Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1918)
- Date
- 1918-07-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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82. Jahrgang. Nr. 30 Berlin, 26. Juli 1918 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese geifernd erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 8 01 - Postscheckkonto 524* Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippfon Unter Leitung des Geheimen Regierungrratr Professor vr. Lndwig Seiger Verlag: Nuäolt Mosse, SerUn, Jerusalem« Strasse 46*49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. TIltftAff* Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern! Von Else 1)Jlljull« Dornritzer-Dorn (Nürnberg). — Die Woche. — Denker und Dichter. Von Ludwig Geiger. — Der Geist des jüdischen Ehelebens. Von Prof. Dr. Emanuel Schwartz (Prag). — Die Bedeutung der jüdischen Familienforschung für das Judentum. Von Canitätsrat Dr. Scherbel sLissa r.P.).— Feuilleton: Jedem das Seinige. Roman von M. Pulvermann. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Lublinitz, Breslau, Aus der Provinz Posen, Hamburg. Münster i. Wests., Nürnberg, Speier, Wien, Budapest. — Von Nah und Fern. Mir wollen lein ein einig Volk non LrüÄern! Don Else Dormiher-Dorn (Nürnberg). Is am 1. August 1914 die Kriegsfurie in Europa ausbrach, als eine Welt von Feinden Deutschland bedrohte, Gefahren furchtbarster Art uns umtosten, da war es in den schweren Tagen der Bestürzung und Angst ein Gefühl, das uns alle erhob und stärkte: das Gefühl der Einheit und Zusammengehörigkeit, das Bewußtsein, daß ganz Deutschland geschloffen seinen Gegnern gegenübertrat. Der Parteien Haß und Fehde schwieg; was sich noch tags zuvor angegriffen und beschimpft hatte, das ging nun Hand in Hand in den großen Kampf: die inneren Zwistigkeiten, so manchem bedeutungsvoll und wichtig erscheinend, sie schrumpften zusammen vor der Größe und Schwere des Augenblicks. Denn darüber war sich ieder klar, der reaktionärste Konservative wie der überzeugte Sozialdemokrat, der Zentrumsmann wie der Liberale: wo der Kampf nach außen alle Kräfte eines Volkes beanspruchte, da blieb für interne Reibungen kein Raum mehr, da mußten Gegensätze verschwinden, die als unüberbrückbar gegolten hatten; da mußte jeder einzelne voll und ganz für sein Vaterland eintreten, da dürfte es keine Zersplitterung geben — den Luxus parteipolitischer Auseinandersetzungen konnte sich ein Staat in der Lage Deutschlands nicht gestatten. Der denkwürdige Ausspruch des Kaisers: Ich kenne keine Parteien mehr — ich kenne nur noch Deutsche, er setzte sich in die Tat lim; es gab in jener Zeit nur noch Deutsche, die alle von dem gleichen Wunsche, dem gleichen Gedanken beseelt waren: dem Ansturm der Feinde bis zum Endsieg entschlossen standzuhalten! Diese denkwürdigen Zeiten haben wir deutschen Juden mit Leib und Seele, mit jeder Faser unseres Seins durchlebt; wir sahen die Umwandlung im Innern, die starke und starre Entschlossenheit nach außen; unsere Männer und Jünglinge bildeten einen Teil der eisernen Mauer, die seit vier Jahren unerschütterlich standhält, eben weil sie geschloffen und einheitlich, also unbezwingbar ist — aber gelernt für unsere speziellen Zwecke haben wir daraus leider nicht. Die betrübende Tatsache muß sich jedem aufdrängen, der Strömungen und Gegenströmungen im Judentum unserer Tage beobachtet, der das Brodeln und Gären bemerkt, das, scheinbar noch unter der Oberfläche, Spaltungen und Klüfte hervorzurufen unternimmt, die von unberechenbarem Schaden wären. Da ist bei den Mitgliedern verschiedener Parteirichtungen ein gegenseitiges Sichanfeinden und Verhöhnen, ein Verspotten der nicht genehmen Ansicht, ein Fürstchbeanspruchen der alleinseligmachenden Anschauung, und der unparteiische Zuschauer kann sich des Eindrucks nickt erwehren, daß hier Elemente am Werke sind, die — scheinbar von keinerlei anderen Soraen belästigt! — in ihren Bestrebungen und Ideen den Höbepunkt aller menschlichen Interessen erblicken und das, was sie sich mit mebr oder minder grobem Geschick als Ideal aufaebaut haben, mit nicht immer sanfter Gewalt der iüdischen Mitwelt aufoktropieren wollen. Ja, sind wir Juden denn ganz toll, daß wir uns im ietziaen Augenblick mit lächerlichem Parteigezänk abgeben? Fühlen wir denn nicht, wie es um uns siebt, was um im? fserurn voraeht? Daß eine Welt von Feinden, bissiqer, gehässiger, bösartiger als die Feinde Deutschlands, uns umringt, gegen uns Pläne und Ränke schmiedet und nur den geeigneten Moment, die Zeit nach dem Kriege, abwartet. um gegen uns mit allen zur Verfügung siebenden Mitteln l--smscklaaen? Diese grimmen Feinde, die Antisemiten, dmen Zahl sich während des Krieges erschreckend vermehrt bat (die Ursachen hiervon sollen später berührt werden!), sie rüsten geaen uns in einer Art. die alles bisher Daaeweiene übertriftt. die die Aera eines Stöcker. Ablwardt »der des Dreschgrafen Pückler als milde erscheinen läßt. Sie geben — ttofc dem sogenannten Burgfrieden! — in gemeinster Weise da und dort zum Angriff über: sie Hetzen und schüren, sie denunzieren und verleumden und kein Mittel ist ihnen zu verwerflich, sie wenden es skrupellos an. Jeder einzelne von uns. ob hoch oder niedrig, arm oder reich, er kann Beispiele nach Dutzenden herzählen, die antisemitische Tendenz in jeder Färbung und Aufmachung zeigen: handelt es sich nun um Vorgänge des täglichen Lebens, um solche im Heere (diese sind in der Mehrzahl!). in der Heimat, in Zeitungen und Broschüren, in V»rsammlunaen. Parlamenten oder wo immer es auch sei. Der Antisemitismus macht sick überall geltend: er hält es nickt einmal für nötig, ein Deckmäntelchen umruhänaen, frei und ungeniert treibt er sein Wesen. Ja. der Jude wird verbrannt! So wie ehedem, so auch jetzt: Und warum? Weil man für Tausende von Fehlern und Vergehen einen Sündenbock braucht, weil man dem Volk, das unter Lasten und Entbehrungen seufzt, ein Opfer geben muß, an dem es sein Mütcken kühlen kann. Was wirft man den Juden vor? Kriegsgewinne! Unseres Wissens soll die rheinische Schwerindustrie, die absolut judenrein ist, nicht gerade im Kriege verloren haben. Da spricht kein Mensch davon; da muß erst ein Fall Daimler eintreten. um die allgemeine Aufmerksamkeit dahin zu lenken, wohin