Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1918)
- Date
- 1918-07-19
- Page
- Seite 341 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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341 Außerdem ist in letzter Zeit, auf Initiative des Herrn Wuchs, eines rührigen Philanthropen aus Moskau, die Summe von 200 000 Rubel von hier weilenden (Kästen aus Rußland gezeichnet worden. Sovalv diese Gelder eintresfen, werden sie ihrer Bestimmung zugeführt werden. Angesichts der rmmer mehr zunehmenden Not in den okkupierten Gebieten ist der Verein bestrebt, seine Einnahmen zu vermehren, unv sucht er vor allem von seinen mehr wohlhabenden Mitgliedern höher« Monatsbeiträge zu erlangen. Eine ganze Reihe von Vereinsmitgliedern hat bereits ihre Beiträge erhöht. D Es ist stärkend, darauf hinzuweisen, daß das jüdische Herz noch schlägt. Wenn Millionen tätig sind, Unglück zu stiften unb Wunden zu schlagen, so ist es gut, daraus hinzuweisen, daß es noch überall Menschen gibt, die bereit sind, Wunden zu heilen, zu trösten, zu Helsen! Kroerrnd Msrms,tzalt. (1814—1911.) Von König!. Musikdirektor A. F r i e d m a n n (Berlin). arcus .Hast, der ehemalige Oberkantor der Londoner „Great Synagogue", eine Leuchte am jüdisch-musikalischen Himmel, wurde am 2. Januar 1840 in Prag« bei Warschau geboren. Sein Vater gehörte dem wohlhabenden Kausmannsstande an und lieh, seinen Verhältnissen entsprechend, seinem Sohne einen gediegenen Unterricht im Hevräischen und in den Profanen Wissenschaften angedeihen. Schon in seinen Jünglingsjahren wurde er, infolge seines Scharfsinns in den talmudischen Disziplinen, der Pragaer 'lx'7'P genannt. Außer für seine talmudischen Studien zeigte er auch reges Interesse für Gesang und Musik. Beim Pragaer Kantor Mosche Michel Slaninski erhielt Hast die erste musikalische Anregung, und er war eifrig bemüht, sich die Synagvgengesangsweisen anzueignen. Seine sympathische Stimme, sein gefühlvoller Vortrag und sein tiefes Verständnis für die hebräischen Gebete verschafften ihm die Kantorstelle in der Januscher Privatsynagoge in Warschau, wo er acht Jahre zur allgemeinen Zufriedenheit amtierte. Während dieser Zeit oblag Hast eifrigen Studien in Gesang, Klavier und in der Theorie bei dem Musikpädagogen Köhler und zeigte in allen diesen Fächern große Begabung. Besonderen Geschmack entsilltete er im Gesänge für den oratorischen Stil, als ahnte er, daß er in dieser Gesangsgattung später Beachtenswertes leisten sollte. Inzwischen gründete Hast seinen Hausstand, indem er sich mit Fanny Weinstock, die auS einer hochachtbaren Familie seiner Geburtsstadt stammte, verheiratete. Nun wurde in Hast das Verlangen rege, seine in Warschau gewonnenen musikalischen Kenntnisse in Deutschland zu erweitern und zu vertiefen. Er wandte sich daher nach Thorn (>864), wo eine Kantorstelle vakant war. Hier blieb Hast über die hohen Feiertage und erfreute sich, infolge feiner talmudischen Kenntnisse, des Wohlwollens des Gelehrten Hirsch Kalischer. Da aber aus der Anstellung nichts wurde, ging Hast nach Breslau. Hier gelang es ihm, infolge von Hirsch Kalischers Empfehlung und der des Warschauer Rabbiners an den Breslauer Rabbiner Tiktin, die Kantorstelle am Tempel zu erhalten. In dieser Stadt pflegte Hast eifrigen Verkehr mit Deutsch und mit anderen Breslauer Musikern. Alle diese regten seine lkantovale und kompositorische Weiterbildung an. Seine talmudische Gelehrsamkeit bereicherte er durch iden steten Umgang mit Tiktin. So verbrachte Hast seine sechsjährige Amtsdauer in Breslau mit ernsten Studien. Allein sein Stern sollte nicht in Deutschland, sondern in England aufgehen. Hast richtete sein Augenmerk auf die in London vakant gewordene Oberkantorstelle am Großen Tempel. Durch Tiktins warme