Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1918)
- Date
- 1918-07-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 19. Juli 1918 82. Jahrgang. Nr. 29 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements?Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 81 — Postscheckkonto 32h. VegrLndet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des 9 Geheimen »egienmgsratr Professor vr: Ludwig Seiger Verlag: Rudolf Messe, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße <*6-49, zu richten. Verlag vom Rudolf Mosfe, Berlin. Jeremias. Von L. Eckstein. — Die Woche. — Reverend Lßöüü/Uüü. Marcus Hast. (1S14 — 1911.) Von Königl. Musikdirektor A. Friedmann (Berlin.) — Jüdische Oberlehrer in Preußen, dl. G. — Die Juden in der Ukraine und am Asowschen Meer. Von Dr. Tänzer, Armeerabbiner der Heeresgruppe Eichhorn. — Feuilleton: Jedem das Ceinige. Roman von M. Pulvermann. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Aus der Provinz Posen, Leipzig, Fürth, Köln, Derenburg a. H., Göttingen, Frankfurt a. M., Stuttgart, Wien, Bukarest. — Von Nah und Fern. tjrrnmae. Von A. Eckstein. lljährlich um diese Zeit, vor und nach dem 9. Aw, erneut sich in der Seele aller nachdenklichen Zionsfreunde die Erinnerung an die erste Tragödie in der an Tragödien reichen Geschichte Israels, an den durch Babels kriegerischen Ansturm erfolgten Zusammenbruch des ersten judäischen Nationalstaates. Im Vergleich zu der Völkertragödie, die wir seit nahezu vier Jahren mit ihren immer stärker werdenden Erschütterungen erleben, macht jene, zumal aus zeitlicher Entfernung angesehen, den Eindruck eines bloß örtlichen Erdbebens. Dennoch kann das Nacherleben jener Zeit und ihrer Ereignisse in vielfacher Beziehung zum besseren und tieferen Verständnis unserer gegenwärtigen Zeit und Erlebnisse beitragen. Man denke z. B. an die Sittenverderbnis, die als beklagenswerteste Folgeerscheinung des langen Krieges anstatt der anfangs erhofften Läuterung große Volkskreise wie eine krankhafte Wucherung ergriffen hat; muß nicht bei solchen Wahrnehmungen jeder Bibelkundige an Jeremias erinnert werden, den großen Sittenprediger, der den Feuerbrand seines Wortes in die Seelen seiner Volksgenossen geworfen und ausgerufen hat: „Streifet umher auf den Straßen und suchet aus den Plätzen von Jerusalem, ob ihr einen Mann finden werdet, einen, der Recht übt und Redlichkeit anstrebt?" Ein Charaktevkops von ausgeprägter Eigenart unter den GotteSmänn-ern der Vorzeit ist der Mann, der das Elend gesehen hat. Man stelle sich vor, daß ein Mann von jeremianischer Natur, mit seiner Augenklarheit und seinem Wahrheitsfanatismus, mit seiner Empfindsamkeit im Gemüte und seiner Härte im Urteilen, auf den Straßen und Plätzen von Paris auftauchen und hinausschreien würde: „Ihr habt eine verkehrte Politik getrieben, darum öffnet sich ein Abgrund vor euren Füßen, der die volkreiche Stadt, die „Krone der Schönheit" in den Augen aller Völker, zu verschlingen droht!", was würde das Los eines solchen Mannes sein? Genau das hat vor Jahrtausenden Jeremias in Jerusalem getan. Er war „Pazifist", wie man heutzutage höhnend und vorwurfsvoll ihn nennen würde. Darum wurde er von den Hurrapatrioten von Jerusalem zum Tode verurteilt. Schlimmer als Schläge und Block, als Kerker und Grube, ja schlimmer sogar als das über ihn ausgesprochene Todesurteil war, daß die Nationalisten von Jerusalem ihn als spionageverdächtigen Vaterlandsverräter brandmarkten und dafür ins Angesicht spien. Das hat ihm, dem echtesten unter den Vaterlandsfreunden, schier das Herz gebrochen. Und zu dem nationalen Schmerze, an dem er unsagbar gelitten, gesellte sich der stärkere Druck des moralischen Schmerzes, zu wissen: mein Volk hat durch seine Verderbtheit seinen Untergang selbst verschuldet und den König klagt die Schuld >des begangenen Treubruchs an, ich aber, ein Zukunftschauender, ich vermag nicht zu wenden das Unheil meines unglücklichen verblendeten Volkes. Das ist die Tragödie eines Helden inmitten der Tragödie eines Volkes. „Er ist vielleicht der größte tragische Charakter, der je in der Geschichte hervorgetreten ist", so äußert sich M. Lazarus in seiner tiefeindringenden Studie über den Propheten Jeremias (S. 24). .Kein Wunder, daß gerade unter der Einwirkung unserer im Verlaufe des Weltkrieges erlebten Erfahrungen ein zeitgenössischer Dichter dieses Stoffes sich bemächtigt und es unternommen hat, das Tragische dieser Prophetenseele im Rahmen der Tragödie seines Volkes zu schildern. Ich meine Stefan Zweig und seine Dichtung: „Jeremias. Eine dramatische Dichtung in neun Bildern." (Insel-Verlag 1917.) Keiner, der diese aus heißer Empfindung und glühender Seele quellende, schon durch ihre prophetische Sprachgewalt wirkende Dichtung mit einem jüdischen Herzen gelesen hat, wird ohne Ergriffenheit bleiben können. Lebendig wird da in der Tragödie der Vergangenheit zugleich die der Gegenwart, und lebendig wird das Wort: „Von außen wütet das Schwert, im Innern schreitet das Gespenst des Todes." Lebendig und besonders wirksam sind die Volksszenen. Die Schilderung, wie die Schwätzer 'der Gassen von Jerusalem jeden Widerspruch des dem Frieden das Wort redenden Jeremias niederschreien, wie die von einem Taumel der Raserei ergriffenen Massen gleich einem anschwellenden Strom den zögernden und schwankenden König Zidkias mit sich fortreihen und zum Treubruch gegen den ehemaligen Verbündeten zwingen, erinnert an die bekannten Vorgänge auf den Straßen von Rom, die in den Maientagen des Jahres 1916 den italienischen Treubruch herbeigeführt und gefeiert haben. Selbstverständlich haben dieselben Volksmassen später, als die Erwartung des Sieges in die Gewißheit der Mederlage sich verwandelt hatte, den König für das wesentlich durch ihre Mitwirkung angerichtete Unglück allein verantwortlich gemacht und dem Propheten die Vorverkündung als Verschuldung des Unheils ausgelegt. Wirkungsvoll ist auch die Darstellung der ekstatischen Zustände in der Seele des Propheten, die von der Volksstimme als Besessenheit beurteilt werden. Er ist der wachende Träumer, der träumende Wächter in der heiligen Stadt, der