Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1918)
- Date
- 1918-07-19
- Page
- Seite 338 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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338 die Schläfer aus ihren verhängnisschwanHeren Jrrtümern zu - wecken versucht, und der furchtlose Wahvheitsfager. der die herankommende Gewitterwolke noch aus weiter Entfernung gesehen und, ein Gelächter und ein Anstoß Len Frommen, die den Gottestempel für unzerstörbar halten, das nahende Verhängnis allen kündet, -die es nicht hören wollen. So hätte denn Stefan Zweig einen echten Jeremias nachgebildet, wenn er ihm nicht auch wesensfremde Züge angedichtet hätte, die wir an ihm nicht kennen, die sogar verstimmend wirken müssen. Wenn man die den einzelnen Bildern (mit meist fehlerhafter Quellenangabe) Vorgesetzten' Bibelstellen aufmerksam liest, so wird der Schriftkundige bald bemerken, daß Zweig die lutherische Uebersetzung benutzt hat. Warum eine Uebersetzung und warum die lutherische? Sollte ihm die Ursprache eine terra incognita sein? Schlimmer ist, wenn der Achter beim Eindringen des Feindes in die heilige Stadt das rasende Volk rufen läßt: Kreuziget ihn! und Jeremias, die Hände „kreuzgebreitet", ausruft: Was zögert ihr noch? Den seligen Preis Des Martertodes, ich will ihn bezahlen! O wie durstig bin ich der Martern und Qualen, Denn ich weiß, D-w am Kreuze hinstirbt in irdischer Bein, Wird der selige Mittler und Fürbitter sein . . . Seine Arme, die brechend am Kreuzholz hangen. Werden liebend die Seele der Welt einst umfangen. Seine Livpen, die schmachtend verlöschen und brechen. Das erlösende Wort deS Friedens aussprechen. Seine Seufzer werden zu Wohllaut werden. Seine Qual die ewige Liebe 'auf Erden . . . Das ist eine Verchristlichung deS Jeremias, die ich trotz dichterischer Freiheit vom Standpunktbeider Testamente nicht bloß für unzulässig halte, sondern für inkonsequent und unwahr, weil die als typisch bekannte Persönlichkeit des Helden nicht mehr aus einem Gusse geformt erscheint. Warum mußte 'das Gottesvolk ein Leidensvolk werden? Warum ist das Golus sein Los, die Heimatlosigkeit sein Schicksal geworden? Die Antwort auf diese Frage, die Frage nach der immanenten Idee unserer Geschichte, legt der Dichter am Ausgang der Tragödie dxn ins Exil nach Babylon Ausziehenden mit folgenden Worten in den Mund: Wir wandern den heiligen Weg unserer Leiden Von Prüfung und Prüfung zur Läuterung, Wir ewig Bekriegte und ewig Besiegte, Wir ewig Verstrickte und ewig Befreite, Wir ewig Zerstückte und ewig Erneute, Wir aller Völker Spielball und Spott, Wir einzig Heimatlosen der Erde, Wir wandern in alle Ewigkeiten. Die Letztgebliebenen unendlicher Schar, Heimwärts zu Gott, Der aller Anfang und Ausgang war. Bis daß er uns selber die Heimstadt werde, Der ruhlos wie wir mit Sternen und Jahren Die Welt umwandert und leuchtend umkreist. Und wir ganz aufgehn im Unsichtbaren: Verlorenes Volk, unsterblicher Geist! Ein Chaldäer, der die Verbannten erhobenen Hauptes in das Elend der Fremde schreiten sieht, bemerkt: „Man kann das Unsichtbare nicht besiegen! Man kann Menschen töten, aber nicht den Gott, der in ihnen lebt. Man kann ein Volk bezwingen, aber nie seinen Geist." Jeremias, die menschgewordene Idee seines Volkes, wird den vielen, die des Hebräischen unkundig sind, durch das von Dichterhand entworfene Gemälde lebendig und durch Reflexe aus unserer Zeit verständlicher werden als der tragische Hold innerhalb der Tragödie seines Volkes. Sir Woche. Berlin, 16. IM 1918. n großer Erwartung harren wir der kommenden Ereignisse. Deutschland hat nun offen erklärt, daß es nicht daran denke, Belgien zu behalten; es hat feine Geneigtheit zu Friedensunterhandlungen deutlich