Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1918)
- Date
- 1918-07-12
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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2. Jahrgang Nr. 28 Berlin, 12. Juli I0|8 wu vipraranoennre. Rrilosr zur „AUgemrinm Leitung bt§ IudentumK". Lorrrlpouvrn?m und Aachrichttn. Skutschisnd. Berlin, 9. Juli. Die Wohltätigkeitszentrale der Berliner Kaufmannschaft bringt jetzt ihren Geschäftsbericht für das Jahr 1917 Zur Versendung.. Es ist recht interessant, aus der übersichtlichen, statistisch belegten Darstellung, zu sehen, wie sich die G e st a l t u n g der Wohlfahrtspflege in der Tätigkeit dieser Stelle spiegelt, wie die Einflüsse des Krieg es ihren Niederschlag in den Gesuchen finden, die ihr überwiesen werden. — Tie Notwendigkeit einer derartigen Begutachtung d e r Gesuche von Vereinen und Wohlsahrtseinrichtungen, wie sie die Wohltätigkeitszentrale für ihre Mitglieder ausübt, hat sich gerade im Kriege besonders erwiesen; denn die große Zahl der neuen K r i e g s g r ü n d u n g e n und Sammlungen Läßt es besonders wichtig erscheinen, die Geber sachkundig darüber zu beraten, an welcher Stelle ihre Zuwendungen wirklich angebracht sind und der Allgemeinheit zugute kommen. Nur aus diese Weise ist es möglich, weitere Kreise davor zu bewahren, ihren Namen oder größere Geldmittel für unzweck mäßige oder unlautere Gründungen herzugeben, wie sie auch in der Kriegszeit besonders häufig entstanden sind. Die Beratungstätigkeit der Wohltütigkeitszentrale geht von den gleichen Gedanken aus, die schon zum Erlaß der so wichtigen und Gutes wirtenden Bundesratsverordn u n g über die Regelung der Wohlfahrtspflege geführt haben. Die ausführenden Stellen vertreten erfreulicherweise gleichfalls den Grundsatz der Z u s a m m e n f a s s u n g in Ausbau und Werbetätigkeit der Vereine, wie ihn die Wohliätigkeitszentrale schon seit einer Reihe von Jahren zur Richtschnur genommen hat und wie er auch in den Kreisen der gut arbeitenden, angesehenen Vereine selbst immer mehr Eingang findet. Auch für die Versorgung der Truppen im Felde und in den Lazaretten ist dieser Grundsatz von den maßgebenden Stellen geltend gemacht und die Beratung demgemäß ausgeübt worden. Daneben sammelte die Wohltätigkeitszentrale jedoch wieder eine eigene Mitgliederspende für Groß-Berliner Lazarette, deren Ergebnis in Höhe von 10 605 Mark den Zentralisationsgrunds atzen entsprechend nach Vorschlägen der zuständigen Herren Terrirvrialdelegierten an 20 Reservelazarettdelegierte zur Verteilung kam. Begreiflicherweise stand überhaupt die Kriegssür sorge wieder durchaus im Vordergründe, auch der Beratung. Bezeichnend hierfür ist es, daß von 159 N e u P r ü f u n ge n , die im Jahre 191/ vorzunehmen waren, allein 104 Organisationen galten, die Mittel für Kriegs Hilfe erbaten. Bemerkenswert rst auch die ftarke Zunahme der Gesuche um Geld, während die Gesuche um Ueberlassung von Waren erheblich zurückgegangen ]uxt>. Hier haben sewstverständlich die Beschlagnahmungen, Bezugsfcheinschwi-erigkeiten ufw. auch mitgesprochen. Bon der Gesamtzahl von U47 der Wohltätigkeitszentrale überwiesenen Gesuchen wurden im Jahre 1917 68,5 Prozent durch die Mitglieder b e r ü ck s i ch - trgt (gegen 60 Prozeilt un Borjahr). Neben den günstigen Wirkungen der Bundesratsverordnung, die vielen unliebsamen Gründungen den Boden entzieht, ist hieraus zu ersehen, daß die Wohltätigteitszentrale, die 1917 einen ganz erheblichen Bi i t - gltederzuwachs zu verzeichnen hatte, es sich durchaus angelegen fein läßt, wo irgend wirtlich sördernswerte Wohlfahr t s b e st r e b u n g e n vorhanden sind, auch zu ihrem G e - deihen beizutragen, dabei aber die Kaufmannschaft, die einen erheblichen Teil der gebenden Kreise bildet, vor Ausnutzung und Täuschung zu schützen. Es kann deshalb jedem Kaufmann sowohl in seinem eigenen wie im Interesse der Allgemeinheit nur geraten werden, an ihn gelangende Gesuche, der Geschäftsstelle der Wohltätigkeitszentrale, W 35, Flvttw e l l st r. 4, zur Prüfung und Begutachtung zu überweisen. E. M. Berlin, 12. Juli. Die Beisetzung der Aschenreste des verstorbenen Aeltesten der Berliner Jüdischen Gemeinde Geheimrat Dr. Julius Pieck fand auf dem Friedhöfe in Weißensee in einem von der Gemeinde gestifteten Ehrengrabe statt. Der.Bestattung ging eine Trauerfeier in der alten Zeremonienhalle voran. Nach einleitendem Ehorgesang hielt Rabbiner Tr. Keller