Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1918)
- Date
- 1918-07-26
- Page
- Seite 350 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229339-3229369--74177-3286657- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
-350 sie in puncto Kriegsgewinn gehört! Gut, es sollen auch etliche Juden im Kriege verdient haben, aber damit das Gesamtjudentum zu belasten, das ist wieder eine der üblichen Verallgemeinerungen, die wir von jeher gewohnt sind. Jedenfalls haben die deutschen Juden an Gut und Blut die gleich schweren und großen Opfer gebracht wie ihre christlichen Mitbürger, das ist längst erwiesen und festgestellt. - Die Juden sollen schuld an der Verteuerung der' Lebensmittel haben — beileibe nicht die edlen Agrarier, deren selbstsüchtiges Gebaren die Hauptschuld an den Ernährungsschwierigkeiten des deutschen Volkes hat. Wer schloß denn schon in Friedenszeiten unsere Grenzen hermetisch gegen die Einfuhr von billigem Schlachtvieh? Etwa auch die Juden? - Die Juden sollen Drückeberger sein; man halte doch einmal Umschau in den höheren Stellen von Etappe und Heimat; allzuviel Juden wird man da nicht finden! Eine Zählung nach Art der sogenannten Judenstatistik würde hier ein erstaunliches Resultat zeigen, gewiß nicht zu unseren Ungunsten! Trotz der Einfältigkeit all dieser Anwürfe haben die Antisemiten den Erfolg auf ihrer Seite, denn die breite Maffe des Volkes — sonst gefeit gegen Rassenhaß — wendet sich kritiklos gegen die Juden und brüllt die tausendfach widerlegten Anschuldigungen gedankenlos nach; was früher Einzelerscheinung, Ausnahmefall war, es wird jetzt zur Regel, zur Gewohnheit! Das ist unsere Lage nach außen hin, die niemand zu bestreiten wagen wird oder kann. Aber die logischen Konsequenzen daraus zu ziehen, das fällt den wenigsten unserer Glaubensgenossen ein. Der Elementarsatz: „Der Kampf gegen den Antisemitismus muß von allen Juden unter einheitlichem Oberbefehl geführt werden!" stößt noch ans Widerstand bei vielen unter uns. Eifersüchtig hegt und Pflegt diese und jene Gruppe ihre Privatanschauungen, stellt das Interesse ihrer Partei über das Interesse des Ganzen. O ihr Verblendeten und Törichten! Merkt ihr denn nicht, daß ihr dem gemeinsamen Feind durch euere Kirchturmpolitik Helfershelserdienste leistet, daß ihr die Einheitsfront gefährdet, die wir so bitter nötig haben? ' . Noch weniger als Deutschland dürfen wir uns den Luxus innerpolitischer Kämpfe gestatten; wir sind ein kleines Häuflein inmitten eines wogenden Heeres von Feinden; wir sind die Schwachen und Hilflosen — wollen wir uns durch Verbohrtheit und Eigensinn Noch schwächer, noch hilfloser machen? Mit voller Absicht wurden Namen einzelner Parteirichtungen im Judentum nicht genannt; wir wollen niemand verletzen, niemand vor den Kops stoßen; jeder Jude, eben weil er Jude ist, steht unS nahe, ist uns verbunden. Inständig bittend und beschwörend wenden wir Uns an alle, alle Glaübensbrüder: schließt euch zusammen, laßt Gegensätze und Meinungsverschiedenheiten fallen, helft uns im Kampfe gegen unsere schlimmsten Feinde, die Antisemiten! Bedrängt und gehaßt um unseres Waudens willen, des Glaubens, um den auch unsere Väter litten und kämpften, wollen wir alles Trennende verschwinden laffen, nur das Vereinigende sehen: das ist die Treue und Anhänglichkeit an unsere angestammte Religion! Wir tun — wie das ganz selbstverständlich ist! — als Deutsche voll und ganz unsere Pflicht; wir wollen auch als Juden diese Pflicht voll und ganz erfüllen! Und diese Pflicht fordert gebieterisch, daß wir den Kampf gegen'den