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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-07-19 · Heft 29 (19.7.1918) · p. Seite 346

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 29 (19.7.1918)
Date
1918-07-19
Page
Seite 346 (sequence 10)
Language
German
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346 daß ein anderer Kerl mit einem Mädchen spricht, dann ist man doch gewiß in dieses Mädchen verliebt?" „Ich denke, darüber brauchst du dich nicht zu grämen; es wird schon wieder vorübergehen", versuchte sie ihn zu beschwichtigen, als ob sie ein schmollendes Kind vor sich hätte. „Soviel ich weiß, warst du doch schon öfter verliebt und du bist nicht daran gestorben. Es wird auch diesmal wieder vorübergehen." „Aber jetzt könnte es doch leicht geschehen, daß ich daran sterbe. — Mein größter Kummer ist es auch, daß ich nicht weiß, ob Ellen mich wieder liebt, und du sollst mir helfen, es herauszufinden. Du könntest ja auch Ellen ein bißchen bearbeiten und die Sache für mich deichseln." Der bekümmerte Blick in ihren Augen vertiefte sich noch mehr. „Die Sache ist mir so neu, daß ich noch keinen richtigen Gedanken fassen kann, Julius. Laß mir Zeit, daß ich es mir überlege." „Was ist denn da viel zu überlegen?" ries er fast weinerlich. „Oder hast du etwas dabei einzuwenden, daß Ellen deine Schwester wird? Ach so! Das wird es wohl sein, weil Ellen Christin ist! In dieser Hinsicht warst du ja schon immer ein bißchen beschränkt, und keiner hat dich davon abhalten können, jeden Sonnabend nach dem.Tempel zu laufen. Aber du warst schon immer so eine Fromme, und darum paßt dir Ellen nicht. Aber es ist doch gar nicht so schlimm! Wie viele Menschen haben schon eine Ehe mit einer Andersgläubigen geschlossen und sind dabei gar nicht schlecht gefahren. Im Gegenteil! Ich habe irgendwo in einem Buche gelesen, daß dies noch viel häufiger geschehen müßte, um durch eine Blutvermischung die Rasse zu heben und zu verbessern. Ich will es dir aber ganz offen gestehen, daß ich sofort bereit bin, dieses Opfer für die Rassenverbesierung zu bringen! Ich bin auch überzeugt, daß unsere alte Dame nichts dagegen einwenden wird." Die letzte Bemerkung traf das Mädchen wie ein Dolchstich im Herzen. Es war wohl eine besondere Laune des Schicksals, daß das so schwierige, fast unlösbare Problem der Mischehe sich ihr in doppelter Gestalt aufdrängte.. Das Herz wurde ihr zentnerschwer, da dies keine Ausgeburt der wilden Phantasie, sondern volle, grausame Wirklichkeit war. Sie sah Julius' glühende Augen auf sich gerichtet, und das brachte sie zum Bewußtsein, daß jetzt keine Zeit zum Grübeln, sondern zum Handeln war. Es galt einen schweren Kampf aufzunehmen, vor dessen Ausgang sie verzweifeln wollte. „Julius", sprach sie matt und abgespannt, „es wird vielleicht doch besser sein, wenn ich die Angelegenheit dir allein überlasse. Es wird auch auf Ellen keinen guten Eindruck machen, wenn du ihre Liebe durch einen Vermittler zu erlangen suchst; nicht einmal, wenn ich der Vermittler bin." „Endlich sprichst du wenigstens ein vernünftiges Wort," rief er eifrig, „und wenn du mir einen Augenblick Gehör schenken willst, sollst du bald erfahren, warum ich nicht die Sache auf meine Kappe nehmen will. Mich nimmt nämlich keiner für voll; Ellen auch nicht und du auch nicht; aber da du mir helfen willst, sollst du auch alles erfahren. Vorigen Mittwoch waren wir beide zufällig allein im Gewächshaus. Während sie nun die neuen Pflanzenarten bewunderte, hatte sie ihre Hand auf das Gitter gelegt, die so zart und so weich ist, und — da — ich konnte nichts dafür -— da-da — beugte ich mich nieder und drückte einen Kuß auf die Hand. Sie blickte mich erst eine Weile mit ihren großen Augen so verwundert an und sprach dann ruhig: „Sie einfältiger Junge! Was