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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-07-19 · Heft 29 (19.7.1918) · p. Seite 344

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 29 (19.7.1918)
Date
1918-07-19
Page
Seite 344 (sequence 8)
Language
German
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344 Sie Juden in der Ukraine und am Msowschrn Meer. Von Dr. Tänzer, Armeerabbiner der Heeresgruppe Eichhorn. ie vielerlei Juden habe ich in den jüngsten drei Kriegsjahren im besetzten Gebiete der Ostfront, von Riga bis Rostow a. Don, kennengelernt! Und vergebens habe ich nach irgendeinem einheitlichen Zuge gesucht, der einer einheitlichen Beurteilung der „russischen" 'Juden als Grundlage hätte dienen können. Sowohl in religiöser und kultureller wie in Politischer und sozialer Hinsicht lassen sich zwischen den Juden in Nord und Süd, in Ost und West des ehemaligen russischen Reiches nur tiefgehende Gegensätze feststellen. Nicht einmal der Druck zaristischen Regimes lastete auf allen in gleicher Schwere, wie er auch nicht aus den Charakter aller den gleichen Einfluß geübt hat. Die räumliche Umgestaltung und Erweiterung, die mein Arbeitsgebiet bei der ursprünglichen Bugarmee, späteren Heeresgruppe Linsingen und heutigen Heeresgruppe Eichhorn, im Lause von drei Jahren erfahren hat, ermöglichte mir manchen wertvollen Einblick. Anfänglich von der gälizischen Grenze über Cholm und Kowel bis Pinsk sich erstreckend, umfaßt es heute, abgesehen von dem bald hinter Warschau beginnenden Teil der Etappe, das ganze weite Gebiet der Ukraine und darüber hinaus noch das Dongebiet und die Krim, ein ungeheures Arbeitsfeld, das zu fast ununterbrochenen Reisen zwingt, dafür aber auch ein gründliches Kennenlernen von Land und Leuten ermöglicht. Aus der Fülle meiner Wahrnehmungen will ich hier einiges erzählen. Von Interesse ist schon der allgemeine Eindruck, den man auf dem Wege von West nach Ost, etwa in der Richtung Lublin—Kowel—Kiew, und von da südwärts bis ans Meer gewinnt. Je weiter nach Osten hin, um so mehr Kultur und Zivilisation im äußeren Gesamtbilde, um' so schöner und sauberer die Städte, um so offenkundiger das Bestreben, auch in der äußeren Erscheinung den Anforderungen des modernen Kulturlebens gerecht zu werden. Während z. B. noch Cholm, Kowel, Luzk, Rowno in ihrem Straßenbilde den Eindruck erwecken, nur von Juden bewohnte Städte zu sein, -weiß man schon in Kiew außerhalb des Podoler Stadtviertels nicht immer mit Sicherheit, ob man einen Juden vor sich hat. Und doch gibt's in Kiew augenblicklich weit über 100 000 Juden. Und selbst Podol, bis zur Revolution das Ghetto von Kiew und der Schauplatz des Beilis-Skandales, unterscheidet sich sehr wohltuend von den Judenvierteln in Warschau oder gar Wilna. Leider ist der Stadtteil Podol vor wenigen Tagen von einem ungeheuren Brande heimgesucht worden, dem viele lange Straßenzüge zum Opfer sielen und der Lausende von Juden zu obdachlosen Bettlern gemacht hat. Bezeichnend ist auch, daß je weiter nach Osten die jiddische Sprache um so seltener als Umgangssprache anzutreffen ist. Fast ausnahmslos hört man unter den Juden in Kiew usw. nur Russisch sprechen. Vereinzelt auch richtiges Deutsch. Ich glaube aber, daß dieses absichtliche, demonstrative Russischsprechen unter Vermeidung alles Deutschen und Jüdischdeutschen eine dem Drucke der derzeitigen politischen Verhältnisse folgende -Erscheinung ist. Es unterliegt für mich nicht dem geringsten Zweifel, daß innerlich die Sympathien aller verständigen Juden im ganzen Osten mit den Deutschen sind. Schon die Würdigung deutscher Kultur, Organisation und Disziplin bei den Juden, diesem weitaus intelligentesten Teile der östlichen Bevölkerung, bringt dies mit sich, wenn sie auch diese Disziplin anfänglich als Härte empfinden, da sie mit der aus der Zarenzeit her gewohnten Methode der Bestechung, die allen