von 1916 mitgemacht haben, ohne Rücksicht auf den geleisteten Dienst, selbst dann, wenn sie durch Verfügung der Militärkommandos oder der Rekrutierungsbezirke zu Hause gelassen wurden. 2. Die im Lande Geborenen, deren Eltern gleichfalls im Land geboren wurden. 3. Jene, die den Feldzug von 1913 mitgemacht haben, und wegen ihres Alters oder aus anderen Gründen im Jahre 1916 nicht mehr mobilisiert wurden. 4. Die Frauen und unmündigen Kinder aller oben Erwähnten. ö. Die Frauen und Kinder, die in dem Augenblicke, wo ihre Männer und Väter das Bürgerrecht aus Grund -des gegenwärtigen Naturalisierungsgesetzes erhielten, minderjährig waren. 6. Die Angehörigen freier Berufe (Aerzte, Ingenieure, Architekten ufw.), die bei der Erklärung der Mobilisierung im Jahre 1916 bereits eine Praxis von 10 Jahren hatten. Wie traurig trotz solcher verheißungsvollen Absichten von den Rumänen gewirtschaftet wird, lehrt der Bericht eines Augenzeugen über die rumänische Schreckensherrschaft in Beßarabien, der als Beilage zu Nr. 70 der „Mittellungen des Kopenhagener Bureaus der Zionistischen Organisation" erschienen ist. Danach sind die Verhöhnungen, Mißhandlungen, Münderungen, denen die Juden ausgefetzt sind, geradezu entsetzlich, auch Ermordungen sind ganz gewöhnlich. Der Berichterstatter schließt mit folgendem ergreifenden Bekenntnis: Ich habe beschlossen, mein Haus zu verlassen, mich von meinen Verwandten und Volksgenossen zu trennen und dieses unglückliche Land zu verlassen, das in den Klammern eines blutigen Regimes erstickt. Ueber ganz Beßarabien ertönt Seufzen und Wehklagen. Viele Juden verlassen ihre Häuser, um sich durch die Flucht wenigstens das Le°ben zu retten. Die Zurückbleibenden wenden ihre Blicke mit Sehnsucht und Verzweiflung zu ihren Brüdern im Ausland, von denen sie Hilfe erwarten. Möge ihr Schmerzensschrei in der ganzen Welt gehört werden! Möge durch alle Länder eine Welle des Protestes und der Entrüstung gehen! Alle kulturellen Kräfte der Menschheit müssen mobil gemacht werden, um dieses unglückliche Land aus den Händen seiner Henker zu befreien. Denker und Dichter. Bon Ludwig Geiger. II. 2. Daniel Spitzer*). aniel Spitzer wurde am 3. Juli 1835 in Wien von jüdischen Eltern geboren. Sein Vater war ein wohlhabender Fabrikant, der von seinen sieben Kindern — Daniel war der sechstgeborene — drei in ihrer frühesten Jugend verlor. Daniel besuchte die Lateinschule, später das Gymnasium, das er 1853 mit einem guten Abgangszeugnis verließ. Er studierte in Wien Jurisprudenz und bestand 1860 das letzte der vier Examina mit günstigem Erfolge. Statt Advokat zu werden, wie er ursprünglich beabsichtigte, müßte er, da die Vermögens- Verhältnisse seines Vaters sich verschlechtert hatten, die Beamtenlausbahn ergreifen. Er wurde 1864 als Konzipist bei der niederösterreichischen Handels- und Gewerbekammer angestellt. In seiner subalternen und langwelligen Tätigkeit *) „Daniel Spitzers gesammelte Werke." Herausgegeben von Max Kalbeck und Otto Erich Deutsch, München und Leipzig, Georg Müller. 1912. „Letzte Wiener Spaziergänge von Daniel Spitzer, mit einer Charakteristik seines Lebens und seiner Schriften." Von Max Kalbeck, dazu eine Heliogravüre, Spitzers Porträt, nach Leopold Müller. Wien, Verlag der Literarischen Gesellschaft, 1894.

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