Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1918)
- Date
- 1918-07-19
- Page
- Seite 340 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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340 Palästina eine jüdische Republik? L o n-d o-n , 4. Juli. Der Spezialkommifsär für Palästina bei den Vereinigten Staaten, Vekunah Barak, erklärte auf dein Jüdischen Kongresse, der soeben zu Boston abgehalten worden ist, die neue israelitische Republik werde in Bälde einen offiziellen Stellvertreter erhalten. Noch ist die Frage völlig ungelöst, ob ein jüdischer Staat gebildet werden soll, und schon hat ein findiger Kopf die Republik geschaffen und keine größere Sorge als die, einen Vertreter dieser Republik zu bestimmen!! * Ganz schauderhafte Aussicht eröffnet folgende Ausführung des Jüdischen Preßbureaus in Stockholm. Wir möchten gern glauben, daß die Befürchtungen sich nicht erfüllen: Rumänische Methoden in Finnland. Bevor st eh ende Vertreibung aller Juden aus Finnland. Von den Juden in Finnland dringt ein Hilferuf in die zivilisierte Welt. Die reaktionäre Regierung des Landes, die mit Hilfe deutscher Trupven die Revolution zertrümmert hat, holt zu einem vernichtenden Schlage gegen die Juden des Tandes aus. Der Senat legte den Beschluß des Landtages, der den Juden des Landes die Bürgerrechte gewährt, dahin aus, daß die Juden berechtigt sind, individuell u m d i e N a t u r a l i fa t i o n einzukommen, und darauf erklärte die finnische Regierung, daß nur diejenigen Juden der Bürgerrechte werden teilhaftig werden, die in den Reihen der Weißen Garde gekämpft haben. Damit nicht genug, erließ die Regierung den Befehl, daß s ä m t l i ch e I u d e n a l s Fremde bis zum 3 0. September d. I. das Land zu verlassen haben. Ilm diesem Befehl mehr Nachdruck zu verleihen, erließ sie die Verfügung an die kommunalen Verwaltungen, nach dem 30. September d e n I u d e n d i e A b g a b e v o n L e b e n s m i t t e l n z u verweigern, um ihnen keine Möglichkeit zu geben, das Aufenthaltsverbot zu umgehen. Diese drakonischen Maßnahmen zeigen, daß die aegewvärtig am Ruder befindliche reaktionäre Negierung in allen Stücken sich die Methoden der rumänischen Regierung angeeignet hat, die seit Jahrzehnten einen europäischen Skandal bilden. Dabei leben in Finnland nicht etwa Hunderttausende von Juden, sondern etwa 300 indische Familien, und zwar in den Städten Helsingfors. Abo und Wiborg. die, wie ieder vorurteilslose Kenner der Verhältnisse anerkennen muß. für die wirtschaftliche Hebung des Landes außerordentlich viel geleistet haben. Diese' jüdischen Familien leben nunmehr wegen der bevorstehenden Vertreibllng in der größten Verzweiflung und appellieren an die zivilisierte Welt um. Beistand. * Aus den Berichten des Stockholmer Bureaus folge hier eine Auslese von Mitteilungen, die alle nicht geeignet sind, uns froh zu stimmen. Ein nationaler Tranertag der x* u f f t f d> e n I u d e n. Der vergangene 23. Mai wurde von der Jüdischen Gemeinde in Petrograd und in vielen anderen Städten als nationaler Tranertag der russischen Juden gefeiert. Der Anlaß zu diesem Trauertag waren die ungeheure Anzahl von Pogromen, die die Juden in Rußland in den letzten Monaten heimgesucht haben, und die Pogromgefahr, von der sie unausgesetzt bedroht sind. Am erwähnten Tage waren in Petrograd sämtliche jüdische Schulen und die anderen öffentlichen jüdischen Anstalten geschlossen, und in allen Shnagogen wurden Trauergottesdienste abgehalten. Da Gerüchte von einem unmittelbar bevorstehenden Pogrom in Petrograd in Umlauf waren, so setzte der Rat der Volkskommissare eine Kommission mit der Aufgabe ein, Maßnahmen zur Vorbeugung von Pogromen in Petrograd zu treffen und namentlich für die Aufrechterhaltung der Ordnung während der jüdischen Trauergottesdienste am 23. Mai zu sorgen. Wie Rumänien d i e U m g e h u n g des Bukarester Friedens vorbereitet. Der „Jüdischen Rundschau" zufolge druckt die von der deutschen Okkupationsmacht heraus gegebene Zeitung „Gazetta Bucurestilor" oom 46. Juni aus dem rumänischen Regierungsorgan „Jassy" einen Aufsatz ab, der die Methode bezeichnet, mit welcher die Durchführung der Gleichberechtigung trotz des Artikels 28 verhindert werden soll. Im zitierten Aufsatz wird behauptet, daß das rumänische Parlament