Antisemitismus geschloffen als Ganzes führen. Diese Führung besitzen wir in dem Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und im Verbände der deutschen Juden.' Sie haben bis jetzt unser'Banner mutig vorangetragen und manchen Sieg errungen; unter ihren Fahnen wollen wir uns aus neutralem Boden, nicht geschieden durch Rang, Stand und Ansehen, als mächtiges. wohlorganisiertes Heer treffen. Kein deutscher Jude fehle in unseren Reihen, keiner denke, daß es auf ihn nicht ankomme; jeder ist wichtig und von Wert. Und haben wir die Einheit im Innern, so fehlt es uns nicht im Kampfe nach außen. Dann sind wir das, was die deutschen Juden längst sein sollten, sein müssen: Ein einig Volk von Brüdern! Mr Wache. Berlin, 23. Juli ldl8. ie Kriegsereignisse der letzten Woche sind nicht so erfreulich gewesen, wie es zuerst den Anschein hatte. Eine mächtige deutsche Offensive hat schöne Resultate gebracht: Ländergewinn und 20 000 Gefangene; doch hat eine dagegen eingesetzte starke Gegenoffensive der Franzosen die deutsche Heeresleitung gezwungen, die Stellung jenseits der Marne, die errungen worden war, wieder aufzugeben. Die Franzosen rühmen sich ihres „Sieges", aber man darf nach den Angaben unserer Heeresleitung wohl annehmen, daß die Resultate ihrer verzweifelten Gegenwehr, die notwendig war zum Schutz ihrer schwer bedrohten und durch erneute Beschießungen stark mitgenommenen Hauptstadt keineswegs die von ihnen gewünschten waren. Man darf sich im Gegenteil der Hoffnung hingeben, daß ein baldiger, mit stärkeren Angriffen geführter Gegenstoß.der deutschen Truppen unser Uebergewichit verstärken und endlich die Entscheidung des Krieges herbeisühren werde. * ' Der ehemalige Z a r ist nun wirklich ernrordet worden; ein schmähliches Ende eines fluchwürdigen Lebens. Was in Rußland geschehen wird, weiß kein Mensch. Die inneren Verhältnisse sind unendlich verwickelt; blutige Parteikämpfe werden äusgesochtSn und erhöhen die Verwirrung; das Eindringen britisch-japanischer Streitkräfte in Sibirien vermehrt den Wirrwarr. Wir leben der Zuversicht, daß es unmöglich ist, das'russische Reich wieder in den Krieg hineinzuziehen und eine neue Gefahr vom Osten her gegen uns heraufzubeschwören. Aber nach fast vier schweren Kriegsjahren sind wir leider noch nicht am Ende der Greuel; ein wirklicher Schluß ist kaum abzusehen, und es gehört ein felsenfestes Vertrauen dazu, erhobenen Hauptes und ruhigen Gemüts in das fünfte Kriegsjahr hineinzuschreiten. * Das „Gemeindeblatt" der Jüdischen Gemeinde zu Berlin enthält folgende Notiz: Anläßlich des Heimgangs von Hermann Cohen ist bei dem Vorstand der Jüdischen Gemeind« zu Berlin das folgende Telegramm des Präsidiums der Jüdischen Gemeinde in Petrograd eingegangen: „Das Präsidium der Jüdischen Gemeinde in Petrograd ist tief erschüttert durch die Nachricht vom Tode des Professor Hermann Cohen. Der Rat der Petrograder Gemeinde übermittelt Ihnen den Ausdruck der allgemeinen Trauer der Judenheit anläßlich des Todes dieses Großen in Israel, des unermüdlichen Verkünders des jüdischen Geistes. Das Präsidium: Dr. Salkind." In der gleichen Nummer desselben Blattes wird dem aus dem Felde heimgekehrteU Feldrabbiner Dr. B a e ck der Dank der Jüdischen Gemeinde ausgesprochen und zugleich seinen Schlußbericht abgovruckt, der folgendermaßen lautet: Den 20. Juni 1818. Dieser Bericht gilt einem kurzen Rückblick auf ein Arbeitsfeld, das nun seinen Abschluß gefunden hat. Fast vier Jahre der Pflicht waren der Seelsorge im Felde zugewandt. Wie viele Gestalten und Bilder stehen vor den Blick, wenn