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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-07-19 · Heft 29 (19.7.1918) · p. Seite 345

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 29 (19.7.1918)
Date
1918-07-19
Page
Seite 345 (sequence 9)
Language
German
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345 protegierten Abschaum -er Menschheit auszurotten oder doch außer Landes zu jagen. Schon am jüngsten Pefsach hatte ich diesem Momente hier in Kiew Rechnung zu tragen. Auch hier die Furcht vor der Zukunst als Motiv der Zurückhaltung, obwohl die Bewirtung der deutschen Soldaten zusammen mit ukrainischen, russischen usw. am Sederabende und bei den anderen Mahlzeiten eine freundliche und reichliche war und die Kiewer Vorsteher, entgegen der mit mir getroffenen Vereinbarung, nachträglich jede Bezahlung ablehnten. Und ähnlich -wie Hier liegen -die Verhältnisse auch an allen anderen Plätzen der Ukraine. In Luzk z. B. konnte ich trotz eifrigsten Umsragens im März nicht in einem einzigen der vielen jüdischen — andere gibt es nicht — Hotels gegen reichlich angebotene Bezahlung auch nur für eine Nacht Unterkunft finden. Ein weiteres beachtenswertes Moment in der Verschiedenheit von West und Ost ist folgendes. Je weiter nach Osten hin oder, zur Ehre der Minister und Pinsker Judenschaft deutlicher gesagt, nach Südosten hin, um so geringer die Kenntnis in Thora und Talmud, um so erstaunlicher die geradezu allgemeiner werdende Unwissenheit in jüdischen religiösen Angelegenheiten. Und auch die Gleichgültigkeit. Der waschechte Amhaarez, in Polen und Litauen eine Seltenheit, wird südostwärts «ine alltägliche Erscheinung. Trifft man j.r zufällig einen Talmudkundigen, dann stammt er sicher aus Polen. In Rostow a. Don z. B. traf ich zu meiner angenehmen Ueberraschung im Synagogenhofe in einem dachkammerartigen Raume zirka 20 junge Legte bei fleißigstem, wenn auch nicht gemeinsamem Talmudstudium. Auf meine erstaunte Frage erfuhr ich, daß ich die geflüchteten Reste einer polnischen Jeschiba, ich glaube aus Mariampol, vor mir hätte. Bezeichnenderweise sahen alle un-sagbar verhungert aus, wie es von der Förderung derartigen Studiums dort unten nicht anders zu erwarten ist. Die einheimische Jugend hat sich um anderes, ihrer Meinung nach weit Wichtigeres zu kümmern, als um Geschichte un-d Wissenschaft des Judentums; sie politisiert, sie arbeitet mit Eifer und Verbissenheit in den schier zahllosen politischen Vereinen, in welche die Judenschaft hierzulande zerklüftet ist: eine Erscheinung, die voraussichtlich nach jeder Richtung hin alles eher denn gute Früchte tragen wird. Ueberhaupt ist die frühe Selbständigkeit und Urteilssicherheit dieser taum hinter den Ohren trockenen Jünglinge in einem Alter, da sie in Deutschland noch lange die Schulbank drücken, unsagbar abstoßend. Ein siebzehnjähriger Junge in Deutschland spricht von seinem künftigen Berufe: ich werde das oder jenes. Hierzulande sagt so ein Bürschchen schlagfertig und selbstbewußt: ich -bin ... Auch das Verhältnis von Kronsrabbiner und Gemeinde ist ein anderes. Verschiedentlich traf ich früher Kronsrabbiner an, -die sich kaum wesentlich vom eigentlichen Oberrabbiner unterschieden, Ehassidim und talmudkundig waren, nur daß sie auch eine Landessprache beherrschten. Hierzulande sind frühere Aerzte oder Advokaten als solche Staatsrabbiner, wie sie sich nennen, eine sehr häufige Erscheinung. Durchaus hypermoderne Menschen, vollständig russisizierte oder so sich gebärdende Juden.. Da jüdisches Wissen sie nicht eben allzusehr belastet, sind sie die Vertreter der reformfreundlichen Richtung in den Gemeinden, mit der Ehorschul als Mittelpunkt, während die traditionelle Richtung sich um den eigentlichen Rabbiner und das Beth-Hamidrasch schart. In einer großen Gemeinde der