Gehorsam vor dem Gesetze nur zu einer Geldfrage machte, in schroffstem Widerspruch steht. Der Druck der derzeitigen politischen Verhältnisse macht sich aber in der Ukraine und dem Dongebiet den Juden gegenüber anders geltend als in Polen und Litauen. Hier, in Polen und Litauen, befinden sich die Juden in vom deutschen Heere eroberten, besetzten und machtvoll verwalteten Gebiete. Deutsche Zucht und straffe deutsche Organisation waren hier in der Lage, Ordnung zu schassen, geregelte, gesicherte Zustände herbeizuführen und als Okkupationsgebiet auch einen gewissen Rechtsschutz für die Zukunft zu gewährleisten. Der voraussichtlich dauernd günstige Einfluß der Mittelmächte auf die Entwicklung und spätereinnere Gestaltung des politischen Lebens in diesen Ländern nimmt von den Juden heute schon die Furcht vor den späteren Zuständen, da die deutsche Besatzung Pole» und Litauen verlassen wird. Die Juden geben sich deshalb in diesen Ländern heute schon so, wie sie sind, als mehr oder weniger verständnisvolle Freunde deutscher Kultur. Ganz anders liegen die Verhältnisse in der Ukraine und im Dvngebiet. Hier befinden sich die deutschen Truppen nicht in einem okkupierten Lande, hier sind sie nur zeitweilige, ungern gesehene Gäste mit der Ausgabe der Durchführung der Brester Friedensbestimmungen. Wohl gewährt ihr augenblicklicher Aufenthalt im Lande den Juden einigen Schutz, aber der deutsche Einfluß auf die gegenwärtigen und gar erst zukünftigen Rechts- und Verwaltungsverhältnisse ist ein viel zu geringer, von vielen -hartnäckigen und böswilligen Widerständen bedrohter, als daß die Juden nicht von schwerer und schwerster Sorge ob der Zukunft erfüllt sein sollten. Die Deutschen werden über kurz oder lang, sagen sich die Juden, das Land verlassen und dann haben wir mit allen jenen raub- und blutgierigen Elementen zu rechnen, die heute nur mit Mühe und Opfern von den deutschen Gästen niedergehalten werden: mit Bolschewiken, Kosaken und Bauern, die allesamt nur des Augenblickes harren, in dem die Deutschen abziehen werden, um dann in grausamster Weise über die Juden herzufallen. Und diese nur zu sehr berechtigte Furcht verhindert die Juden, irgendwie ihre Sympathien für die Deutschen kundzugeben. Wohl wird es allenthalben anerkannt und mit Dankbarkeit zugestanden, daß der Einzug deutscher Truppen in die Ukraine ein Werk der Lebensrettung für die Juden bedeutet hat. Und an vielen Orten wurden die einziehenden Deutschen gerade von der jüdischen Bevölkerung mit grenzenlosem Jubel begrüßt. Die scheußlichen Verbrechen der bolschewistischen Räuberbanden und Mordbrenner hatten durch deutsches Eingreifen rasch ein Ende gesunden. Aber als dann die feindliche Stimmung gegen die Deutschen offenkundig wurde und immer mehr im Lände um sich griff, da zitterten und zittern auch die Inden davor, in absehbarer Zeit ihre Deutschfreundlichkeit mit ihrem Blute, büßen zu müssen. Und deshalb legen sie sich größte Zurückhaltung auf, nicht allein in Verkehr und Sprache. Es war mir z. B. in Rostow a. Don, trotz schriftlichen Wunsches 'der deutschen Ortskommandantur, nicht möglich, von der dortigen jüdischen Gemeinde eine ihrer drei prachtvollen Synagogen zu einem Feldgottesdienste für die deutschen Soldaten zu erhalten. Auch nicht zu einer Stunde, in der sonst die Synagogen nicht benutzt werden. Und ebensowenig konnte ich eine Bewirtung der jüdischen Soldaten in einem besonderen Raume der „Billigen Küche" gegen Bezahlung durchsetzen. Der Kronsrabbiner setzte mir wiederholt die Gründe auseinander, die den Vorstand zu seiner ablehnenden Haltung zwangen: Furcht und Angst vor dem zahlreichen blut- und raubgierigen Gesindel, das sich unter allen möglichen Namen hier herumtreibt und nur aus den Augenblick wartet, da die Deutschen abziehen werden. Hoffentlich gelingt es früher, diesen von der Entente

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