bekundet. An unseren' Geguexn wäre es, solche ernstgemeinten Erklärungen würdig aufzunohmem Sie aber antworten nur mit Hohn, sehen in jeder Darlegung unserer Ziele nur eine Offenbarung angeblicher Schwäche, vertrauennoch! immer auf ihre Stärke, wollen uns niederzwingen und bereiten sich, falls ihnen das nicht gelingen sollte, auf einen Wirtschaftskrieg vor, durch den sie uns Vernichtung androhen. So geht die Menschheit, trauernd das Haupt verhüllend über diese schauderhafte Zerstörung aller KEurwerte, einem fünften Kriegsjahre entgegen und muß weiter die Lasten tragen, die durch die Hartnäckigkeit unserer Feinde uns und allen auserlegt sind. Wie lange noch? Wann wird endlich eine Aussicht auf Frieden sich eröffnen? * In i)v:\ deutschen Körperschaften -war von den Juden die Rede. In einer Sitzung des Preußischen Herrenhauses fand eine Verhandlung statt, über welche die Zeitungen folgendes berichten: Fürst Salm-Horstmar: Ich spreche nur -für mich persönlich. Wir erleben jetzt einen Ansturm der demokratischen Auffassung gegen die aristokratische. Sie findet ihre stärkste Stütze in der internationalen jüdischen Rasse. Ein Werkzeug zur Verwirklichung ihrer Ziele sind die internationalen Freimaurerorden. Trotzki und Lenin sind auch Juden und gehören der Loge „Art et traivail“ in Paris an. Herzog v. Trachenberg: Ich bin weder Jude noch Freimanrer und fühle mich also persönlich nicht getroffen. Aber Juden und Freimaurer sind Angehörige des deutschen Volkes und dienen bei der Armee im Felde oder tun in der Heimat ihre Schuldigkeit. Ich kann nur mein tiefes Bedauern darüber aussprechen, daß man hier das Trennende hervorgehoben hat. (Zustimmung.) Wir brauchen den Siegeswillen und die Einigkeit unserer Krieger, die uns vor dem Einbruch der Feinde schützen, aber wir brauchen auch die Einigkeit im Innern. Nur diese befähigt uns zum Durchhalten in diesem schweren Krieg. Die Worte des Vorredners haben die Einigkeit im Innern geschädigt. Wir sollten uns an die Kaiserworte halten: Ich kenne keine Parteien! (Lebhafter Beifall.) Staatssekretär a. D. D e r n b u r g: Diesen Worten kann ich mich nur anschließen.' Die Ausführungen des Fürsten Salm-Horstmar müssen einen großen Volksteil verbittern. * Im Deutschen Reichstage kam es zu nachstehender Anfrage und Erwiderung: Die Abgeordneten Noske (SozJ und Cohen (Soz.) verweisen darauf, daß in Warschau und Lodz Aufrufe angeschlagen worden sind, die in unverblümter Weise zu Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung auffordern. Diese aufreizenden Schriftstücke konnten drei Tage lang an allen Ecken und Enden der beiden Städte prangen, bevor sie entfernt wurden, während die Polizei sonst die Beseitigung, unerwünschter öffentlicher Aufrufe im Handumdrehen zu bewerkstelligen weiß. Den jüdischen Zeitungen Polens wurde von der Zensur verboten, irgend etwas über diese Pogromplakate zu schreiben, während der polnischen in Lodz erscheinenden Zeitung „Nowh Kurjer Lodzki" nicht nur gestattet war, -die Aufrufe im Wortlaut wiederzugeben, sondern sie noch dazu sagen konnte: „Der Inhalt dieser Ausrufe entspricht der Stimmung der polnischen Massen." Unterstaatssekretär Lewald: Es ist richtig, daß Flugblätter, in denen „zur Vertilgung der jüdischen Bande" aufgefordert wird, in den letzten Monaten wiederholt nachts in Warschau angeschlagen worden sind. Für Lodz ist das polizeilich nicht festgestellt worden. Die Flugblätter sind jedesmal so schnell wie möglich von deutschen Polizeiorganen entfernt worden. Hierzu war ein ausdrücklicher Befehl er gangen. Bei der Ausdehnung von Warschau und bei der geringen Zahl deutscher Polizeimannschaften' ist es immerhin möglich, daß an den wenig belebten Stellen der Stadt die Aufrufe nicht sofort -entfernt