Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-07-12 · Heft 28 (12.7.1918) · p. Seite 335

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 28 (12.7.1918)
Date
1918-07-12
Page
Seite 335 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229339-3229367--74152-3286630
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

——- ML Man wird solches Pathos eines ernsten, tiefen Denkers, eines wahrhaft Gläubigen Boeder Mücheln dürfen noch auf feinen praktischen Wert hin prüfen, fondern sich freuen, daß adfeliits von allen Reformern, die mvt ZaMen u-nd Aiffernrechnen-, es welltfremde Denker reinen Herzens gibt, dieunentwegt nach der Erfüllung höchster Ziele streben und ringen. Es wird uns schwer, ohne Erregung von einer letzten Schrift*8), die mit einem Bilde Theodor Herzels versehen — ich kann nicht sagen: geziert ist zu sprechen. Denn im Gegensatz zum Verfasser glaube ich nicht an einen Jiudenstaüt und im Widerspruch mit ihm würde 'ich die Errichtung eiines solchen Staates nicht für ein Glück, sondern für ein schweres Unglück häl.ten. Die Schrift ist aber nicht nur theoretische^ Darlegung, sondern historische Ansemandersetzung. Die äiütewn Bemührmgen deis Aioniisunuis lverden eben-fo beleuchtet wie die praktischen Pläne der jüngsten Zeit, und die mitgeteilten Aktenstücke, z. B. der Brief Balsours an Rothschild, die Erklärung der britischen- Regierung und andere, denen man bisher nur in- Zeiitungon 'begegnet ist, st'Nd fv wiichtig, daß man sich freut, sie mm im Buche zufamme-ngestellt zu finden. Der Verfasser setzt ferner auseinander, nnt welcher Begeiisterrmg der englische Plan -in Frankreich, Amerika, »auch in den neutralen Ländern ausgenommen ist, ver-schweiigt auch nicht die Widerstände der deutschen und jü-discheu Presse (von unserer Zeitung ist begreiflicherweise gar nicht die Rede). Er ist höchst unzufrieden mit einem Artikel der ,,Jüdischen Rundschau", welcher der türkischen Erklärung eine gewisse Billigung vergönnte, und begrüßt daher mit Freude ein Flugblatt des Zionistischen Vereins in Zürich, das in den Worten gipfelt: „Ein freies jüdisches Volk im freien Erez Israel." Zur Erfüllung dieser Forderung erklärt er es für nötig, -daß Palästina der Türkei entrissen u-nd zu Eng-land g-esicht-a-gen werde. Der Bierfässer schei.nt sich -nicht klar dari'l-ber zu seinwelche schwere in-ternationalle Gefahr in dieser Forderung liegt, wie dadurch nur der Jnrperi>alismn's Englands geftei-gert und eine unübersehbare Quelle von Benvickelu-ngeu, die >den. küniftigen Weltfrieden bedrohen urüßten, geöffnet wird. Wir können von unserem Standpunkte a-us ini Gegensatz zu seinem frohen Ausspruch: „Bor der Gründung eines Judenstaates" nur unsere Hoffnung zum Ausdruck bringen, daß es zur Gründung eines solchen Staates nicht komme und daß, wenn ein derartiger Staat doch errichtet werden sollte, er nicht unter den Schirm Engllands -gelange. Jedem das Seinige. (2. Forts.) Roma» von M. Pulverman n. ls Frau Mahlow wieder allein, warf sie sich in ihren Sessel zurück und war bald in tiefe Gedanken versunken. Doch schienen diese nicht unangenehmer Natur zu sein. Wenn sie ihr bisheriges Leben einer Prüfung unterzog, so hatte sie keinerlei Ursache, sich zu beklagen.. Sie war der Mittelpunkt eines großen, angesehenen, Kreises, alle in guter Position, von denen man keinerlei Belästigung zu befürchten brauchte. Ihr verstorbener Gatte hatte sie «in einer sehr guten Vermögenslage zurückgelassen. Ja, ihre gesellschaftliche Stellung hatte in jüngster Zeit durch die Heirat eines entfernten Verwandten mit -einer Ministertochter noch bedeutend gewonnen. Auch ihre Tätigkeit für das Gemeinwesen, für das öffentliche Wohl, mit der sie sich hin und wieder eine müßige Stunde vertrieb, fand allseitige Anerkennung und wurde in den Jahresberichten der betreffenden Vereine gebührend hervorge'hoben. Was aber allem die Krone auffetzte, war die nicht mißzuverstehende Huldigung, die der interessante Dr. Jarvis ihr schon bei der ersten Begegnung 'entgegenbrachte, die ihr Herz laut und wild 18) „Vor der Gründung des Judenstaates." . Von- Lazar Felix