Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1918)
- Date
- 1918-07-26
- Page
- Seite 352 (sequence 4)
- Language
- German
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352 Vertreter Dr. Nosenblatt erklärte Prilutzki, daß die einzige Institution, die das Recht haben werde, die politischen Formen des auferstehenden Polens zu bestimmen, eine auf Grundlage eines demokratischen Wahlrechtes gewählte verfassunggebende Versammlung sei. Der einzige Schritt, durch den sich der' Staatsrat die Anerkennung des ganzen Landes und vor allem der Volksmasien Polens erwerben könnte, wäre der Verzicht auf jede gesetzgeberische Tätigkeit und die Beschränkung auf einen Akt. nämlich auf die Einberufung der Gründnngsversammlung. Er würde, sagte der Redner, dem Staatsrat einen dahingehenden Antrag unterbreiten, wenn die Aussicht bestände, die gemäß der Geschäftsordnung des Staatsrates erforderlichen zehn Unterschriften zusammenzubringen. Den Verleumdungen jener Elemente, die das Programm der nationalen Juden in ein falsches Licht rücken, entgegentretend, las der Redner eine Deklaration vor, in der ausgeführt wird: „Die von mir vertretene jüdische Volkspartei steht auf dem Boden der polnischen Reichsidee und zusammen mit dem volnischen Volke erstrebt sie ein unabhängiges Polen, das über alle Bedingungen, die für eine freie Entwicklung aus wirtschaftlichem, kulturellem, sozialem und politischem Gebiet nötig sind, verfügt. Innerhalb dieses Polens fordern wir für die jüdische Bevölkerung als nationale Minorität wirkliche menschliche und bürgerliche Gleichberechtigung und eine nationalpersonale Autonomie, die allein eine Garantie sür die menschliche und bürgerliche Gleichberechtigung gewährt." Unter Hinweis auf die Eröffnungsrede des Staatsratsmarschalls Pulaski, in der die Idee der Völkerfreiheit verherrlicht und ausgeführt wurde, daß in der heranrückenden neuen Weltordnung jedes Volk seine ihm innewohnenden Kräfte und Fähigkeiten ungehindert werde entwickeln können, führt die Deklaration aus. daß zusammen mit allen rechtlosen unterdrückten Völkern auch das indische Volk in der Hoffnung lebe, daß der Abschluß der Weltkatastrophe auch ihm Freiheit und jene Bedingungen bringen werde, die zu einer normalen Entwicklung seiner schöpferischen Kräfte und zur Pfleae seiner nationalen Kultur, der ältesten in Europa, unerläßlich sind. ..Mit tiefem Bedauern." sagte der Redner, „muß ich aber fesistellen. daß unsere gerechten und verständlichen Forderungen bis jetzt auf eine feindliche Haltung der maßgebenden Faktoren in Polen gestoßen sind. Gleichzeitig machen sich die Zeichen bemerkbar, daß die Volksteile, die von nationalem Haß aetraaen sind, sich die Lösung der Indenfraae in Voten auf aanz andere Weise denken. Ibr Blick isi in die finstere Vergangenheit aeriebtet. und sie wollen in Polen ein mittelalterliches Gefängnis kür die Juden errichten. In dem neuerrichteten Polen, in dem mit allen Spuren der russischen Herrschaft aufgeräumt wird, blieben den Juden gegenüber die alten zaristischen Gesetze in Kraft, die vom Geist der Unterdrückung durchdrungen sind. Unter allen Gesetzesprojekten. die der Ministerpräsident beute anaekündigt bat, befindet sich keines, das die Aufhebung der jüdischen Rechtlosigkeit erstrebt. Der Abschnitt über die Wahlordination zum polnischen Seim ist so zusam'mengestellt, daß in die oberste Kammer, in den Senat, kein einziger Vertreter der jüdischen Minorität hineinkmnmen wird. Dank aller dieser Umstände kann natürlicherweise die jüdische Bevölkerung kein großes Vertrauen zur gegenwärtigen Regierung haben. Dagegen glaubt sie, daß nur eine Volksregierima. die durch eine Konstituante eingesetzt werden wird, in der Lage sein wird, sich von den reaktionären Vorurteilen und Gewohnheiten freizumachen, und das neue Polen auf dem breiten Wege des wahren Fortschrittes und der aufrichtigen Demokratie zu führend Die vom Assirnilanten Eiaer verlesene Erklärung besagte, daß die ..Polen mosaischer Konfession" fest auf dem Boden des polnischen Rationalismus ständen und daß sie auf ein harmonisches Zusammenleben der christlichen und jüdischen Bevölkerung Polens hoffen. Der Vertreter der jüdischen Ortkwdorie Pfeffer drückte die Hosinung aus. daß der polnische Staat religiöse