mann die Gedächtnisrede. Er betonte die strenge Rechtsliebe des Verstorbenen, den ein inneres Bedürfnis zum Studium der Rechtswissenschaft geführt habe. Der Heimgegangene war ein treuer Sohn seiner Religion und seines Volkes, der sich mit Rat und Tat in den Dienst der Gemeinde- Verwaltung stellte. Mit besonderem Interesse trat er stets für die Förderung des jüdischen Handwerks ein; auch die jüdischen Künstler verlieren in ihm einen warmherzigen Förderer. Sein Wesen war .durchdrungen von bewußtem Judentum und bewußter Staatsbürgertreue. Ter Bereinigung dieser beiden Bürgertugenden war fein arbeitserfülltes Leben» geweiht. Für den Vorstand der Jüdischen Gemeinde sprach Justizrat Magnus herzliche Abschiedsworte. Er zeichnete ein Lebensbild des verstorbenen Mitarbeiters, der ein unermüdlicher Arbeiter und ein guter Kamerad gewesen sei. Tr. Piecks Interesse galt, allem Guten und Edlen in der Welt. Leine Arbeit rn der Gemeinde war ergebnisreich, denn seine in Jahrzehnten der Arbeit im Staatsdienste erworbenen Erfahrungen besruchieten die Gemeindeverwaltung. Nach eurem Lchlutzgesang des Chores wurde der schlichte Sarg, der die Aschenurne barg, zur Gruft getragen. &&& Berlin, 9. Juli. Tie A gudas-Jrsroel - I u g e n d - u nd M ädche n gruppe zu Berlin erstattet Bericht über das Geschäftsjahr Februar 1917 bis Januar 1918. Um Lehre und Leben des Judentums auf der Höhe zu erhalten und sie weiter zu festigen, sah sich der in der Generalversammlung vom 18. Februar 191/ neugewählte Vorstand der Agudas-Jisroel-Jugendgruppeu Berlin der verantwortungsvollen 'Ausgabe gegenüber, das nt den Jahren 1914,1915 und 1916 mühevoll geschaffene Werk vor den schweren Stürmen des Kriegsjahres 191/ zu schützen und immer mehr zu vervollkommnen. Tie Bereinigung gliedere sich in eine (männliche) Jugendgruppe und eine (weibliche) Mädchen - grupp-e, die zwar getrennte Borstande, aber eine völlige Arbeitsgemeinschaft haben. In beiden Gruppen waren im Berichtsjahre große Schlvierigkeiten zu überwinden. Es standenvon den i/O Mitgliedern der Jugendgruppe über 50 Prozent int Heeres- und fast 20 Prozent im Hilfsdienst; selbst von den sieben Vorstandsmitgliedern befinden sich drei beim Militär. Im Kriege fielen Jsuiar L t i a r z, der frühere erste Borsitzende, Bernhard H a u s m a u n , Mitglied der Propagandakommisston, und Fritz R a u. Auch der Borstand St'r Mädchengruppe tonnte deren 160 Mitglieder nicht restlos zur Arbeit heranziehen, da ein erheblicher T-etl von ihnen' in Kriegsorganisationen tätig mid übermäßig beschäftigt lvar, und auch die übrigen mit häuslicher Arbeit und allerlei Sorgen derart überlastet waren, daß vielen nur wenig freie Zeit für die Organisation zur Verfügung siand. Trotzdem wurde Ersprießliches geleistet. Zunächst stellte der neugewählke Vorstand nach seiner Konstituierung ein Programm seiner Arbeit in der Gruppe und jür sie aus, während der Vorschlag, ein eigenes Heim einzurichten, bis nach Friedensjchluß vertagt werden mußte. Man'kam überein, vor allem die Möglichkeiten jestzustellen, durch die die Jugend jeglichen Alters mehr wie-bisher h-er-angezogen lvevden könnte. Zu diesem Zweck ward eine Propagaiidakonnnisston gebildet, die ausklarende Flugschriften verbreiten, persönlichen Verkehr anknüpfen, durch ausgedehnten Verkauf der Agndas-Jisroel-Marten und Aufforderung, die Lehrkurse zll besuchen, die Bestrebungen der Aguda betanntmachen sollte. So fand der Frühling 1917 die Gruppen für die Erfüllung der Aufgaben des neuen Geschäftsjahres vorbereitet. Dem Agudas-Jlsroel-Programm getreu sollten auch die Berliner Gruppen vornehmlich ihre Ideale sehen im Lernen und Lehrer., von der Annahme ausgehend, daß die Kenntnis jüdischer Geschichte und Literatur allein den Lehr- und Glaubensmhal'l des Judentums nicht zu erschöpfen, sondern daß erst das Studium des Gesetzes, der schriftlichen Lehre wie der Tradition den wahren Sinn jüdischer Religion zu übermitteln vermag. Wahrend des Sommers 1917 und des Winkers 1917/18 hielt der Vorsitzende, Herr Tr. M. Hildesh o i m e r„ für Herren und Damen gemeinsam Vorträge über die Wochenabschnilte, die sich regen Zuspruchs erfreuten. In der Jugcmdgruppe fanden Diskussionsabende unter Leitung des Herrn Rabbiners Dr. E. Munk statt. Im Anschluß an Vorträge, die von den Mitgliedern selbst gehalten wurden, wurden die aufgeworfenen Probleine in mehreren Wochenstunden eingehend erörtert, und zwar die Themata: