Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-07-12 · Heft 28 (12.7.1918) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 28 (12.7.1918)
Date
1918-07-12
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229339-3229367--74155-3286633
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

„Wozu beten wir?", „Bedeutung des Opfers in der jüdischen Religion", „Problem der Theodizee", „Das Wesen der jüdischen Ehe", „Jüdische Erziehungsprobleme", „Aberglauben und Judentum". In kleineren Kreisen bildeten mehrmals wöchentlich Abschnitte aus Pentateuch und Talmud den Gegenstand eifrigen Studiums. Die Mädchengruppe beschäftigte sich in beiden Semestern vornehmlich mit Hirschs 19 Briefen, die .unter Leitung von Herrn F. Ko res gelesen und besprochen wurden. Während des Sommers hielt Herr I. Kahan in mehreren Wochenstnuden einen hebräischen Sprachkursus ab. Auch öffentliche Vortragsabende wurden veranstaltet, die regelmäßig von 150 bis 200 Teilnehmern besncht waren. Eine aus Damen und Herren des Vorstandes gebildete Kommission versandte an die im Heeresdienst befindlichen Anhänger und Mitglieder regelmäßig Liebesgaben in Form von rituellen Lebensmitteln und jüdisch-literarischer Kost, die, wie aus den Antwortpriefen hervorgeht, die willkommenste Abwechselung im eintönigen Feldleben bildeten. Hierfür hatten mehrere Gönner größere Geldmittel in dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt. — Obgleich die Tendenzen der Aguda nicht die unsrigen sind, halten wir es doch für unsere journalistische Pflicht, den Bericht über ihre Wirksamkeit werteren Kreisen bekanntzugeben. Berlin, 9. Juli. Prof. Tr. Wilhelm Walther hat sollende Aeußerungen Luthers über die hebräische Sprache zusammengestellt: „Die hebräische Sprache hat ihre eigene, sie von der griechischen, lateinischen und deutschen unterscheidende Farbe, sie ist die allerbeste und reichste an Worten", insofern sie nicht wiese ne „bettelt". Jene anderen haben für manches nicht ein eigenes Wort. Sie müssen häufig etwas aus anderen Worten entlehnen und daraus ein neues zusammenstellen. Im Deutschen haben wir etwa das Wort „lausen". Dieses fügen wir dann mit anderen Bestandteilen zusammen und reden von „entlaufen, verlaufen, umlaufen, belaufen, zulausen, ablaufen, weglaufen,. einlaufen" usw. Dafür hat die hebräische Sprache keine zusammengesetzten Wörter, sondern „spricht ein jedes Ding mit seinem eigenen, besonderen Wort aus". Ebenso gebrauchen wir Deutschen ein Wort in sehr verschiedener Bedeutung. So können wir mit „Herz" ein „Stüctlein unseres Leibes" meinen. Wir reden aber auch davon, jemand habe kein Herz, und wir wollen ihn damit als „kleinmütig und verzagt" bezeichnen. Wir gebrauchen auch die Wendung: „Das Herz sagt es mir", oder: „Sein Herz brennt ihm", welch letzteres besagen null, „er ist zornig". „Da hat der Hebräer in einem jeglichen sein sonderlich und eigentlich Wort." Anderseits hebt Luther hervor, daß diese Sprache nicht viele Worte macht, sondern „einfältig" ist, zugleich aber „majestätisch und herrlich, schlicht und wenig von Worten, aber da viel hinter ist", während die griechische Sprache „wohl freundlich und holdselig" ist, aber sich mit „guten und lieblichen Worten" begnügt. — Oder er beachtet, wie reich die hebräische Sprache an bildlichen Allsdrücken ist. „Unglück leiden" nennt sie „trin'ken". „Strafen, peinigen, martcnt und allerlei Plage antnn" nennt sie „einschenken oder zu ' trinken geben". Daher der hällfig gebrauchte Ausdruck: „der Kelch des Herrn", womit „die Strafe, die er einem jeglichen ein schenkt oder zuteilt", gemeint ist. Ebenso redet sie von „Trunkenheit", wenn jemand, sei es vor Freude oder durch Leid, ganz außer sich, gerät. 6. Beutherr O.-S., 5. Juli. Vor dem Kriegsgericht in Oppeln fand der ruchlose Raubmord seine Sühne, der am 4. Februar >d. I. am hellichten Tage an dem 75jährigen Kaufmann L ö w e n st a m m in Guttentag begangen wurde, der als Vorstandsmitglied der Synagogengemeinde die Ge mein de kaffe verwaltete. Der Mörder, der sich and) wegen eines anderen Raubmordes zu verantworten hatte, wnröe zweimal zuul Tote, seine Komplicen und Mitwisser Zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt. * Lifsa i. Pr., 5. Juli. Am 28. v. M. verstarb unser erster Gemeindevorsteher, der Kaufmann Julius B a g i n s k y. Seit 1b Jahren war er Mitglied des Gemeindevorstandes, feit 12 Jahren Vorsitzender 'des Vorstandes. All sein Wissen lind Können stellte er mit Vesten Erfolgen in den Dienst der Gemeinde, und and) in den vielen anderen Aemtern, die er bekleidete, z. B. als Vorsitzender des Vorstandes des Israelitischen Kranken- und Beerdigungsvereins, als Mitglied des jüdischen Schulvorstandes, als Kurator der Abraham und Bertha Sachsscheu Stiftung, hat er überaus segensreich gewirkt. An der in der Synagoge aufgebahrten irdischen Hülle des Verblichenen widmete Rabbiner Dr. Gelles warme Worte innigen Gedenkens der Lauterkeit seines Charakters, fernem' tief religiösen, echt jüdischen Empfinden, seiner unablässigen Fürsorge für die Armen und Kranken, seinem unermüdlichen, auf das Wohl seiner Gemeinde gerichteten Streben und ArbeitM seiner treuen Sorge für die Jugend und die Ztcktmft des Judentums, seinem aufrechten, mannhaften, selbstlosen Eintreten für die Ideale, die er im Herzen trug. Auf -dem Friedhofe würdigte Rechtsanwalt Dr. Jakobsohn als Mitglied des Gemeindevorstandes die großen Verdienste, die sich der Heimgegangene um die jüdische Gemeinde in Lissa erworben hat. Er habe nicht nur in hohem Matze mitgewirkt an der Errichtung des schönen steinernen Gotteshauses, sondern habe auch durch sein Leven und Streben in echt jüdischem Geiste, durch sein vorbildliches Beispiel einen Tempel der Frömmigkeit und der Gottesfurcht in den Herzen der Gemeindenlitgljeder und insbesondere der jüdischen Jugend geschaffen. — Immer seltener wird die Zahl derjenigen, die wahres menschliches und jüdisches Interesse und Zugleich jüdisch^-religiöses Fühlen betünden und betätigen. Ihr Tod hinterläht eine fühlbare, oft kaum auszufüllende Lücke. Wer nach den Worten Goethes: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!" gelebt hat, dessen Andenken bleibt ein Segen für alle Zeiten. Hamb-rrg, 5. Juli. Die diesjährige Generalversammlung der Mitglieder des Vereins zur Forderung ritueller Speisehäuser E. B. fand unter Vorsitz des .Herrn Hermann Gumpertz statt. Dem Bericht für 1917 ist zu entnehmen, daß den Einnahmen an Beitrügen, Spenden usw. von 7684,31 Mark Ausgaben für Subventionen und sonstige Vereinskosten von 7550,01 Mark gegenüberstehen, so daß die Bilanz mit einem Fehlbetrag von 134,30 Mark abschließt. Die Einnahmen sind erheblich zurückgegangen, in der Hauptsache durch den Ausfall an Jahresbeiträgen imd Spenden infolge der Kriegsverhältnifse. Die bewilligten Subventionen sind sämtlich zur Auszahlung gelangt, doch hat sich der Verein in anderer Beziehung Einschränkungen auferlegen müssen, so daß der Ausfall an Einnahmen dadurch einigermaßen ausgeglichen werden konnte. Ende Dezember 1917 betrug die Mitgliederzahl 998. Die turnusmäßig ausscheidenden Mitglieder des Direktoriums wurden durch Zuruf wieder gewählt; neu gewühlt wurden die Herren Carl Bing (Hamburg) und Jacob L e vy (Berlin). — Köln, 5. Juli. Ein jüdischer Kaufmann aus Aachen, geboren in Kvwno, wollte ein Mädchen in Köln heiraten, das auch aus Polen stammt. Papiere waren nicht zu erlangen, und deshalb ging man dazu über, in Köln-Mülheim nur eine rituelle Trauung vorzunehmen. Hier besorgte derartige Handlungen.der Schächter. Die Brautleute hielten sich nun für verheiratet, und in Mülheim wurde die Hochzeit festlich begangen. Nach zwei Jahren kam heraus, daß der Schächter das Strafgesetz des Deutschen Reiches verletzt hätte, weil er ohne Vorliegen einer bürgerlichen Trauung eine solche kirchlich vorgenommen hatte. Staatsanwaltschaftsrat Dr. Wandesleben sah den Vorfall aber recht scharf an. Die polnischen Juden gingen gern zu diesen vereinfachten Trauungen über, um bas Gesetz zu umgehen, wodurch die allergrößten Jrrtümer bei allen Behörden entständen; sie schlössen sich geflissentlich nicht der Synagogengemeinde an, sondern bildeten kleine Gemeinden unter sich, welche die nur rituellen Trauungen besonders gern sehen. Gefängnis wolle er nicht beantragen, aber eine hohe Geldstrafe von 150 Mark. Rabbiner Dr. R o s e n t h a l billigte den Standpunkt der Staatsanwaltschaft. Vergeblich suche der Rabbiner dem Unfug.'der rituellen Trauungen ohne gesetzliche Unterlage zu steuern. Die Strafkammer hielt eine Geldstrafe von 50 Mark für angemessen. — Düsseldorf, 5. Juli. Es dürste kaum, bekannt sein, daß in Deutschland, und zwar im bayerischen Franken, eine ziemlich ausgedehnte, aus Polen herübergekommene Kunstkolonie der Ostjuden besteht. Als im 18. Jahrhundert die vis dahin glänzenden Verhältnisse der Ostjuden wesentlich eingeschränkt wurden, wanderten, wie in den „Monatsheften für Kunstwissenschaft" mitgeteilt wird, einzelne Gemeinden aus und wandten sich nach Franken, der Heimat so vieler ihrer Vorfahren. (Man braucht nur an die Namen „Frank", „Frankel", „Fränkel" zu erinnern.) Mit diesen Rückwanderern ging aber auch, ihre Kunst nach der früheren Heimat. In kleinen Städten und Dörfern des oberen Maintales, so in Horb, Nadwitz, in der Umgebung von Würzburg (z. B. in Allersheim und Kirchheim), ferner in der Umgebung von Ansbach (Bechhoven) erbauten die auS Polen Vertriebenen schmucklose, nüchterne Betstuben, die außen scheunen-.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.