Pinkus, Dr. Phil. Zürich, 1918. Druck und Verlag Art. Institut Orel Füßli. schlagerr machte und ihr auf der Höhe des Lebens ein Liebesglück vorzauberte, das ihr an der Seite ihres verstorbenen Gatten versagt geblieben. Mit einem Worte, sie hatte gar keinen Grund, mit ihrem Geschick zu hadern oder unzufrieden 31t sein. Um so verdrießlicher war es daher, daß der einzige Mißton in ihrer harmonischen Lebensmelodie gerade durch ihre eigene Tochter Alice hineingetragen wurde. Aber Alice war ja schon von früher her so störrischer Natur und nur sehr schwer zu behandeln. Schon als Kind war sie so eigensinnig, ihren ursprünglichen jüdischen Namen „Lea" nicht rnit dem viel aristokratischer und christlicher klingenden Namen „Alice" vertauschen zu wollen. Erst als sie nach dem vornehmen Pensionat in Brüssel gebracht wurde, erst da gelang es der Vorsteherin, auf Betreiben der Mutter, sie zu überzeugen, daß, nachdem der Himmel sie mit einem so vornehmen Familiennamen beglückt, es mehr als eine Sünde wäre, ihren orientalichen Ursprung durch den Vornamen zu verraten. Seit damals hieß sie „Alice". Und zu der Mißstimmung, die von jeher zwischen Mutter und Tochter geherrscht, hatte sich inletzter Zeit noch ein weiteres störendes Element hinzugedrängt, das die Abneigung der Mutter in offene Feindschaft verwandelte und die Auflehnung der Tochter zu trotziger Empörung steigerte. Es rührte seit damals her, als Dr. Jarvis seine Besuche derartig gestaltete, die es bezweifeln ließen, ob sie einen ärztlichen oder j einen anderen Grund hatten. Um der Frau Gerechtigkeit j widerfahren zu lassen, muß gesagt werden, daß sie lauge rnit z sich gekämpft und lange sich gesträubt, ehe sie sich dem Einfluß | hingab, den der stattliche, blondbärtige, in den besten Jahren! stehende Mann auf sie auszuüben begann. Doch bald ließ sie j sich feine Aufmerksamkeiten und Huldigungen gefallen, ohne! sich zu fragen, ob diese nur ihren persönlichen Vorzügen galten! oder ob nicht etwa ihr Vermögen auch eine Rolle, wenn nicht j gar die Hauptrolle, dabei spielte. Sie blickte in den Spiegel,! und sie kam zu der Gewißheit, daß sie trotz ihrer zweiund-! vierzig Jahre noch so viele körperliche Reize besaß, um einen j Mann anzuregen und zu veranlassen, sich mit ihr zu beschäftigen. Sie war sich, auch der abfälligen Ansicht ihrer Bekannten! bewußt, mit der jene dieses Verhältnis betrachteten. Sie j konnte sich den spöttischen und hämischen ''Anspielungen nicht! verschließen, die ihr durch die besten Freundinnen mehr oder! minder versteckt in das Ohr drangen. Sie nrachte sich auch j keinerlei Gedanken darüber, daß ihre gesellschaftliche Position,! durch eine etwaige Verbindung mit einem Andersgläubigen,! der auch noch viel jünger als sie war und über keine Belastung ■ mit irdischen Gütern sich zu beklagen brauchte, einen gewaltigen j* Stoß erleiden könnte. Ihr Herz redete eine gar laute Sprache, - dem sie willig Gehör schenkte. Was sie aber hinderte, die Sache! zum Abschluß zu bringen, das war Alice. Frau Mahlow scheute es doch, einen zweiten Gatten in das Haus des erften zu bringen, solange ihre ernste, älteste Tochter noch in diesem Hause weilte. Alice würde sich viel darauf eingebildet haben, wüßte sie, welche wichtige Rolle sie bei den Entschlüssen ihrer energischen Mutter spielte! Bei ihrer Weichmütigkeit und Gutherzigkeit hätte sie sicherlich eine gewisse Rührung verspürt, obwohl es ihr nicht zweifelhast bleiben konnte, daß die Triebkraft der Mutter nicht Liebe zu der Tochter, sondern moralische Feigheit war. Aber in jedem Falle hätte es ihr einen kleinen Rückhalt gegeben, um ihren eigenen Lebenskampf etwas mutiger aufnehmen zu können. Aber Frau Mahlow war nicht die Person, ihre Tochter ins Vertrauen 31t ziehen oder dieser gar ein Einspruchsrecht bei ihren Handlungen einzuräumen. Es gab doch einen viel besseren, einfacheren Ausweg, um den vorwurfsvollen Augen der Tochter 31t entgehen und die Sache ins richtige Gleis zu bringen: es gab zum Gluck einen steinreichen Adolph Burger, der an der schweigsamen Alice förmlich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.