außerstande fei, die jüdische Gleichberechtigung ohne Verfafsungsreviston durchzuführen. Zu einer Verfassungsrevision fei aber die Auflösung des gegenwärtigen Parlaments und die Wahl eines neuen Parlaments notwendig, und der Artikel des rumänischen Negierungsorgans findet folgenden Ausweg aus der durch den Bukarester Frieden geschaffenen Lagei „Um die Bestimmungen -des Artikels 28 des Friedensvertrages anfrechtzuerhalten, wird die Regierung vorläufig ein Gesetz über die Einbürgerung von Ausländern erlassen, das aber keine praktische Wirkung haben und seine Rechtsgültigkeit erst nach der Ratifizierung durch das neue Parlament erlangen wird. Auf solche Weise werden wir sowohl unserer Unterschrift als auch der Verfassung gerecht." Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger als die Vereitelung der indischen Gleichberechtigung auch für diejenigen Kategorien, wie sie der Bukarester Friede vorschreibt. Etwas' anderes .kann die sattsam bekannte rumänische Verschleppungsmethode nicht bezwecken. Ein Protest des Jüdischen N a t i o n a l r a t e s in K i e w gegen die Annexion B e ß a r a b i e n s. Wie wir erst setzt erfahren, beschäftigte sich der Jüdische Nationalrat in tn Mn sämtliche jüdische politische Parteien der Ukraine vertreten sind, unmittelbar vor dem Fall der Rada mit der von Rumänien geplanten Annexion Beßarabiens und faßte eine Resolution. die lautet: Der provisorische Jüdische Nationalrat drückt seinen schärfsten Protest gegen die Annerion Beßarabiens durch die rumänische Oligarchie aus, deren reaktionäre chauvinistische Politik im Widerspruch zu den Interessen der Arbeiterschaft und der Bauernklasse stand, und die jetzt neocn alle Errungenschaften der Revolution gerichtet ist. dw sie mit Mitteln bekämpft, die namentlich hinsichtlich der indischen Bevölkerung die grausamsten Formen annebmen. .Der Jüdische Nationalrat als höchstes Organ der jüdischen Nation in der Ukraine drückt den festen Willen der indischen revolutionären Demokratie ans. Hand in Hand mit der Demokratie der anderen Völker einen energischen Kamvf aegen diese Annerion zu führen und für die Herstellung van Bedingungen. unter denen die Völker B»'st aeabiens. frei von Mit Druck iraendwelcher Armee, über ihr Schicksal selbst bestimmen sollen, sowie für die Sichersiellnna der bürgerlichen and nationalen Gleichberechtianng der iüdsichen Nation, sowohl in Beßarabien, als auch in Rumänien. Der Nationalrat ist überzeuat. das; ein Protest und seine Forderungen die Stütze der internationalen Deinvkratie finden werden. die alle ihre Energie dafür einsetzen wird, um die linierst,''ltzmm van Völkern durch Mächte zu verhindern, die sich Erobernngsziele gestellt haben." * Um gegenüber diesen unerfreulichen Meldungen doch etwas Stärkendes und Erhebendes geben m können, sei an? den Mitteilungen desselben Bureaus noch 'folgende Notiz gebracht. K r ieg s hil f sa rb e i t in S t o ck h o l m. Seit Ende September 1916 besteht hier in Stockholm ein Hilssverein für die vom Kriege betroffenen Juden. Der Zweck des Vereins ist. den indischen Krieasopfern der okkupierten Gebiete Rußlands sowie Palästinas Unterstützung zu gewähren. Der Verein hat während seines zweijährigen Bestehens eine rührige Tätigkeit entfaltet, und es ist ihm gelungen, verhältnismäßig bedeutende Sunimen für den gedachten Zweck aufzubringen. Der Verein bekommt seine Mittel einerseits durch Mitglredsbeiträge, anderseits durch Sammlungen. Die 350 Mitglieder. die der Verein gegenwärtig zählt, zahlen insgesamt rund 5000 Kronen monatlich. Von Anfang Sevtomber 1916 bis Ende Oktober 1917 belief sich die Einnahme aus den Mitgliedsbeiträgen auf rund 43000 Kronen, aus Sammlungen erhielt der Verein in diesem Zeitraum zirka 112 000 Kronen. Von der Petrograder Gesellschaft für die vom Krieae betroffenen Juden erhielt der Verein 72 000 Kronen. Von Anfang November 1917 bis Ende Mai 1918 erhielt der Verein aus Mil' glied.sbeiträgen 25 000 Kronen, aus Sammlungen 68 000 Kronen und von der Moskauer Hilfsliga für die vom Kriege betroffenen Juden 40 000 Kronen. Seit seiner Gründung bis jetzt hat der Verein nach Warschau rund 60 000 Kronen gesandt, nach Wilna 86 000 Kronen., nach Lodz 54 000 Kronen und nach Palästina 11000 Kronen. Der Rest wurde nach verschiedenen kleineren Orten überwiesen.