Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1918)
- Date
- 1918-07-12
- Page
- Seite 336 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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536 einen Narren gefressen, und eine weltkluge Frau Mahlow, die hinter dem Freier stand. 2. Als Alice wieder ihr Zimmer betrat, war sie nicht wenig erstaunt, ihren Bruder Julius dort vorzusinden, der saut und gelangweilt auf dem Sofa sich wälzte, die ewige Zigarette zwischen den Lippen. Bei ihrem Erscheinen erhob er sich ein wenig aus seiner bequemen Lage, worüber sie sich abermals verwunderte. Julius war ein schöner Mensch von zweiundzwanzig Jahren, schlank nri-e eine Gerte, mit schwarzen Augen und regelmäßigen Zügen, dessen weiches Kinn und herabhängende Lippen aber einen Mangel an Energie und Festigkeit sofort bekundeten. „Tu hier, Juli?" fragte die Schwester gedankenlos. „Warte auf dich", war seine phlegmatische Antwort. „Hattest wieder einen langen Schwatz mit der alten Dame, wie urir das Mädchen sagte. Ist wieder etwas nicht in Ordnung?" „Nichts von Bedeutung", sprach sie gleichgültig. Es würde ein schwaches Rohr als Stütze nehmen heißen, wollte sie von diesem großen Jungen Rat ttnb Beistand erwarten. „Mir lieb zu hören", kam es von seinen Lippen mit einer gewissen Erleichterung. „Hatte schon Angst, daß es wieder einen Krach geben würde. Du weißt doch, mir sind alle Aufregungen verhaßt. Mir ist es da immer, als müßte ich einschreiten, da ich doch das einzige mürmliche Glied der Familie bin, und das ist mir Salz und Pfeffer in den Augen. Alice, limrmrt versuchst du denn nicht, dich mit der alten Dame etwas besser zu stellen?" „Aber, Juli, was fällt dir denn eigentlich ein? Wir kommen ja vortrefflich miteinander aus!" „Wirklich?" sprach er zweifelnd. „Kann dir nur sagen, daß dies gar nicht so schwer ist. Brauchst sie ja mtr ruhig reden zu lassen, bis sie fertig ist. Habe das schon längst herausgefunden und handle auch danach. Weißt dir, Alice," er blinzelte ihr schlau zu, „früher pflegte es auch bei mir bald überzukochen, wenn sie mir über Müßiggang, Schuldenmachen und dergleichen eine Standpauke hielt. Schließlich aber mußte sie doch den Geldkasten auftun und berappen. Habe daher bald eingesehen, daß es nur Kraftverschwendung meinerseits war, ihr zu widersprechen und die unangenehme Situation noch Nl verlängern. Ich bleibe darum immer stumm wie ein Fisch, bis ihr der Atem ausgeht und der Geldschrank aufgeht. Guter Witz, was? Allerdings hat es viel zu bedeuten und trägt auch zur gegenseitigen Beruhigung bei, daß ich ihr Herzblatt, ihr ausgesprochener Liebling bin." Nach einer Weile sagte Julius: „Dil könntest etwas für mich tun. Ich meine: Ellen Tumont." „Was willst dl! denn von Ellen Tumont?" Die Zigarette drehte sich schneller und das Lächeln wurde einfältiger. „Sie ist doch deine Frellndin, und du kannst mit ihr machen, was du nllr willst." „Das wohl nicht ganz, Jlllius. Ellen hat ihre Meinung für sich und sie läßt sich nicht so leicht von einem anderen beeinflussen. Indessen sage mir ruhig, was tut willst und was ich . . . Ah!" sie brach Plötzlich ab, da sie den Bruder zu verstehen glaubte. „Ja, ja, das meine ich", nickte er ihr verständnisvoll zu, mit einem Eifer, der fast komisch wirkte, die Schwester aber mit tiefem Ernst erfüllte. „Ja, Alice, es ist wahr, ich bin in Ellen total verschossen. Hast du es denn noch gar nicht bemerkt? Ich nierkte es schon seit vielen Monaten. Aber weißt du, was dem Faß den Boden ailsgestoßen hat?" (Fortsetzung folgt.) Tischo ffiran). Von S. Asch ne r. ie lieblich war der Tempel anzuschaun! Im Sonnenlicht Schien er wie flüssig Feuer*) aufzulodern — Das Aug' der Pilgernden ertrug ihn nicht — Und winkte liebreich von der Höhe Mit L'iebesarmen zu sich her Aus-Erdennot und Er-denwehe Der schmachtenden Belad'nen Heer. Gegründet für die fernsten Zeiten, Stolz wie ein König stand er da. Gehüllt in seine Herrlichkeiten, Unnahbar und doch freundlich nah. Da kam der Krieg aus fernen Landen, Und immer näher schwoll sein Meer. Gen Zion flog des Cäsars Adler Voran dem Welterob'rerheer. Schon ist der Tempelberg erstiegen. Sieh's, Herr, aus deinem Firmament! Hilf deinem treuen Volke siegen! Und da geschaht! Der Tempel brennt. Der Tempel brennt! Ein Riesenschrei Lodert empor so qualvoll gelle. Als bräche bittre Thränenquelle Aus harter Felsenbrust, als fei Er aus der Erde Mark gestiegen. Es schrie ganz Israel. Die Mutter Rahel schrie Bor namenlosem Weh in ihrem' Grabe. Jäh an den Himmel schlug die Threnodie, Doch der war grau und stumm und dampfverhangen. Ihr rotgeweintes Mutterauge barg Die Sonne. Selbst der Römer stand in heil'gem Bangen j Vor seinem Werk, erschauernd bis ins Mark. — Und dieser Schrei ist nie verstummt. Wir hören ihn in diesen Tagen, Wenn wir an unsrer Klagemauer Um Zions ew'ge Schöne klagen. Ein wehmutsüßes Deingedenken Entzündet alle unsere Oual, Und unsre heißen Tränen tränken Den Durst des Schmerzes noch einmal. Nie hat der Römer dich zernichtet. In unsrer Seele strahlt dein Bild, Unsagbar herrlich aufgerichtet. Mit Glanz und Heiligkeit erfüllt. Es möchte streben, möchte steigen. Dehnt wonneweit des Herzens Raum, Möcht liebeschwer sich niederneigen Auf unser Weh. Du goldner Traum, Du unser Väter heiliges Erbe, Du mehr denn Traum und Wirklichkeit! Du unser Schicksal hold und herbe, Du unser köstliches Geschmeid! l) Der blitzende Anblick des Tempels wird von Josephus, „De Bell. Jud.", bezeugt wie folgt: „Der äußere Anblick des Tempels ließ nichts vermissen, was irgendwie Herz und Auge überwältigen konnte. Auf allen Seiten mit schweren Gold-Platten belegt, blitzte er, wenn ihn die ersten Strahlen der Sonne trafen, im feurigsten Glanze auf und zwang förmlich den Beschauer, so sehr er sich auch sträuben nwchte, die Augen wegzuwenden, nichts anders, als würde er in die Sonne selbst schauen." Von dem fürchterlichen Weheschrei, als der Tempel brennt, spricht gleichfalls Josephus: „Selbst viele von denen, die vor Hunger schon verschmachteten, überkam beim Anblick des seuersprühenden Tempels eine solche verzweifelte Kraft, daß sie wieder kaut zu jammern, ja zu schreien begannen." Auch Julius Mosen in seinen! prächtigen, dantesten „Ahasver", der so schön von Kaulbachs Fresko im Treppenhaus des Berliner Museums illustriert ist, macht wirkungsvoll darauf aufmerksaru.