Empfehlung an den Chief Rabbi Nathan Adler erlangte Hast eine Berrrsnng zu einer Probe. Mit seinersonoren Tenorstimme und seinem seelenvollen, dramatischen Vortrag erntete am Freitagabend uud am Sabbatmorgen sensationellen Beifall. Die Gemeinde war ergriffen vom Klang seiner schönen Stimme und von seiner religiösen und musikalischen Empfindung beim Vortrag der Gebete. Und als der letzte Vers von Jigdal verklungen und der Gottesdienst zu Ende war, löste sich die Empfindung der Gemeinde in einem einstimmigen “jma "lUH1 Ruf auf. Hast betete dann auch aus Wunsch des Vorstandes die .ganze darauffolgende Woche und zeigte hierbei seine volle Vertrautheit mit den traditionellen Weisen des Wochengottesdienstes. So erfolgte Hafts einstimmige Wahl am 4. Juni 1871 zum Oberkantor der Great Synagogue. Dieses Ereignis ries das größte Interesse hervor und die Tagespresse gratulierte der Gemeinde zu dieser Wahl. Nach dem Wahlakt sprach Hast seinen Dank, der den ganzen Menschen kennzeichnete, aus englisch aus. Mit der Annahme der Londoner Stelle beginnt eine überaus vielseitige Tätigkeit Hasts. Hier fand er ein großes Betätigungsfeld. Er schuf vierstimmige Chöre und geregelte Rezitative und war bemüht, den Gottesdienst würdig auszugestalten. Die Frucht seines unausgesetzten Schaffens war die Herausgabe seiner Gesänge fNiOVN NNO (1879) „Der Gottesdienst"^. Die Veröffentlichung solcher Gesänge war für England neu und die erste dieser Art. So war Hast zugleich der erste Komponist für Synagogenmusik in seiner Gemeinde. „Es ist nach meiner Ansicht", schreibt Hast in der Vorrede, „von besonderer Dringlichkeit, daß unsere Jugend in das Studium unserer Nationalmelodien eingesührt wird, damit sie auf einer Stufe der Vertraulichkeit durch ein neues und engeres Band mit unserer Religion verkettet werde." Das Werk enthält neben einigen von Hast in Harmonie gesetzten Kompositionen alten Ursprungs auch eigene Rezitative und vierstimmige -Gesänge. Um dem Werk eine größere Brauchbarkeit zu verschaffen, fügte Hast dem hebräischen Texte eine deutsche und eine englische Uebersetzung bei. Der Komponist sieht diese Sammlung als „Vorläufer zur Gründung eines geordneten Nationalsystems geweihter Synagogenmusik" an. Diese Hastschen Gesänge fanden zunächst in den englischen Gemeinden begeisterte Aufnahme, und viele bedeutende Musiker Londons sprachen sich über Hasts Musik sehr lobend ans; die vielseitige Anerkennung, die Hast in London fand, gab seinem Schaffensdrang eine mächtige Anregung. Hast verwendete seine kompositorische Begabung nicht allein für synagogale Gesänge, sondern betätigte sich auch auf dem oratorischen Gebiete. Sein erster Versuch im oratorischen Stil war die von ihm 1876 komponierte dramatische heilige Kantate „Bostania". Als erstes größeres Oratorium erschien dann „Azaria", das am 23. Oktober 1884 seine Uraufführung in der großen St. Andrews Hall zu Glasgow erlebte. Chor und Orchester zählten zusammen 400 Damen und Herren und für die Soli waren Bühnensänger ersten Ranges engagiert. Wie bei einem neuen Werke zu erwarten war, waren alle Kritiker der Stadt zugegen. Die Blätter machten folgende Bemerkung: ,Azaria' ist ein großes und wichtiges Werk. Wenn nicht alle, so sind doch die meisten Nummern effektvoll und gelungen. Der Komponist hat sehr reiche Harmonien in einer einfachen Weise geschrieben. Manche darunter sind von bedeutender melodischer Schönheit." Die Aufführung war in jeder Hinsicht gelungen. Das Auditorium war dermaßen entzückt, daß manche den Direktor ausforderten, sofort zu wiederholen. — Hast entfaltete sein kompositorisches Talent auch anläßlich der hundertsten Geburtstagsfeier von Moses Montefiore (1884). i) Baron und Baronin Rothschild, in deren Hanse er verkehrte, gewidmet.