machen Sie denn?" Aber sie sagte es nicht so wie die anderen Mädchen, wenn ich dasselbe getan, die aber dabei zu kichern pflegen und ihre Hände noch näher zu meinem Munde bringen, sondern sie sagte es so-so-daß ich wie ein begossener Pudel dastand und nicht wußte, wohin ich meine Augen wenden sollte. Darüber ärgere ich mich heute noch, und darum sollst du die Sache für mich besorgen, weil ich Angst habe, daß sie mich wieder so ansieht. Wirst du es tun, Alice?" Sie antwortete njicht gleich. Eine Weile glaubte sie, die ganze Angelegenheit noch weiter vpn der heiteren, harmlosen und scherzhaften Seite betrachten zu können. Aber sie besann sich bald und sprach: „Julius, ich will es versuchen, Ellens Gesinnung für dich zu erforschen, aber nur unter der Bedingung, daß du mich nicht drängst, bis ich den geeigneten Zeitpunkt für gekommen halte/ „Aber selbstverständlich", gab er freiwillig zu. „Du sollst dich gar nicht beeilen und die Sache nicht überstürzen. So gar eilig habe ich es nun doch nicht, um unter die.Haube zu kommen. In jedem Falle danke ich dir und bin auch zu jedem Gegendienst gern bereit. Wenn du willst, kann ich ja auch Klaßner so einen Wink mit dem Zaunpfahlgeben. Eine Hand wäscht die andere." . „Du willst Klaßner einen Wink geben, daß du in Ellen total verschossen bist?" „Unsinn! So dumm werde ich doch nicht sein! Ich meine deinetwegen., Ich könnte ja auch die Sache für dich so fein deichseln; du weißt doch, wie schlau ich bin!" — --- „Julius, du bist albern," unterbrach sie ihn ungehalten. „Schon gut, schon gut! Ich habe es wirklich gut gemeint. Denn, wenn ich auch mit meiner eigenen Sache vollauf beschäftigt bin, so habe ich doch bemerkt» daß du....," Sie unterbrach ihn abermals und so schroff und so streng, daß er einen Schritt zurückweichen mußte. „Ich weiß zwar nicht, was du bemerkt haben willst, ebensowenig weiß ich, auf was deine Worte anspielen, aber ich danke dir doch für deinen guten Willen. Und jetzt wollen wir weiter nur über deine eigene Angelegenheit sprechen." „Alice, du bist ein famoser Kerl!" rief er überschwenglich. „Es tut mir leid, daß ich mich dir nicht schon früher anvertraut; aber ich habe das Unglück, daß mir' erst später alles einfällt. Du bist wirklich eine gute Schwester. Auf Wiedersehen, Alice! Ich werde doch noch auf ein Stündchen nach der Stadt fahren. Du hast mir wieder neuen Lebensmut eingeflößt." . Einen Gassenhauer pfeifend, stelzte er aus dem Zimmer, während Alice ihm mit aufrichtiger Teilnahme uachblickte, die von einem gewissen Neid nicht frei war; sie gedachte traurig ihrer hoffnungslosen Liebe zu Klaßner und bereitete vorläufig ihre Toilette für den Abend vor, als die Tür ausging und eine lachende Stimme ihr zurief: „Alice, darf ich eintreten?" „Ich wollte dich nur fragen, ob Artur Klaßner heute zu euch kommen wird?" „Ja—a—a! Er hat wenigstens zusagend geantwortet." „Mir aber hat er geschrieben, daß er nicht kommt." „Er hat dir geschrieben, daß er nicht kommt?" wiederholte Alice mit heiserer Stimme. Ellen zerrte nervös an ihrem Taschentuch. „Eigentlich nicht ganz direkt. Er schreibt, daß er mir kommen wird, wenn — wenn — er bestimmt weiß — daß — daß ich ebenfalls da bin, da er erfahren, daß ich ebenfalls eine Einladung erhalten, und — ob — ob es eingerichtet «werden kann, daß er — daß er — mich zu Tisch führt." Alices Herz pochte laut, aber ihre Stimme klang ruhig und fest, als sie erwiderte: „Mer selbstverständlich! Es wird auch nicht die geringste Schwierigkeit machen. Hoffentlich hast du ihm in diesem Sinne geantwortet." Als Ellen fort war, ließ sich Alice auf einer Fußbank nieder, die in der Nähe der Tür stand. Die Füße waren ihr schwer und sie vermochte sich kaum von der Stelle zu bewegen. Dann

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