Toleranz üben und auch die jüdische Bevölkerung schützen werde. * Aus Finnland hatten wir nach der in der vorigen Notiz erwähnten Quelle berichtet, daß die finnische Regierung die Juden ausweise. Dagegen lesen wir nun im „Berliner Tageblatt": Die Presseabteilung der Finnischen Gesandtschaft in Berlin bittet uns um Aufnahme einer Entgegnung, welche zunächst besagt, daß der Finnische Landtag vor mehr als einem Jahr ein Gesetz angenommen habe, welches alle Hindernisse für die Naturalisation von Juden aufhebt, daß die Naturalisation vielleicht allen einzelnen Personen verweigert worden sei, die „an dem roten Aufruhr gegen die gesetzliche Regierung teilgenommen" haben. In der Erklärung heißt es dann weiter: „Infolge des verhängnisvollen Mangels an Lebensmitteln hat sich die Regierung gezwungen gesehen, den größeren Teil der sich vorübergehend im Lande aufhaltenden Ausländer, insbesondere die Russen, unter denen sich natürlich auch eine Menge russischer Juden befinden, aufzufordern, das Land zu verlassen. Daß diese Aufforderung sich auch auf die im Lande ansässige jüdische Bevölkerung erstrecken solle, ist dagegen nicht richtig. Auch sind die russischen Juden keineswegs in eine schwierigere Laae versetzt worden als andere russische Staatsangehörige. Es sind im Gegenteil eine Menge Ausländer verständigt worden, unmittelbar das Land zu verlassen, und nur die zuverlässigeren Elemente unter ihnen haben einen Aufschub ihrer Reise, zum Teil bis zum 30. September, bewilligt erhalten. Wenn das Recht, sich nach dem genannten Zeitpunkt in Finnland aufzuhalten, .nicht einmal für die letztgenannte Kategorie von Ausländern anders als in Ausnabmefällen wird verlängert werden können, io beruht dies ausschließlich auf den äußerst geringen Lebensmittelvorräten des Landes, nicht aber auf irgendeiner Abneigung gegen als solche und am allerwenigsten auf irgendeiner Judenfeindlichkeit der geaenwärtigen finnischen Negierung, die nur in der Phantasie des berichtenden Pressebureaus vorhanden ist." * Ueber finnisch e Zustände. Herr Felix Saul in Stockholm schreibt uns: Von hohem Interesse sind zwei Artikel, die die finnische Zeitung „Hufvudsjadsbladet" in zwei aufeinanderfolgenden Nummern bringt Der erste Artikel ist überschrieben: „Die Juden und die Bekleidungsfrage des Heeres" und lautet: Der Bekleidungsarbeitgeberverband bat sich in einem Schreiben an den Senat darüber beklaat, daß die Generalintendantur bei der Bekleidung des Heeres sich in ausgedehntem Maße jüdischer Firmen bedient babe. Man kann freilich sagen daß die Juden billigere Arbeit leisten als die Einheimischen f!), der Bekleidnngsarbeitgeberverband halt aber den Preisunterschied für sebr gering und ist der Ansicht, daß bei der Bekleidung unseres neuen Heeres in erster Reihe die nationalen Gesichtspunkte sprechen müßten. Der Verband ersucht den Senat um Maßnahmen. Anläßlich obiaen Schreibens ist das Finnische Notizburean ermächtigt zu erklären, daß die gegenwärtige Generalintendantur derartige Bestellungen weder bei Juden noch bei anderen gemacht bat. übriaen fet darauf hingewiesen, daß die Angebote der finnischen (!) Schneiderfirmen sich fast um die Hälsie teurer stellen als die der Juden. Der zweite Artikel trägt die Ueberschrift: „Die Juden und die BeKeidungsfragen des Heeres. Einige Aufklärungen" und lautet: Anläßlich der unter obiaer Ueberschrift in der gestrigen Nummer gebrachten Mitteilung, daß der Bekleidunasarbeitgeberverband sich darüber beklagt habe, daß die Generalintendantur sich bei der Bekleidung des Heeres in ausgedehntem Maße jüdischer Firmen bedient habe, hat man uns ein im Aufträge der Generalintendantur von deren Gbef Serlachius am 1. Mai 1918 unterzeichnetes, eine der bedeutendsten jüdischen Geschäftsfirmen in Helsingfors betreffendes Schriftstück vorgelegt. Darin beißt es u. a.: Da es sich gezeigt hat. daß unsere Uniformlieferanten unmäßia bohe Preise für die Herstellung der Uniformen verlangen, haben wir uns genötigt gesehen, Herrn (hier folgt der Name des Ehess der obenerwähnten Firma) mit der Revision der Uniformenherstellung . in Basa und Umgegend zu beauftragen. Wir ermächtigen also, heißt es dann weiter in dem Schriftstück, Herrn . . . unsere mit den Firmen. . . getroffenen Vereinbarungen betreffend