Ukraine sprach ich vor kurzem mit dem Oberrabbiner über die geringe Dentschfreundlichkeit der Juden. Er erklärte mir diese mit dem Hinweise, daß wir Deutschen eben doch Rußland aufgeteilt hätten. Ich erinnerte ihn an das weltbekannte Märtyrertum der Juden in Rußland vor dem Kriege, die doch eine Liebe der Juden für ihr russisches Stiefvaterland kaum verständlich mache. Da verwies er mich lächelnd auf den Satz der Bibel: „Du sollst den Aegypter nicht verachten, denn du warst ein Fremdling in seinem Lande." Wenn auch als rechtloser Fremdling, so hast du doch in seinem Lande lange gelebt. Und so gehe es den Juden mit Rußland, das sie trotz aller Leiden denn doch als ihr Vaterland lieben. Sehr bezeichnend für die jüdische Vaterlandstreue! Uebrigens habe ich dieselbe Frage an verschiedenen Orten den verschiedensten Leuten vorgelegt und sehr häufig als Erklärung für die geringe Deutschfreundlichkeit der Juden hierzulande den Bescheid erhalten, die russischen Juden könnten zu den Deutschen kein Vertrauen haben, weil diese im eigenen Lande ja Antisemiten seien. Alle meine Hinweise auf die geordnete, auf dem Prinzip der Gleichheit sich aufbauende Rechtsstellung der Juden in Deutschland waren vergebens, die Leute meinten immer, im Herzen sei der Deutsche denn doch ein Antisemit. In Taganrog, einer ruhigen, schönen Badestadt am Meere, leben gegen 5000 Juden, in Rostow a. Don, einer großen, reichen, sehr le-bhaften Handelsstadt, gegen 30 000. So ziemlich alle durchaus russisiziert, mit dem Judentum nur national verbunden als Zionisten, die aber, besonders unter den auch hier führenden reichen Kreisen, sich offen als Atheisten bezeichnen, die Synagoge kaum jemals besuchen und für das religiöse Judentum kaum etwas übrig haben. Dagegen findet hier, besonders durch die Kronsrabbiner, die hebräische Sprache als National- und künftige Umgangssprache beachtenswerte Pflege. Die Inden in Taganrog und Rostow waren von der Zarenregierung privilegiert worden, indem den bereits ansässigen das Wohnen am Platze weiterhin gestattet ward, auch als diese Städte vor 31 Jahren vom Tschertagebiet abgetrennt wurden. Sehr fraglich erscheint mir noch, ob die Revolution in absehbarer Zeit wirklich gute Folgen für die russischen Juden haben wird. Der Haß gegen die Juden scheint allenthalben, besonders unter der Landbevölkerung, höchst gesteigert. Bauern und Kosaken machen keinen Hehl aus ihrem Judenhasse, der heute schon täglich an kleineren Plätzen seine Opfer forder:. In den einzelnen Städten tritt immer offenkundiger die Forderung auf, -die Juden wieder den alten schmählichen Ausnahmegesetzen zu unterwerfen. Nowo Tscherkask hat dies bereits getan, andere Städte werden ihm zweifellos folgen. Und die Juden selbst? Sie sind hierzulande ebensowenig zu erfolgverheißender Abwehr imstande wie z. B. in Polen. Denn hier wie dort grassiert unter ihnen das altjü-dische Erbübel des Parteienstreites und der Zerklüftung. In unübersehbar viele politische Parteien getrennt, bekämpfen sie einander mit allen erreichbaren Mitteln und berauben sich so selbst der Macht und des Einflußes, den sie als geschlossene Einheit im Kampfe um ihr Recht zweifellos gewinnen könnten. ES. Jedem das Leimge. (3. Forts.) Roman von M. Pulvermann. lice war mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt und hörte kaum, was er noch sprach. Er aber, unbeirrt durch ihr Schweigen, fuhr fort: „Eigentlich weiß ich es selbst nicht, aber ich glaube, es ist durch Klaßner gekommen. Inletzter Zeit habe ich bemerkt, daß sie stets zusammensitzen und fortwährend einander allerlei Geheimnisse zuflüstern. Ich bin ganz wütend darüber, und es inacht mich rasend, wenn ich daran -denke, daß er sie mir wegschnappen könnte! Nicht wahr. Alice, wenn man wütend ist.

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